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LOUPE

Vier gewinnt

LOUPE

Es gibt Bands, bei denen stimmt einfach alles. Loupe aus Amsterdam sind eine solche Band: Vier Musikerinnen mit individuellem Aussehen, Temperament und Stil, die dennoch eine beeindruckend enge Einheit bilden und mit unbändiger Leidenschaft, spürbar großem Spaß am eigenen Tun und einem goldenen Händchen für atmosphärisch-verträumte Indie-Rock-Songs die Konkurrenz aus dem Stand ein gutes Stück hinter sich lassen. Jetzt veröffentlicht das Quartett mit dem famosen ´Leave Me There´ endlich seine langersehnte erste Single, im November folgt dann die Debüt-EP ´Older´ mit vier Songs, die komplex, dynamisch und unberechenbar, dabei aber stets fesselnd sind.

Amsterdam, Mitte September 2021: Am Tag nach der Veröffentlichung ihres Single-Erstlings stehen Julia Korthouwer (Gesang), Lana Kooper (Bass), Annemarie van den Born (Schlagzeug) und Jasmine van der Waals (Gitarre) auf der kleinen Bühne des Amsterdamer Kulturzentrums Cinetol und geben, einen Steinwurf von der Amstel entfernt, mit gleich zwei restlos ausverkauften Auftritten an einem Abend endlich ihre pandemiebedingt mehrfach verschobene Konzertpremiere in ihrer Heimatstadt und können dabei trotz anfänglicher Nervosität – im Publikum sitzen schließlich fast ausnahmslos Freunde, Bekannte und Verwandte – auf ganzer Linie begeistern, wenn sie in kaum mehr als 45 Minuten mit Morrissey´schem Selbstmitleid zu kokettieren scheinen (´Run Around´), bei ´Fair Enough´ mit kribbelnder Energie faszinieren, bei den zickigen Tempowechseln von ´My Fault´ fast schon einen Hauch von Doom versprühen, aber auch immer wieder Atempausen in die elektrisierende Performance einbauen. ´Better Off´ glänzt als sphärische Crooner-Ballade, ´What You Want´ deutet in Richtung ´Twin Peaks´-Dramatik und für die leise Unplugged-Nummer ´Please Don´t Leave Me Now´ reichen sogar allein Julias Stimme und Jasmines Akustikgitarre. Anders gesagt: Kein Song ist wie der andere und trotzdem klingt das Set wie aus einem Guss.



Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht: Ganz aus dem Nichts aufgetaucht sind Loupe nicht. Lana, Annemarie und Jasmine haben zuvor schon in der Band Dakota zusammen gespielt, doch als deren Sängerin Lisa Brammer aus persönlichen Gründen das Handtuch warf, standen die drei plötzlich ohne Frontfrau da. Von Dauer war die Trennung allerdings nicht.

"Nach etwa einem Jahr stellten wir fest, wie sehr wir es vermissen, zusammen zu spielen“, erinnert sich Annemarie beim Gespräch mit Westzeit. „Wir haben uns dann zu dritt getroffen und einfach ein paar Coverversionen gespielt. Das hat so viel Spaß gemacht, dass wir auf die Idee kamen, wieder eine Band zu gründen. Es war aber klar, dass das etwas Neues sein sollte: Neue Band, neuer Name, neue Songs, neue Sängerin.“

Klanglich reißt das Band zur Vergangenheit dennoch nicht ab. Ähnlich wie Dakota, die zwischen einem verwaschenen Shoegazer-Wall-of-Sound, Westcoast-Pop-Unbeschwertheit, lärmigem Garagen-Rock und in Schwermut gehülltem Dream-Pop ihren Weg gefunden haben, sind auch Loupe im Herzen eine Indie-Rock-Band, die Freud und Leid des Alltags in ihren Songs verarbeitet. Dabei faszinieren ihre Lieder mit hinreißenden Gitarrenmelodien, die sich selbst Johnny Marr kaum schöner hätte ausdenken können, einer eng verzahnten Rhythmusgruppe, die mehr tut als nur den Takt vorzugeben, und einer in süße Melancholie getauchten Gesangsstimme. Gleich ´Leave Me There´ entpuppt sich – seinem getragenen Tempo und resignierenden Inhalt zum Trotz – schnell als perfekter Popsong und ist dabei nicht nur die Debütsingle von Loupe, sondern tatsächlich auch der erste Song, den sie zu viert in ihrem Bunker-Proberaum im Amsterdamer Vondelpark vollendet haben.

