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THALA

„Ich wollte wissen, was an dem Gequatsche dran ist!“

THALA

„First we take Manhattan, then we take Berlin” gab Leonard Cohen einst als Devise aus, Senkrechtstarterin Thala dagegen macht es lieber umgekehrt. Erst rannte die Singer/Songwriterin aus der Hauptstadt schon als blutige Anfängerin gleich bei ihren ersten Open-Mic-Auftritten und als Straßenmusikerin überall offene Türen ein, inzwischen ist nach viel überschwänglichem Feedback aus Großbritannien und den USA allerdings auch die internationale Karriere zum Greifen nah. Tatsächlich fühlt sich ihr fantastisches Album ´Adolescence´ weniger wie ein Debüt an, sondern eher wie der Beginn von etwas ganz Großem, wenn sie zwischen atmosphärischem Dream-Pop, melancholischem Shoegaze und dezenten New-Wave-Anleihen zu einem hinreißend eigenen Sound für ihre Coming-of-Age-Texte findet.

Am Anfang von Thalas Traum stand ein Misserfolg. Ihre allererste Single veröffentlichte die Mittzwanzigerin ausgerechnet am 13. März 2020, dem Tag, an dem das Coronavirus das kulturelle Leben in Deutschland endgültig zum Erliegen brachte, doch seitdem beweist die junge Musikerin, dass man mit viel Fantasie, Können und Ausstrahlungskraft auch trotz Pandemie richtig durchstarten kann. Beeindruckende Zugriffszahlen auf Spotify, Airplay bei BBC Radio 1 in London, Sessions für renommierte Medien wie die Pariser Blogotheque und Einladungen zu den angesehensten deutschen Festivals (Immergut, c/o pop, Stadt ohne Meer, Reeperbahn Festival) – alles, was Thala anfasst, scheint sich innerhalb kürzester Zeit in Gold zu verwandeln.

In der Tat liest sich Thalas Geschichte ein wenig wie ein modernes Märchen. Ihr Interesse an der Musik wurde schon geweckt, als sie noch ganz klein war, doch verfolgen konnte sie diese Leidenschaft lange nicht, weil sich sie ihre Eltern nicht darauf einigen konnten, sie zum Musikunterricht zu schicken. Trotzdem wurde Thala schon früh bewusst, dass sie Talent hat.

„Ich bin mal über ein Klavier gestolpert, da muss ich elf oder zwölf gewesen sein“, verrät sie beim Video-Chat mit Westzeit. „Ich hab mich da drangesetzt und erinnere mich noch, dass ich das Gefühl total schön fand, zu spielen, und eigentlich klang es auch gar nicht so blöd, obwohl ich noch nie in meinem Leben an einem Klavier gesessen hatte. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich einen guten Pitch habe, dass ich merke, wie Noten gut zueinander passen, ohne wirklich zu wissen, warum."

Trotzdem verging viel Zeit, bis sie den nächsten Anlauf nahm., sich der Musik zuzuwenden. Erst als sie Jahre später für eine Ausbildung zur Tauchlehrerin auf den kanarischen Inseln lebte, führte eine Wette dazu, dass sie sich selbst – noch dazu per App! – das Gitarrespielen beibrachte und bald auch begann, erste Songs zu schreiben, die den Anfang für eine Verkettung glücklicher Zufälle bildeten.

"Nach meinen drei Jahren Ausland kam ich zurück nach Berlin, und da hat mich über Instagram ein Typ angeschrieben, der wollte, dass ich auf seinem Open Mic spiele, obwohl ich bis dato nur ein paar Videos mit einer schlechten Akustikgitarre, die sicher auch noch verstimmt war, hochgeladen hatte“, erinnert sie sich. „Ich habe dann gesagt: ´Ich weiß nicht, ich habe keine Songs, ich spiele nicht gut Gitarre, bist du sicher, dass du mich da haben willst?´ Dann habe ich es aber doch gemacht und die Reaktion war ziemlich toll. Das hat bei mir total viel ausgelöst. Ich dachte: Boah, Bühne, vor mir Menschen, Musik spielen und singen! Ich hab mich noch nie so Zen gefühlt! Trotzdem war ich natürlich total nervös, meine Hände haben gezittert und ich war schweißnass."

