
Bands, die den Geist des 90er-Jahre Indierock und Dream-Pop in die Jetztzeit tragen, gibt es inzwischen auch an Rhein und Ruhr so einige, seien es Acua in Köln, Attic Ocean in Düsseldorf oder Plastic Peaches in Essen. Die Band aber, die allen eine Nasenlänge voraus ist, kommt aus Dortmund und heißt Sloe Noon. Das unterstreicht auch "Principles In The Way Of Progress", die ausgezeichnete neue EP des Projekts von Anna Olivia Böke, die im vergangenen Sommer von Ciel-Mastermind Michelle Hindriks in den Londoner Hackney Road Studios produziert wurde. Im WESTZEIT-Interview spricht Anna über die Selbstzweifel, die ihr anfangs das Leben schwergemacht haben, ihre unverblümteren neuen Songs und das anstehende USA-Debüt ihrer Band und verrät, was der EP-Titel mit ihrem Lieblingsfilm zu tun hat.
In Zeiten, in denen sich nicht nur in der Musikindustrie die Räder immer schneller drehen und das Leben immer öfter von extremer Beschleunigung, rasanter technologischer Entwicklung und hoher Komplexität geprägt ist, passiert es schnell, dass man stets nur die Zukunft im Blick hat und darüber vergisst, in der Gegenwart den Moment zu genießen oder auch mal zurückzuschauen, um sich seine Erfolge bewusst zu machen.Auch Sloe-Noon-Mastermind Anna Olivia Böke kennt dieses Phänomen. In den letzten fünf Jahren hat sie mit ihrer Band drei feine EPs auf internationalen Labels veröffentlicht, in ganz Europa Konzerte gespielt und sich inzwischen ein weltumspannendes Publikum erspielt. Mit "Principles In The Way Of Progress" steht Mitte März ihre vierte Veröffentlichung in den Startlöchern, und da ist natürlich schon mal die Frage erlaubt, auf was sie besonders stolz ist, wenn sie auf den bisherigen Weg des Projekts zurückblickt.
"Das ist eine gute Frage, die ich versuche, mir regelmäßig selbst zu stellen, um nicht aus den Augen zu verlieren, was ich alles so schaffe", antwortet sie. "Ich bin oft schon beim nächsten und übernächsten Projekt und übersehe die ganzen Meilensteine, über die ich so stolpere. Ich glaube, am stolzesten macht mich der schlichte Fakt, dass ich eine Band habe und wir Konzerte spielen. Das war, seitdem ich 13 bin, mein Traum, und es hat zehn Jahre gedauert, damit anzufangen. Da gab es 'ne lange Zeit, in der ich dachte, dass ich mich niemals trauen werde, und jetzt habe ich manchmal so Momente im Backstage, wenn die anderen rumblödeln, in denen mein Anfang-20-jähriges Ich mit im Raum ist und mir bewusst wird, dass wir das Unmögliche bereits geschafft haben."
Tatsächlich hatte es lange nicht unbedingt danach ausgesehen, dass Annas Teeanger-Traum noch in Erfüllung gehen würde, weil der Wunsch lange Zeit größer war als der Mut, die Sache ernsthaft in Angriff zu nehmen. Rund zehn Jahre lang war sie auf der Suche, immer mit der klaren Vorstellung von "eines Tages", aber ohne jegliche Taten.
Nach der Schule zog sie in das südenglische Seebad Brighton, um dort Creative Writing zu studieren und endlich ihre musikalischen Ambitionen zu verwirklichen. Aber auch dort konnte die den Hebel nicht sofort umlegen und benötigte noch etwas Anlaufzeit, bis der Weg für das Sloe-Noon-Debüt "(Storeys Of) Embassy Court" frei wurde, das 2021 erschien, und mit "Liminality" und "All Feelings, No Technique" 2023 und 2025 zwei Nachfolger erhielt, die allenthalben die Herzen von Shoegaze-Fans höherschlagen ließen.
