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AJA MONET

Zwischen Intimität und Widerstand

AJA MONET

Mit ihrem neuen Werk "The Color Of Rain" taucht die surrealistische Blues-Poetin Aja Monet ab in tiefgründige Klanglandschaften, in der gesprochenes Wort auf virtuos verflochtene Elemente aus Jazz, Blues, Neo-Soul und Hip-Hop trifft. Ihre Gedichte und Songs sind ein flammender spiritueller Aufruf, hinzuhören, intensiv zu fühlen und die Welt durch die Linse radikaler Liebe und Befreiung vollkommen neu zu betrachten, wenn sie ihre kraftvolle Stimme als Instrument des Widerstands, der Heilung und der kollektiven Erinnerung einsetzt. Im Geiste von Nina Simone und Gil Scott-Heron wird so zwischen Intimität und Widerstand das Unsichtbare sichtbar gemacht.

Schon als Kind war Aja Monet von der Macht der Worte fasziniert, und daran hat sich für die heute in Los Angeles lebende 38-jährige Künstlerin mit New Yorker Wurzeln nur wenig geändert.

"Sie bedeutet mir alles", sagt sie im WESTZEIT-Interview über die Rolle der Poesie in ihrem Leben. "Sie ist Teil meiner Sicht auf die Welt, Teil meiner Existenz. Sie ist das, was ich liebe. Dichterinnen und Dichter sind Menschen, mit denen ich mich am stärksten identifiziere, mit denen ich mich am meisten verbunden fühle. Was Dichterinnen und Dichter mit Sprache und Poesie machen, ist ein wichtiger Teil meiner Community. Es ist tief in meinem Leben verwurzelt und wahrscheinlich das Beständigste in meinem Leben."

Mit ihrem Grammy-nominierten Debütalbum "When The Poems Do What They Do" bewies Monet vor drei Jahren eindrucksvoll, dass Poesie eine transformative Kraft besitzt. Mit "The Color Of Rain" führt sie diesen Weg konsequent fort, tauscht die Dringlichkeit des Erstlings dabei aber bisweilen gegen einen etwas entspannteren Vibe und einen facettenreicheren Klangkosmos jenseits des Jazz ein – oder, wie sie es selbst ausdrückt: "Ich würde nicht sagen, dass das Album friedvoll ist, aber es wirkt geerdeter. Für mich fühlt es sich geerdeter an."

Zur Seite stand Monet bei der Produktion vor allem ihr Partner, Justin Brown, der allerdings mehr als nur musikalische Expertise einbrachte.

"Zu sehen, dass er einfach er selbst ist und sich erlaubt, sein authentischstes, kreativstes und ausdrucksstärkstes Ich zu sein, brachte mich zu der Frage: 'Könnte ich das vielleicht auch?'", erinnert sie sich. "Als Musiker ist er sehr aufrichtig, und das fasziniert mich. Er ist einfach so ein brillanter Mensch, und seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit beim Spielen führen dazu, dass sich manches ein wenig schräg anhört. Das liegt daran, dass kein Sinn oder Grund dahintersteckt - es passiert einfach. Es gibt kein Ziel, kein 'Ich muss so klingen, ich muss das so machen.' Es ist einfach das, was uns einfällt, die Musik, die wir fühlen und zu der es uns hinzieht, und das ist irgendwie cool."

Eine ebenso wichtige Rolle bei der Entstehung des neuen Albums spielte aber auch Singer/Songwriterin und Bassistin Meshell Ndegeocello als Co-Produzentin, die nicht zuletzt dafür sorgte, dass Monet und Brown nicht vom einmal eingeschlagenen Weg abkamen.

"Sie ist einfach Meshell!", sagt Monet über ihre Kollaborateurin. "Sie ist ein sehr intuitiver, geduldiger und aufmerksamer Mensch, sie liebt Musik und hat so viele unglaubliche Projekte realisiert und dabei so viel gegeben. Was sie in die Arbeit eingebracht hat, war ein Gefühl der Ruhe im Studio, ein Gefühl der Organisation, ein Gefühl der Zuversicht. Ihr Gehör ist präzise, sie ist aufrichtig und empfindet eine tiefe Liebe zur Poesie. Ihr Ziel war es, den Fokus auf die Gedichte zu legen und uns dazu zu bringen, das auch zu tun. Gleichzeitig hat sie aber auch eine tiefgründige feminine Herangehensweise. Es ist nicht alles Ego, da ist auch viel Anmut im Spiel."