Sie lacht. Schon bald hatte sie die Gelegenheit, immer öfter in den Bars ihrer Heimstadt auf der Bühne zu stehen, nicht viel später kündigte sie ihren Job und fing an, auch noch Straßenmusik zu machen. „Da hat mich ein Freund von mir reingebracht“, erzählt sie. „Er meinte einfach: ´Komm mal mit!´, und dann haben wir uns hier ans Tempelhofer Feld gestellt und gespielt. Das kam auch supergut an, und seitdem wurde es immer mehr.“

Schon wenige Monate später hatte Thala dann nicht nur ein, sondern gleich zwei Plattenverträge in der Tasche. Nachdem sie Jaguar Suns ´Make It Out´ – per Handyaufnahme – gecovert hatte, landete die prompt bei deren Label Born Losers Records in Philadelphia, und aus Berlin klopfte Grant Box von Duchess Box Records an, der Labelheimat von Gurr und Sofia Portanet. Doch auch wenn Thala zugibt, dass die ganze Sache in den letzten zwei Jahren für sie immer ernster geworden ist, ein wenig scheint ihr Erfolgsgeheimnis zu sein, dass sie es – zumindest anfangs – gar nicht unbedingt darauf angelegt hat, erfolgreich zu sein.

"Ich habe gar nicht mit dem Anspruch angefangen, irgendetwas zu werden“, bestätigt sie. „Mein Ansatz war eher: Ich will mal gucken, wie weit ich kommen kann, weil mir die Leute ständig gesagt haben, was für eine tolle Stimme ich hätte und was für tolle Songs ich schreibe, aber ich habe das Gefühl, dass man das zu vielen Leuten sagt. Deshalb wollte ich mir das nicht zu Kopf steigen lassen, aber ich wollte wissen, was an dem Gequatsche dran ist!"

Schon bei der Veröffentlichung ihres ersten Albums hat Thala nun mehr erreicht als viele andere hiesige Künstler im Laufe langer Karrieren. Doch wo soll das Ganze enden? Ist ein nettes Auskommen bei völliger (künstlerischer) Freiheit das oberste Ziel, oder soll es vielleicht irgendwann doch auch mal ein Auftritt in der 18.000 Menschen fassenden Mercedes-Benz-Arena sein?

"Ich finde beides gut. Ich habe viele Freunde, die Straßenmusik machen und ein paar Open-Mics spielen und davon leben. Super easy, die haben eine schöne Wohnung und das Leben, das sie wollen“, sagt sie. „Ich dagegen möchte nicht aufhören, weil ich merke, dass das so schnell wächst. Ich will ja unbedingt touren, ich will unbedingt in andere Länder und ich hätte auch nichts dagegen, irgendwann in der Mercedes-Benz-Arena zu spielen. Natürlich will ich realistisch bleiben, aber ich will auch die Träumerei nicht aufgeben, denn ich glaube, man kann alles packen, wenn man sich auf den Hosenboden setzt und nur hart genug dafür arbeitet. Natürlich muss man auch ein wenig Glück haben und die richtigen Leute kennenlernen, aber ich habe festgestellt, dass man die auch kennenlernt, wenn man immer da ist."

Obwohl sie vom Songwriting bis zum Management immer noch eine „One Woman Show“ ist, hat Thala deshalb inzwischen längst die genau richtigen Partner an ihrer Seite, zu denen neben ihren Labels auch die Konzertagentur Puschen und ihre Band mit ihren beiden Co-Produzenten Constantin Kilian (Gitarre) und Michael Kümper (Bass) sowie Hannes Volz an den Tasten und Aidan Keith Lowe am Schlagzeug gehören, und ihre sonnige Zukunft hat sie sich auch schon ausgemalt:

"Irgendwann möchte ich ganz entspannt in, vielleicht, Neuseeland ein kleines selbst gebautes Häuschen am Meer haben, mit einem kleinen Gemüse- und Obstgarten, ein, zwei Surfbrettern und Tauchequipment und einem Musikzimmer – ein paar Hunde habe ich natürlich auch –, und dann bin ich glücklich!"