"Irgendwann mit Anfang 20, nachdem ich bereits zweieinhalb Jahre in Brighton wohnte, hat sich das Blatt gewendet", erinnert sie sich. "Ich war langsam so frustriert und deprimiert und einsam, dass ich plötzlich nicht anders konnte, als zu schreiben. So ist die 'Embassy Court'-EP dann entstanden, die ich kurz darauf mit Dennis Mielke zusammen während des Lockdowns 2020 aufgenommen habe. Ab diesem Zeitpunkt sind all die Energie und die Motivation, die jahrelang von Zweifeln und Vergleichen zurückgehalten wurden, freigesetzt worden. Ich habe gelernt, mir selbst genug Zeit und Raum zum Scheitern und zum Ausprobieren zu geben und einfach klein anzufangen."
Ein wenig scheinen die Jahre des Zweifels auch im Titel der neuen EP noch anzuklingen. Annas Intention bei der Auswahl war allerdings eine andere.
"Der Satz stammt aus meinem Lieblingsfilm 'Submarine'", verrät sie. "Da sagt die Außenseiter-Hauptfigur Oliver zu sich selbst: 'I must not let principles get in the way of progress', als er sich entscheidet, seinen Crush zu fragen, ob sie zusammen sein wollen, obwohl sie andere mobbt. Irgendwie ist der Satz bei mir hängen geblieben, als ich den Film 2023 an einem Off-Tag auf UK-Tour zum zwanzigsten Mal geschaut habe. Ich glaube, ich habe ihn als Reminder für mich interpretiert, mir nicht selbst im Weg zu stehen. Ich habe auf jeden Fall politische und moralische Prinzipien, von denen ich nicht abrücken werde, um an Ziele zu kommen, aber das Prinzip, dass etwas erst fertig oder das Allerbeste sein muss, bevor man es teilt, davon will ich mich verabschieden. Irgendwie erschien mir der Titel passend für die erste EP, die ich komplett allein geschrieben habe."
Hieß es in der Vergangenheit: "Ein Gefühl von Sehnsucht, vom Dopaminrausch des Verliebens und den Ängsten des Verlierens durchzieht den Sound von Sloe Noon", stehen die Zeichen mit den fabelhaften fünf Songs der neuen EP auf Veränderung, und das nicht nur, weil sich Anna bei "W" erstmals an ein – wie sie es kürzlich bei einem Konzert im Dortmunder Subrosa nannte – kitschiges Liebeslied herangewagt hat.
Auch "Youthless, Useless" oder "Principle I" offenbaren neue Facetten im Spannungsfeld von (Indie-)Pop, Alt-Rock und Shoegaze und unterstreichen den Eindruck, dass die neuen Songs oft deutlich wuchtiger als zuvor daherkommen und mehr nach Wolf Alice als nach The Sundays klingen, um es mal in Bandnamen auszudrücken. Haben die Texte einfach danach verlangt, oder was hat dazu geführt?
"Hm, gute Frage", antwortet Anna. "Das war einfach etwas, das ich ausprobieren wollte. Ich finde, die besten Bands und Alben sind die, die verschiedene Stimmungen und Facetten zeigen. Es gibt so viele verschiedene Emotionen und Lebensphasen; ich finde, das muss sich in der Musik widerspiegeln können. Ich liebe nischige Indie-Musik, aber ich mag auch Pop, und je nachdem, wie ich mich gerade fühle, schreibe ich. Aber dadurch, dass die neue EP nur von mir kommt, ist es wahrscheinlich etwas unverblümter. Ich wollte nichts zerdenken, und da stecken teilweise wirklich alte Ideen drin, z.B. ist der Pre-Chorus aus 'Youthless, Useless' ein Textfetzen, den ich fast zehn Jahre lang in meinen Notizbüchern stehen hatte. Vielleicht musste das alles einfach dringend raus, und jetzt ist da wieder ganz viel Platz."
"Youthless, Useless" reflektiert das Älterwerden und die damit verbundenen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und zeichnet in gewisser Weise auch Annas Weg als Künstlerin nach: die Widersprüche zwischen Unsicherheit und Stärke und das Finden der eigenen Stimme. Apropos Stimme: Mit dem Song verlässt Anna gesanglich ein Stück weit ihre Komfortzone, auch das ein Zeichen ihres gewachsenen Selbstvertrauens.