In vielen ihrer bisherigen Werke hat sich Monet mit Themen wie Rassismus, Kolonialismus und Ungleichheit auseinandergesetzt, und das nicht nur innerhalb der Grenzen der USA, sondern auch im Sudan oder in Palästina. Diesen Weg setzt sie auch auf "The Color Of Rain" unbeirrt fort, wenn sie schwarze Identität, koloniale Gewalt oder den Krieg im Kongo ebenso ins Zentrum rückt und wie die Notwendigkeit, gesellschaftlichen Respekt und Zusammenhalt nicht als abstraktes Konzept zu betrachten, sondern in gelebte Wirklichkeit zu verwandeln. Damit bringt sie viele Gedanken auf den Punkt, die sie und ihre Community schon lange geäußert haben, auch wenn sie zuvor oft auf taube Ohren gestoßen sind.

"Nichts von dem, was derzeit in meinen Gedichten thematisiert wird, ist unbedingt neu“, unterstreicht sie. "Es gibt vielleicht neue Wege, sie zu artikulieren, oder andere Wege, sie auszudrücken. Ich setze mich mit all den Dingen, über die ich spreche, die ich erlebe oder die ich zum Ausdruck bringe, schon lange auseinander. Es ist einfach so, dass es jetzt ein Publikum gibt und dass es jetzt vielleicht mehr Menschen gibt, die zuhören wollen, weil sich die Bedingungen geändert haben. Wir sehen jetzt das Ergebnis jahrelanger kultureller Aufklärungsarbeit: eine Nachfrage nach Authentizität, eine Nachfrage nach Vielfalt, eine Nachfrage nach Menschen, die sich nicht mehr belügen lassen wollen."

Einer der fesselndsten und aufrührerischsten Tracks auf der neuen LP heißt "Hollyweird", in dem sich Monet vor dem Backdrop der verheerenden Brände in Los Angeles im vergangenen Jahr das heuchlerische Verhalten vieler Prominenter und die Engstirnigkeit der verwöhnten Tinseltown-Stars vornimmt und dabei klingt, als seien die Worte zu diesem auch klanglich faszinierenden Afro-Punk-Song einfach so spontan aus ihr herausgesprudelt.

"Ja, dieses Gedicht ist quasi in Echtzeit entstanden", verrät sie. "Ich glaube, es spiegelt genau das wider, was damals in der Welt geschah, und leider ändern sich die Dinge oft nicht so schnell. Wir stecken da immer noch mittendrin."

So unmittelbar wie "Hollyweird" klingt – wie viel Bearbeitung steckt denn in Monets Gedichten, oder gilt für sie, dass der erste zumeist auch der beste Gedanke ist?

"Es kommt ganz darauf an. Manchmal sind die Dinge von Beginn an ganz klar und man muss gar nichts tun. In anderen Fällen muss man sich damit auseinandersetzen und es noch einmal überdenken. Das Mittel der Überarbeitung ist wahrscheinlich das Beste, was Menschen zu bieten haben", sagt sie und muss lachen. "Solange es ohne Vorurteile und in gutem Glauben geschieht, finde ich es gut, wenn man etwas noch einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und dann sagen kann: 'Hey, so habe ich das vorher nicht gesehen, aber jetzt sehe ich es so.' Man muss die Filter abnehmen, mit denen man aufgewachsen ist und die man dann irgendwie verinnerlicht hat. Wenn man geistig und kreativ diszipliniert ist, kommen einem die Dinge wahrscheinlich viel klarer in den Sinn."

Ein entscheidender Faktor ist sicherlich aber auch, dass Monet, anders als viele Künstlerinnen und Künstler heute, ihre Kreativität nicht in erster Linie als Karrieresprungbrett sieht. Während gerade im Hip-Hop und R&B das "Höher, schneller, weiter"-Denken wichtiger als alle inhaltlichen und künstlerischen Belange zu sein scheint, hat sie einen anderen Weg gewählt. Anstatt künstlerische Kompromisse machen zu müssen, um die Miete bezahlen zu können, arbeitet sie lieber Vollzeit als Artistic Creative Director für die weltweit aktive Organisation V-Day, die sich dem Ziel verschrieben hat, der Gewalt gegen Frauen und Mädchen ein Ende zu setzen.

"Ich stamme aus einer Familie von Menschen, die sehr bewusst leben", erklärt sie. "Für mich gibt es keinen anderen Weg zu leben, denn die Menschen, die mich erzogen haben, die ich respektiere und zu denen ich aufgeschaut habe, waren nie auf Transaktionen aus. Sie sahen Kunst nicht nur als Mittel zum Zweck, sie war Teil unserer radikalen schwarzen Tradition. Ich glaube, von den Dichterinnen und Dichter, die ich kenne und liebe, wollte niemand Millionär oder Milliardär werden. Sie wussten, dass das alles nur ein Schwindel war. Das Wesentliche im Leben war für sie, dass man etwas hinterlässt, das man etwas schafft, das vorher nicht da war."



Aktuelles Album: The Color Of Rain (drink sum wtr/Cargo)



Weitere Infos: https://ajamonet.com/

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