
Unumwunden ehrlich, wortgewaltig und tief berührend: "Tough Love", das inzwischen 19. Album von Simon Joyner, zeigt den stillen Singer/Songwriter-Giganten in Höchstform. Während der Musiker aus Omaha, Nebraska, auf dem Vorgänger "Coyote Butterfly" direkt und zutiefst persönlich den Tod seines Sohnes verarbeitete, bricht das neue Werk die Trauerarbeit durch fiktive Beziehungsgeschichten auf. Musikalisch balanciert Joyner derweil perfekt zwischen staubigem Americana und minimalistischen Velvet-Underground-Vibes und macht auch vor einigen experimentellen Elementen nicht Halt. Das beeindruckende Resultat ist ein facettenreiches Album, das unter die Haut geht.
Seit mehr als 30 Jahren verfolgt Simon Joyner inzwischen unbeirrt seinen eigenen Weg und hat sich dabei nie von der Aussicht auf schnellen Erfolg blenden lassen. Sein künstlerisches Tun, das merkt man praktisch jeder Note an, die er singt und spielt, ist für ihn eine Lebensaufgabe. Anstatt zurückzuschauen und sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, blickt er lieber nach vorn."Ich freue mich immer, wenn ein Album fertiggestellt und veröffentlicht wird, denn dann kann ich anfangen, an etwas Neuem zu arbeiten", erzählt er im WESTZEIT-Interview. "Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass die besten Künstler ein Kurzzeitgedächtnis haben und sich in einem fortwährenden Kampf befinden, einen Punkt mit ihrer Kunst zu erreichen, von dem sie eigentlich wissen, dass sie ihn nie erreichen werden."
Eingespielt mit seinem langjährigen Kollaborateur Michael Krassner sowie mit Mychal Marasco und den Dailey Brüdern Caleb und Micah, bewegt sich Joyner auf "Tough Love" musikalisch zwischen brüchigem Folk, Lo-Fi-Ästhetik und experimentellem Rock. Die akustischen Gitarren wirken oft roh und ungeschliffen, doch gerade in dieser Fragilität liegt ihre Kraft. Immer wieder brechen sich elektrische Gitarren, geisterhafte Synthesizer oder hypnotische Grooves ihren Weg und vertreiben so das Gespenst der Nostalgie. Deutlicher als auf seinen letzten Werken spürt man auf "Tough Love" auch den Einfluss von Leonard Cohen, Bob Dylan oder den bereits eingangs erwähnten Velvet Underground - in der Eröffnungsnummer "Annelie" wird sogar "Pale Blue Eyes" zitiert -, doch Joyner kopiert nie, er transformiert.
Joyners letztes, vor 18 Monaten erschienenes Album "Coyote Butterfly" war von emotionaler Trauerarbeit geprägt. Der Tod seines Sohnes Owen wirkt auch auf "Tough Love" nach, allerdings geht die Platte weit über reine Trauerbewältigung hinaus. Stattdessen untersucht Joyner die Idee der titelgebenden "tough love" in verschiedenen Beziehungsgefügen - romantisch, familiär, gesellschaftlich und politisch. Vor dem Hintergrund persönlicher Krisen und des Niedergangs des amerikanischen Traumes ist dabei mehr als eine klassische Songsammlung entstanden. In diesen 13 neuen Songs erzählt Joyner seine Geschichten wieder durch die Augen der Charaktere, die sein Songwriting schon immer so lebendig gemacht haben, nachdem er auf dem Vorgänger einen für ihn ungewöhnlich autobiografischen Ansatz verfolgt hatte, um seine Trauer und seinen Schmerz zu verarbeiten.
"Wenn ‚Coyote Butterfly‘ nur an der Oberfläche gekratzt hätte oder nicht weit genug gegangen wäre, gäbe es noch viel mehr zu tun, bevor ich wieder über andere Menschen und ihre Probleme schreiben könnte", ist er überzeugt. "Die übliche Art, wie ich über mein Leben schreibe, ist anhand anderer Charaktere und Geschichten, und genau das kann ich nun wieder machen. Aber ich schuldete es Owen und meiner Familie, mich für diese speziellen Lieder auf 'Coyote Butterfly' nicht hinter anderen Charakteren zu verstecken."
Nach dem textlich wie musikalisch sehr fokussierten letzten Werk zoomt Joyner nun heraus und wirft einen Blick auf das große Ganze. Persönlich sind seine Lieder auch dieses Mal, doch darunter mischen sich auch vermehrt gesellschaftliche und politische Aspekte.
"Ich mache zwischen zwei Platten immer mindestens ein Jahr Pause beim Songschreiben, und in dieser Zeit gibt es meistens viele Dinge zum Nachdenken und dann zum Schreiben", erklärt er. "Zwischen 'Coyote Butterfly' und 'Tough Love' erlebte ich Paare, die sich getrennt hatten, eine Freundin vertraute mir an, dass sie von ihrem Mann misshandelt worden war, ich kannte jemanden, dessen Partner einen schlimmen Unfall hatte. Ich hörte anderen zu, die auf vielfältige Weise von ihren Geschwistern, ihren Eltern oder ihrem Leben frustriert waren. Das Land bewegte sich nach rechts, und diese Beziehung zwischen Bürger und Regierung ging mir auch jeden Tag durch den Kopf. Als ich also mit dem Schreiben begann, drängte sich mir all dieses Material geradezu auf, und meine eigenen Beziehungen im Laufe meines Lebens flossen in die Geschichten ein."
Das wirft die Frage auf, ob es Joyner in schwierigen Zeiten wie diesen, in denen menschliches Leid scheinbar an jeder Ecke lauert, leichter oder schwerer fällt, den alltäglichen Kampf der Menschen überzeugend in Liedern einzufangen.
"Phil Ochs sagte einmal: 'In solch hässlichen Zeiten ist Schönheit der einzig wahre Protest', und das behalte ich im Hinterkopf", erwidert er. "Schönheit anzuerkennen oder etwas Schönes zu erschaffen, ist eine Form des Protests gegen die hässlichen Zeiten, in denen wir leben. Auch auf der Straße zu demonstrieren ist etwas Wunderbares. Es bekräftigt unsere gemeinsame Hoffnung, wenn wir uns versammeln, um auf eine andere Art des Handelns zu bestehen. Das Leben ist immer hart und war es für Menschen überall schon immer. Die Details ändern sich, aber der Kampf ist immer da. Das ist jetzt, ehrlich gesagt, nicht so anders als zu jeder anderen Zeit, in der ich über Menschen geschrieben habe. Es ist eine andere Reihe von Handelnden und Hindernissen, aber wir reagieren auf die gleiche menschliche Weise auf Leid, Kampf, Freude, Mitgefühl, Langeweile und Liebe."
All das in sein Tun, in seine Songs einfließen zu lassen, ist für Joyner nach wie vor alternativlos, wie er zum Schluss bestätigt: "Manche Leute sagen bisweilen, meine Songs seien zu düster oder beschäftigten sich zu sehr mit den Herausforderungen des Lebens. Ich denke aber, dass es wichtig ist, in der Kunst stets die Wahrheit zu sagen. Wenn du das nicht tust, machst du nur Propaganda. "
Aktuelles Album: Tough Love (BB*Island/Cargo)
Weitere Infos: https://www.instagram.com/simonjoynermusic Foto: Sara Adkisson

