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THE GREEN APPLE SEA

Musik als Selbstverständlichkeit

THE GREEN APPLE SEA

Springen wir gleich mitten rein: "Es geht auf 'Dark Kid' nicht darum, das Publikum Kindheitstraumata oder Depression spüren zu lassen. Es geht darum, Traurigkeit in Melancholie zu verwandeln, Bitterkeit in Achselzucken, Wut in eine ausgestreckte Hand", heißt es über das neue Album von The Green Apple Sea. Auf dem inzwischen fünften Album der heute in Nürnberg heimischen Band wirft Sänger, Gitarrist und Songwriter Stefan Prange einen Blick auf seine an verrückten Geschichten nicht arme Kindheit und verdichtet seine Erinnerung zu lebendigen Storyteller-Songs im Spannungsfeld von Indie und Americana. Zwischen März und Mai sind The Green Apple Sea auch live in ganz Deutschland zu erleben.

The Green Apple Sea sind in Franken zu Hause, klingen aber nicht so. Doch tatsächlich ist die Idee immer noch relativ neu, dass in Deutschland klanglich wie qualitativ Musik gedeihen kann, die abseits von Krautrock, NDW oder Hamburger Schule auch ohne typisch germanische Tugenden auskommt und dennoch den internationalen Vergleich nicht zu scheuen hat. Eine der ersten Bands, die einst die Ausnahme von der Regel waren, sind The Green Apple Sea.

Inzwischen ist es mehr als ein Vierteljahrhundert her, dass die Band – damals noch in Münster und in der Original-Trio-Besetzung mit Stefan Prange, Bassist Frank Theismann und Henrik Schoch – zu den allerersten in Deutschland gehörte, die Indie-Tugenden mit althergebrachten Singer/Songwriter-Traditionen verbanden, lange bevor "Americana" ein geflügeltes Wort war.

"So würden Teenage Fanclub vielleicht klingen, wenn sie 'Deja Vu' von Crosby, Stills, Nash & Young aufnähmen", schrieb der Rolling Stone einmal, und da ist tatsächlich etwas dran.

Nach all den Jahren sei deshalb die Frage erlaubt: Gab es eigentlich einen Wendepunkt, an dem Prange und den Seinen bewusst geworden ist, dass das Musikmachen allgemein und The Green Apple Sea im Speziellen eine Lebensaufgabe werden, anstatt wie bei vielen anderen nur ein kurzes Vergnügen neben dem Studium?

"Ich denke, dass wir da nicht so richtig drüber nachgedacht haben, weil Musikmachen und -aufnehmen immer ganz selbstverständlich zum Leben gehörte", antwortet Prange. "Natürlich haben wir mal daran gedacht, dass es super wäre, wenn wir auch davon leben könnten. Aber das war und ist kein Grund, warum wir Lieder aufnehmen, veröffentlichen und dann live spielen. Die Lieder sind da. Sie sind meist ganz gelungen. Also raus damit. Ein Grund, mit Musik aufzuhören, wäre es, wenn auf einmal keine Lieder mehr kommen."

Ein Erfolgsgarant für The Green Apple Sea ist sicherlich, dass die Band sehr gut weiß, was ihre Stärken sind, und deshalb auch gut im Blick hat, was ein Muss und was ein Tabu für ihre Songs ist.

"Wir sagen immer, dass man in einem Song schwelgen können muss", erklärt Prange, auch wenn er davon überzeugt ist, dass alle Beteiligten zu dem Thema ihre eigene Meinung haben. "Er darf auch nicht im schlechten Sinne 'rocken'. Alles muss ein wenig fließen. Wenn Moritz Krämer sagt: "Eine Ballade muss drauf sein", ist es bei uns eher ein Shuffle, haha. Im Grunde ist der rote Faden, dass wir die Musik auf Tonträger und live mit unseren Händen und Stimmen machen. Jeder Krach, jeder Schnurrer, jedes Rauschen, jeder Ton, irgendwo ist eine Hand von uns dran und kein Computer. Tabus sind, glaube ich, Panflöte oder E-Geige. Aber auf der neuen Platte haben wir sogar so ein Springsteen-Saxofon-Solo…" Lachend fügt er hinzu: "Man sollte auch immer mal ein wenig aus seiner Komfortzone heraus!"