"Das Lied ist der Grund, warum wir mit Julia zusammenarbeiten“, verrät Lana. „Wir haben den Song zu dritt als Instrumental geschrieben, als wir noch keine Sängerin hatten. Dann haben wir das Lied auf Instagram und Facebook geteilt und um Ideen für Gesangsmelodien gebeten. Einige Leute haben sich daraufhin bei uns gemeldet, darunter auch Julia, und was sie aus dem Lied gemacht hat, war einfach unglaublich. Wir haben nichts mehr daran verändert, glaube ich!"

´Leave Me There´ ist nicht nur klanglich die erste Visitenkarte des Quartetts, die Nummer gibt auch inhaltlich den Rahmen für die ´Older´-EP vor, mit der Loupe die Dualität zwischen der Hektik der Stadt und der Stille allein zu Hause in den Fokus rücken.

"Es geht darum, sich ins hohe Gras zu legen und inmitten einer hektischen Welt, die einfach nicht aufhört, hektisch zu sein, nach Ruhe zu suchen“, erklärt Julia. „Eigentlich wünscht man sich, dass das Chaos um einen herum eine Pause macht, aber gleichzeitig merkt man, dass es dieses Chaos ist, das einen am Laufen hält."

Der Abstand zwischen dem Menschen Julia und der Texterin Julia ist dabei oft nicht sehr groß.

"Alles, was ich schreibe, ist wahr, ich bausche lediglich die Details etwas auf", gesteht sie. "Das Ganze ist sehr persönlich. Zuvor habe ich eher poetisch geschrieben und fand es toll, wenn niemand verstehen konnte, was ich sage. Bei Loupe verfolge ich einen anderen Weg und schreibe viel direkter."

Genauso kontrastreich wie die Texte ist auch die Musik, Spiegelbild der betont gemeinschaftlichen Herangehensweise der Band.

„Wir schreiben die Songs zusammen“, verrät Jasmine. „Oft haben sie ihren Ursprung in einem Schlagzeug-und-Bass-Groove und dann kommen die Gitarren- und Gesangsmelodien dazu. Weil wir alle unterschiedliche Vorlieben und Einflüsse haben, führt das dazu, dass in den Songs auch verschiedene Elemente auftauchen."

Das führt dazu, dass sich die Musikerinnen während der Entstehung der Songs immer wieder gegenseitig überraschen. „Wir arbeiten ja jetzt schon eine Weile zusammen, aber immer, wenn ich eine Gesangshookline schreibe und sie an Jasmine sende, schickt sie mir den Song in Gold gehüllt zurück, und ich frage mich jedes Mal, wie sie das macht!“, gesteht Julia lachend.

Tatsächlich sind Loupe allein deshalb etwas Besonderes, weil die vier eine echte Band bilden, in der alle einen gleich wichtigen Beitrag leisten.

"Wir brauchen einander, denn es wäre wirklich harte Arbeit, das alles allein zu stemmen. Wenn jemand in einer Band alles allein macht, ist das oft ein Kampf, weil die anderen Bandmitglieder nicht bei der Sache sind“, ist Annemarie überzeugt, und Lana ergänzt: „Wir teilen uns nicht nur musikalisch die Aufgaben. In dieser Hinsicht sind wir tatsächlich alle gleich eingebunden, und ich denke auch, dass das etwas Besonderes ist. Das Schöne daran ist, dass wir auf diese Weise wirklich alle vier voll bei der Sache sind und das Ganze wirklich gemeinsam angehen. Manchmal macht es das natürlich auch kompliziert, weil wir alle in sämtlichen Dingen ein Mitspracherecht haben."

Zumindest im kreativen Prozess haben die vier dafür aber eine Lösung gefunden, die vielleicht sogar das versteckte Erfolgsgeheimnis dieser un-, nein, außergewöhnlichen Band ist.

"Die Songs müssen sich für uns alle richtig anfühlen“, erklärt Lana. „Wie Jasmine schon sagte, haben wir unterschiedliche Geschmäcker, aber wenn wir alle etwas mögen, dann wissen wir: Das ist richtig gut!"

Aktuelle Single: Leave Me There / Aktuelle EP: Older (Sinnbus)


Weitere Infos: thisisloupe.com Foto: Lisa Brammer

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