Der Grundstein dafür ist ihr LP-Erstling ´Adolescence´, auf dem sie mit juvenil anmutender Lässigkeit, aber doch auch beeindruckend konsequent mit Versatzstücken aller erdenklichen Facetten des Indie-Pop-Universums jongliert und mit zehn Songs, die bisweilen eher in Richtung der 80er und 90er deuten als in die Jetztzeit, auf den Spuren von Mazzy Star, Beach House, Cigarettes After Sex oder Brian Jonestown Massacre ihre nicht immer sorgenfreie Jugend Revue passieren lässt. Es sind Lieder, die bemerkenswert abwechslungsreich sind, ohne komplett aus dem Rahmen zu fallen, aber dabei viel durchdachter klingen als die Songs vieler anderer Acts, die erst noch am Anfang stehen und ihr Debütalbum mitunter dazu nutzen, in Echtzeit herauszufinden, wohin die Reise musikalisch und klanglich gehen soll. Ein großer Masterplan steckt allerdings nicht dahinter.

"Ich glaube, das ist Glück“, sagt Thala und muss lachen. „Ich habe schon eine sehr genaue Vorstellung von Sounds, aber wenn es sich gut anfühlt, dann wird es halt benutzt."

Ohne das Ziel, das Rad neu erfinden zu wollen, setzt Thala eher auf die Schönheit des Vertrauten und verlässt sich bei ihrer Musik am liebsten auf ihre Instinkte.

"Als ich damals ins Ausland gegangen bin, habe ich das auch einfach gemacht, ohne viel nachzudenken. Ich handele viel nach Bauchgefühl und mache einfach das, was sich gut anfühlt. Das hier fühlt sich gerade so gut an wie noch nie etwas in meinem Leben, und deshalb mache ich das!"

Textlich hält sich Thala aber lieber an ihre eigenen Erfahrungen und singt, mit einer oft in Hall getauchten Stimme, bei der zwischen Hope Sandoval und Stevie Nicks alles möglich scheint, von den Ereignissen und Begegnungen, die sie zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Dass sie dabei vor allem die Momente festhält, in denen sie mit ihren Dämonen zu kämpfen hatte oder die Selbstzweifel an ihr genagt haben, bezeichnet sie als das Brot des Musikers.

"Wir schreiben ja selten, wenn wir uns gut fühlen. Wir schreiben ja eher, wenn wir Mist erlebt haben oder wenn uns Menschen nicht gut behandelt haben. Dann küsst uns die Muse und dann kommen da Worte raus, die manchmal ganz gut klingen."

Sie lacht, bevor sie fortfährt. „Niemand wacht auf und sagt: ‚Ich habe die beste Laune der Welt und schreibe heute einen Song über Sonnenschein und blauen Himmel.‘ Das macht ja keiner – außer vielleicht die Beach Boys."

Die Texte, die dabei entstehen, bezeichnet Thala als kleine Filmchen oder Podcasts aus ihrem Leben.

"Dass ich das machen konnte, ist das größte Geschenk in meinem Leben bisher“, verrät sie. „Ich habe all die Sachen aufgeschrieben, die ich erlebt habe, über Menschen geschrieben, die mir Gutes oder auch nicht Gutes getan haben, und das war immer primär für mich und nicht für jemand anders. Ich freue mich aber natürlich, wenn jemand darin etwas sieht, hört oder liest, was er selbst erlebt hat, und sich damit identifizieren kann."

Sie hält kurz inne. "Ich denke, wenn das passiert, dann habe ich mein Ziel erreicht."

Aktuelles Album: Adolescence (Duchess Box Records)


Weitere Infos: facebook.com/whatisthala Foto: Anna Wyszomierska

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