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LUCY KRUGER & THE LOST BOYS

Sinnsuche in der Vergangenheit

LUCY KRUGER & THE LOST BOYS

Zwischen Katharsis und Identität: Auf "Pale Bloom", ihrem inzwischen siebten Album, lässt Lucy Kruger inhaltlich wie musikalisch den Blick in die Vergangenheit schweifen. Es ist eine bisweilen schmerzvolle Rückschau, bei der für nostalgische Verklärung kein Platz ist, wenn die aus Südafrika stammende Wahl-Berlinerin in wunderbar fragilen Art-Pop-Songs voller düsterer Eleganz den inneren Zwiespalt beleuchtet, der ihre Jugend prägte. Im März und April stellt sie das neue Album mit ihrer Band The Lost Boys bei fast einem Dutzend Shows auch überall in Deutschland live vor.

Als "poetisches Rätsel zwischen Erinnerung, Erziehung und innerem Aufbruch" ist das neue Werk von Lucy Kruger & The Lost Boys an anderer Stelle bereits bezeichnet worden, und das trifft es wirklich sehr gut, "Pale Bloom" führt die Musikerin zurück in ihre Kindheit in einem sehr religiös geprägten Umfeld mit patriarchalischen Strukturen, was einen starken Einfluss auf ihre Erziehung hatte. Es sind lange vergessen geglaubte Erinnerungen, die sie nun aufarbeitet, denn nachdem sie 2018 in Berlin heimisch wurde, schien das Kapitel eigentlich abgeschlossen.

"Das war kein Thema mehr, das mich besonders beschäftigte", bestätigt sie im WESTZEIT–Interview. "Aber dann tauchte es plötzlich wieder sehr stark auf, was mich ziemlich überraschte. Vielleicht kam es wieder hoch, weil ich mich in meiner aktuellen Situation irgendwie stabiler fühlte und dadurch eine weitere Ebene dieser jüngeren, angstbesetzten Erfahrungen erreichen konnte, die sich irgendwie von selbst getilgt hatten."

Vieles auf dem Album basiert auf der Ursprungsgeschichte, Krugers eigener genauso wie der religiösen. Die Songs pendeln zwischen persönlichen und allgemeinen Mythen, die von einer kindlichen Sichtweise auf die Dinge zur dunkleren Welt der Erwachsenen führt: Es geht um den Kampf, dem Leben und der Sterblichkeit einen Sinn zu geben. Es gibt viele stille, große Fragen, die letztlich aber alle wieder auf die Themen Zuhause und Intimität zurückkommen.

Doch obwohl das Album so viele große und kleine Veränderungen in Krugers Leben nachzeichnet, gibt es doch Konstanten. Die Musik zum Beispiel, die Kruger schon seit frühester Kindheit begleitet, wenngleich sich die Rolle, die sie in ihrem Leben spielt, seitdem gewandelt hat.

"Ich höre heute nicht mehr so viel Musik wie früher", gesteht sie. "Als ich jung war, war ich ziemlich musikbegeistert und habe einfach die ganze Zeit Musik gehört, aber jetzt kann ich das nicht mehr. Musik ist eine solch bewegende Kunstform, und es erscheint mir leichtsinnig, einfach zu jeder Tageszeit irgendeine Musik anzumachen, weil sie so, ich möchte nicht sagen, ablenkend ist, aber sie zieht einen einfach in etwas anderes hinein. Deshalb habe ich jetzt das Gefühl, dass ich wirklich Platz dafür schaffen muss, denn für mich ist sie keine Hintergrundbeschallung. Das ist nicht immer leicht."

Das gilt natürlich auch für die Musik, die Kruger selbst macht, und zumindest in dieser Hinsicht scheint sie keine Probleme zu haben, den richtigen Rahmen zu finden. In den letzten neun Jahren hat sie sage und schreibe sieben Alben veröffentlicht, die sie vom der in Südafrika eingespielten Debüt-LP "Summer's Not That Simple" über die fabelhafte "Tapes"-Albumtrilogie und die bewusst nach neuen Ausdrucksformen suchenden Pandemiewerke "Heaving" und "A Human Home" nun zu "Pale Bloom" geführt haben. Trotz vieler Höhepunkte: Fragt man Kruger, was sie rückblickend besonders stolz macht, muss sie erst einmal überlegen.