"In ein Mikro schreien zu können, war ebenso ein jahrelanger Prozess für mich", gesteht sie. "Zwar hat es klar auch was mit Technik zu tun und ich mache es bestimmt noch nicht richtig, da würde ich gerne in Zukunft Unterricht nehmen, aber vor allem hat es etwas mit Loslassen zu tun. Das ist ganz viel Kopfsache." Sie muss lachen, wenn sie hinzufügt: "Ich arbeite jeden Tag daran, nicht so ein Klemmi zu sein!"
Doch nicht nur klanglich ist der Mut zu einer neuen Offenheit auf "Principles In The Way Of Progress" allgegenwärtig. Auch an den Texten kann man ablesen, dass das Musikmachen und Songschreiben für Anna Antrieb und Auffangnetz zugleich ist, wenn sie mit unerschrockener Ehrlichkeit ihre Gefühle teilt.
"Gewisse Emotionen mit anderen zu teilen, ist eine sehr wertvolle menschliche Erfahrung", ist sie überzeugt. "Ich glaube, Musik ist so gut dazu geeignet, weil es nicht nur der Text ist, sondern eben auch die verschiedenen instrumentellen Stimmen, die etwas verstärken oder mit der Emotion brechen können. Und ja, manchmal ist es auch schön, sich ein bisschen in Poesie zu verhüllen und einen Gedanken noch weiter zu denken oder Dinge etwas abzufedern oder die Story etwas zu drehen. Ich habe darin die Freiheit, über mich selbst zu schreiben, ohne immer der Gesamtwahrheit entsprechen zu müssen, und kann einfach meiner Intuition, meinem Bauchgefühl und dem folgen, was ich im Augenblick mag. Das ist irgendwie eine Präsenz im Moment und eine Verbundenheit mit mir selbst, die ich sonst nirgendwo kenne."
Neben Auftritten in Hamburg und Kiel Ende März werden Sloe Noon im Mai beim Treibhaus-Festival in der Essener Zeche Carl auf der Bühne stehen. Zunächst steht allerdings noch Konzerte an, zu denen Anna definitiv nicht mit der S-Bahn anreisen könnte. Wenige Tage vor der Veröffentlichung von "Principles In The Way Of Progress" sind Sloe Noon tatsächlich in New York City für eine Reihe Auftritte im Rahmen des New Colossus Festival an der Lower East Side zu Gast. Das wirft natürlich die augenzwinkernde Frage auf: War das eine spontane Schnapsidee, oder ist es doch eher ein ausgeklügelter, zukunftsweisender Karriereplan?
"Weder noch", antwortet Anna. "Die Sache mit New York hat sich einfach ergeben. Wir haben die Möglichkeit bekommen und erst gedacht, das würde alles eh nicht gehen. Dann aber habe ich gemerkt, wie sehr ich darauf Bock habe und wie sehr ich Sloe Noon in New York sehe. Vor allem, weil mittlerweile ein Drittel der Hörer*innenschaft aus den USA kommt. Na ja, und wenn ich mir etwas einmal in den Kopf gesetzt habe, dann finde ich eben einen Weg. Das war nicht so einfach, vor allem, weil ich ja finanziell allein verantwortlich bin und nicht möchte, dass meine Band irgendwas draufzahlen muss, wenn ich sie dafür schon nicht bezahlen kann, aber mit der Hilfe von popNRW und Spenden geht es. Ich bin mir sicher, es wird auch nicht das letzte Mal dort gewesen sein. Ich würde wahnsinnig gerne dort auch mal in einem Studio arbeiten dürfen."
Auch Annas größter Wunschtraum für ihre Band ist eng mit den USA verknüpft, genauer gesagt mit dem in Indie-Zirkeln wohl berühmtesten aller US-Radiosender KEXP, dessen auch im Web weltweit gestreamte Live-Sessions inzwischen genauso legendär sind wie einst die "Peel Sessions" der englischen BBC.
"In Seattle eine KEXP-Session zu spielen und von Cheryl Waters interviewt zu werden, ist eigentlich mein einziges Karriere-Ziel", verrät sie abschließend. "Ich weiß nicht wieso, aber ich bin besessen davon. Ich liebe das Format, den Sound und die Artists. Nicht, dass ich danach aufhören würde Musik zu machen, aber danach könnte ich es!"
Aktuelle EP: Principles In The Way Of Progress (Dalliance Recordings) VÖ 20.03.2026
Weitere Infos: https://sloenoon.com/

