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WIDOWSPEAK

Was zählt, ist die Musik

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In Zeiten, in denen sich immer öfter selbst etablierte Künstler in der vagen Hoffnung auf ein bisschen mehr Aufmerksamkeit aktuellen Trends an den Hals werfen, sind Widowspeak die wohltuende Ausnahme. Seit zehn Jahren vertraut das amerikanische Duo nun schon auf seine eigene Intuition und fasziniert mit einer betörenden Melange aus federleichtem Shoegaze-Pop, verhangenem Psychedelic-Sound und ein wenig heimeligem Country-Twang. Auch auf ´Plum´, ihrem neuen, inzwischen fünften Geniestreich, verwandeln Molly Hamilton und Robert Earl Thomas mit viel Understatement scheinbar unspektakuläre Versatzstücke in magische Songkleinode, die verträumt anmuten mögen, aber dennoch fest in der Realität verwurzelt sind.

Selbst wenn sie eigentlich wissen, dass die goldenen Zeiten längst passé sind: Auch heute noch bewegt die Aussicht auf Ruhm und Reichtum viele Musiker dazu, der Künstlerkarriere alles unterzuordnen – es könnte ja sein, dass irgendein seltsamer Zufall plötzlich doch zum Erfolg führt. Molly Hamilton und Robert Earl Thomas waren zwar erst Anfang 20, als sie Widowspeak aus der Taufe hoben, hatten aber schon damals kein Interesse daran, alles auf eine Karte zu setzen und sich in den Rachen der Musikindustrie zu stürzen.



„Natürlich kann eine Band unseres Levels ein gutes Auskommen haben, wenn sie unentwegt auf Tournee ist, aber abseits der Miete haben sowohl Rob als auch ich Studiendarlehn, die zurückgezahlt werden wollen. Das ist ohne Jobs neben der Musik nicht machbar“, erklärt Hamilton im Westzeit-Interview, als wir sie wenige Tage vor der Veröffentlichung des neuen Albums daheim in New York City erwischen. „Gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, dass Bands, die alles auf eine Karte setzen, schneller ausbrennen. Außerdem kann es auch ein wenig seltsam sein, wenn sich bei dir alles um die Musik dreht und das alles ist, was du kennst.“

Ganz abgesehen davon hätte es auch überhaupt nicht Hamiltons Naturell entsprochen, einer großen Karriere im Rampenlicht nachzujagen. Schließlich stammt sie ursprünglich aus Tacoma, Washington, und ist mit dem DIY-Spirit von Labels wie Sub Pop, Kill Rock Stars oder K Records aufgewachsen.

„Für mich stand nie im Vordergrund, aufzutreten oder als große Persönlichkeit zu glänzen“, verrät sie. „Manche Menschen gehen ja richtig in dieser Rolle auf und nutzen das, um eine Verbindung zu anderen aufzubauen, aber Pop- oder Rockstar zu sein, wäre für mich überhaupt nicht reizvoll. Mein Interesse galt immer nur dem Musikmachen an sich.“

Lieber konzentrierte sie sich deshalb gemeinsam mit Thomas auf das, was Widowspeak nun bereits seit fünf ausnahmslos hervorragenden Platten auszeichnet. Das Duo weiß, was es will und wo seine Stärken liegen, und verfolgt den einmal eingeschlagenen Weg auch mit ´Plum´ unbeirrt weiter.



„Wir sind nie darauf aus, ein großes stilistisches Statement abzuliefern“, sagt Hamilton, „aber es gefällt mir, dass Widowspeak klar definierte Grenzen haben, auch wenn sie eher gestrichelte Linien darstellen, die wir überschreiten können, wenn uns danach ist. Ich mag es, dass wir innerhalb eines bestimmten Spektrums operieren, denn gewisse Beschränkungen sind sehr anregend für die Kreativität. Bei Widowspeak fühle ich mich wie eine Schriftstellerin, die Werke in Serie schreibt anstatt eigenständiger Romane.“

Augenzwinkernd ließe sich das neue Album deshalb gut mit „Wieder das Gleiche, nur anders“ beschreiben. Nach dem ganz auf das Live-Set-up der Band zugeschnittenen düster-aggressiven Vorgänger ´Expect The Best´ aus dem Jahre 2017 kehren Widowspeak mit ´Plum´ zu dem leichtfüßigeren Sound zurück, der vor fünf Jahren das Album ´All Yours´ und zuvor das selbstbetitelte Debüt ausgezeichnet hatte, und beweisen so eindrucksvoll, dass man nicht unbedingt dem Zeitgeist hinterherlaufen muss, um zu begeistern.