"Ich bin mir nicht sicher, ob es mich am meisten mit Stolz erfüllt oder am meisten beschämt, dass ich das immer noch mache", sagt sie lachend. "Als ich meine erste Platte aufgenommen habe, habe ich das zunächst mit einem Produzenten und einer Gruppe von Studiomusikern gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass ich das tun musste, weil ich nicht wusste, was ich da eigentlich tat. Im Nachhinein betrachtet musste ich diese Platte allerdings tatsächlich aufnehmen, ohne zu wissen, was ich tue. Ich habe dieses Album dann nicht veröffentlicht und mit einer Gruppe von Freunden von vorne angefangen. Ich habe damals einfach langsam versucht, meine Stimme zu finden. Ich glaube, direkt nach der Fertigstellung einer Platte bin ich immer ziemlich kritisch. Aber mit etwas Abstand empfinde ich eine gewisse Zuneigung für das Experimentelle meiner Arbeit. Dass ich es immer noch versuche, macht mich deshalb wirklich stolz."

Tatsächlich darf auch "Pale Bloom" als Versuchsfeld betrachtet werden, denn passend zu den in ihrer Kindheit verwurzelten Texten schlägt Kruger mit diesen elf feinfühlig ausstaffierten Songa auch klanglich einen Bogen zurück.

"Ich denke, dass diese Platte Elemente aus vielen früheren Alben aufgreift", sagt sie. "Ich habe das Gefühl, dass wir seit 'Sleeping Tapes' auf jedem Album einen etwas spezielleren Klangraum erkundet haben: immer noch innerhalb unserer Welt, aber mit Fokus auf einem bestimmten Element. Dieses Album dagegen greift all das auf, was wir bisher gemacht haben. Ich bin immer noch ein Fan von Songs und möchte, dass die Dinge sehr strukturiert sind, aber es gibt dieses Mal ein wenig mehr musikalischen Freiraum. Vielleicht gibt es auf diesem Album auch einen etwas dramatischeren Erzählbogen als auf den vorherigen, aber ich bin mir nicht sicher."

So ist es ein Leichtes für sie, sich an die Vergangenheit anzulehnen, ohne dabei Gefahr zu laufen, sich nur selbst zu kopieren, zumal sich die Entstehungsphase der neuen Platte über einen deutlich längeren Zeitraum als bei den Vorgängern erstreckt. Das hat einen bemerkenswerten Facettenreichtum zur Folge.

Mal rücken die Streicher in den Vordergrund, dann überraschen Spoken-Word-Parts, und bei "Ambient Heat" – von Kruger selbst als "existenzieller Fiebertraum" beschrieben – sind es elektronische Klänge, die den Ton angeben. Auch wenn es auf den ersten Blick unmöglich ist, all das in eine musikalische Schublade zu zwängen: Mit "Tender Noise" gibt es trotzdem ein sehr passendes Etikett.

Über alledem schwebt Krugers bisweilen geisterhaft anmutende Stimme, die mal zart, mal unwirsch aufbrausend schwer zu fassen ist, wenn sie die nicht selten poetisch verhüllten Erinnerungsfragmente transportiert, die sich und hinter der schon im Albumtitel anklingenden Garten- und Pflanzen-Metaphorik verstecken.

Mit Liú Mottes (Gitarre), Jean–Louise Parker (Viola), Gidon Carmel (Drums), Reuben Kemp (Bass) und André Leo (Co–Produktion) standen Kruger bei den Aufnahmen Menschen zur Seite, mit denen sie größtenteils nun bereits seit vielen Jahren zusammenarbeitet.

"Bei diesem Album war es mir wichtig, dass die Band eine tragende Rolle spielt, denn mein Ziel war es, die Menschlichkeit zu betonen", erklärt Kruger. "Mit der Gitarristin Liu [Mottes] arbeite ich ja schon sehr lange zusammen, und sie ist unglaublich ausdrucksstark. Ich glaube, wir haben mittlerweile eine sehr enge musikalische Beziehung, und deshalb vertraue ich immer darauf, dass sie etwas extrem Magisches in die Songs einfließen lässt."

Die Angst, dass die klangliche Bandbreite zu groß werden könnte und der rote Faden verloren geht, kennt Kruger indes nicht, wie sie lachend gesteht:

"Ich glaube nicht, dass ich Gefahr laufe, eine zu große Palette zu haben! Meine Fähigkeiten sind recht begrenzt, und ich muss mich immer wirklich anstrengen, um neue Wege zu finden, die Dinge anzugehen. Dieses Mal habe ich mich allerdings in dieser Hinsicht weniger angestrengt und habe es einfach zugelassen, mich wieder auf das zurückfallen zu lassen, was sich angenehm anfühlte."

Aktuelles Album: Pale Bloom (Unique / Schubert Music)


Weitere Infos: https://www.lucykrugerandthelostboys.com/ Foto: Mitch Stöhring

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