„Ich mache mir heute keine großen Gedanken mehr darüber, was gerade cool ist“, gesteht Hamilton. „Das ist vielleicht auch der Grund, warum wir uns immer treu geblieben sind. Mein Geschmack als Hörerin hat sich nicht großartig verändert. Ich tauche einfach tiefer in das ein, was ich schon immer mochte. Rob und ich hören und mögen auch viel aktuelle Sachen, aber wir sind nicht mehr wirklich Teil des Zeitgeistes.“

Dennoch erweitern Widowspeak auf ´Plum´ behutsam, aber doch merklich ihr Spektrum. So ergänzen nun eine bisher unbekannte Direktheit beim Songwriting und die Konzentration auf eine straffe Rhythmusgruppe die alten Tugenden – verstaubt klingende Gitarren, hinreißende Ohrwurmmelodien und ausladende, warmtönende Arrangements –, um die unbequemen Wahrheiten zu orchestrieren, die Hamilton in den Texten anspricht. Stücke wie ´Money´ oder ´Breadwinner´ entstanden zwar bereits vor vielen Monaten, wirken im derzeitigen politischen Klima aber geradezu tagesaktuell. Es ist typisch für Widowspeak, dass Hamilton genau das gar nicht recht ist.

„Heute würde ich diese Texte sicher nicht mehr so schreiben“, sagt sie. „Natürlich hat man in schwierigen Zeiten schnell das Gefühl, dass es wichtig ist, die drängenden Probleme zu thematisieren, aber ich denke auch, dass es sehr menschlich ist, sich etwas widmen zu wollen, das nicht unbedingt eskapistisch, aber doch tiefgründiger ist als die tagesaktuellen Themen. Im Moment würde ich lieber über Alltägliches schreiben, die kleinen Dinge, auf die wir tatsächlich Einfluss haben. Ich zumindest fühle mich derzeit von Musik angezogen, die mir das Gefühl gibt, geerdet zu sein, anstatt abgekoppelt und durcheinander. Deshalb ist es ein wenig seltsam, dass ´Plum´ gerade jetzt erscheint, denn ich kann niemand böse sein, wenn man derzeit keine Songs hören will, die von all den Problemen handeln, die eh schon den ganzen Tag lang in den Nachrichten präsent sind.“

Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass die Beschäftigung mit genau diesen Themen für Hamilton eine Herzensangelegenheit war und ist. Schließlich mündete ihr gespaltenes Verhältnis zur Musikindustrie in einer Sinnkrise, die sie nach Ende der Tournee zu ´Expect The Best´ zu einer längeren Auszeit zwang. Denn auch wenn sich Widowspeak früh entschieden, nicht dem Rockstar-Traum nachzujagen – ganz ohne „Was wäre wenn...?“-Gedankenspiele kommt auch Hamilton nicht aus.

„Natürlich frage ich mich bisweilen, ob wir größere finanzielle Risiken eingehen und zum Beispiel mehr international auf Tour gehen sollten“, gesteht sie. „Allerdings bin ich aber auch sehr glücklich, dass es uns in all den Jahren gelungen ist, uns unsere Integrität zu bewahren, da mir das persönlich sehr wichtig ist. Wir haben uns keine größeren Fehltritte geleistet, die meine Intentionen hinter all dem, was wir mit der Band tun, infrage gestellt hätten.“

Zwar hat sie bisweilen ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, so viel Zeit in die Musik zu investieren, obwohl sie damit nicht verlässlich ihren Lebensunterhalt bestreiten kann, letztlich, da ist sie sich sicher, ist die künstlerische Betätigung für sie allerdings alternativlos.

„Zeit in die Kunst zu stecken ist das, was ich tun möchte“, sagt sie bestimmt. „In gewisser Weise ist sie mein Antrieb, überhaupt etwas anderes zu tun. Selbst wenn sie irgendwann nur noch ein Hobby wäre – dass ich ihr nun schon so viele Jahre mehr Aufmerksamkeit und Hingabe als allem anderen widme, das allein ist für mich schon eine Erfolgsgeschichte!“

Aktuelles Album: Plum (Captured Tracks / Cargo)


Weitere Infos: widowspeakforever.com Foto: Widowspeak

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