Mit Frank "Wuschi" Ebert als wichtigstem Verbündeten und Produzenten an seiner Seite entstanden so ohne Eile zehn detailreiche Songs für "Dark Kid", die nicht nur mit lebendigem Storytelling faszinieren, sondern auch musikalisch reichhaltig ausstaffiert sind und dabei den so immens wichtigen und heute gerne oft unterschätzten Handmade-Faktor nicht vergessen. Rund, weich und mit viel Liebe gemacht sind diese Lieder, die in den letzten fünf Jahren mit vielen aktuellen Bandmitgliedern, aber auch einer ganzen Reihe alter Wegbegleiter im Lonestar-Recordings-Tonstudio in Nürnberg eingespielt wurden. Doch obwohl The Green Apple Sea ihren alten Idealen treu geblieben sind, hat sich Pranges Herangehensweise an das Songwriting über die Jahre doch gewandelt.

"Ich schreibe jetzt direkter, worum es in einem Song geht, weniger kryptisch oder verschlüsselt", verrät er. "Oft habe ich auf den vorherigen Platten von jemandem in der dritten Person erzählt: 'he' oder 'she'. Das hat sich zu 'I' oder 'you' entwickelt. Für mich ist das ein großer Schritt. Es bedeutet zuzugeben, dass es hauptsächlich um Sachen geht, die ich erlebt habe und nicht irgendjemand anders. Meine Inspiration ist das, was ich erlebe oder erlebt habe, natürlich ergänzt mit fiktionalen oder verdichteten Anteilen."

Für "Dark Kid" schlägt Prange nun einen Bogen zurück in seine Kindheit und Jugend im Emsland. Viele Acts machen solche Coming-of-Age-Platten gerne als Debüt. Was also hat Prange im reifen Alter dazu gebracht, diese Rückschau in den Mittelpunkt der neuen Platte zu stellen?

"Irgendwie ist das in mir gewachsen, darüber ganz offen zu schreiben", erklärt er. "Im Prinzip kann man auch viele der Songs auf den vergangenen Platten dem 'Dark Kid' Thema zuordnen. 'How Else Can We Escape', 'I Need You To Save Me Forever', 'Which Side Are You On' zum Beispiel. Mir fallen einfach immer mehr Geschichten aus dieser Zeit ein, und rückblickend sind das ziemlich irre Geschichten. Wenn man da drinsteckt und ein Kind oder Teenager ist, dann hat man weniger Möglichkeiten zu vergleichen und merkt gar nicht, dass das alles verrückt ist. Ich habe meinen Sohn aufwachsen sehen, er ist jetzt 17 Jahre alt und sein Leben ist und war so anders als meins. Da habe ich also meinen Vergleich und kann darüber schreiben, hahaha."

Die Titel auf "Dark Kid" sind episodisch angelegt, wie die Staffel einer Fernsehserie, und wie in Hollywood war es auch bei Prange so, dass ihm manche Episoden ganz leicht von der Hand gingen und andere deutlich mehr Arbeit verschlangen.

"Episode 1 ('That's How You Called Him When I Was Small') und Episode 2 ('I Was A Dark Kid') kamen sehr schnell, sowohl der Text als auch die Musik", erinnert er sich. "Auch Episode 9 ('You Got This') ging schnell, es war der letzte Song, den ich für die Platte geschrieben habe. An Episode 3 ('Seems Like I Fucked Up Almost Everything') habe ich fast fünf Jahre gebastelt. Der Text kam schnell, aber ich hatte keinen schönen Refrain, jetzt finde ich ihn ganz gelungen, es war also gut, sich Zeit zu lassen. Episode 7 ('Grey Father Death') habe ich tatsächlich etwa 1995/1996 geschrieben. Er passte nie irgendwo drauf. Bei 'Dark Kid' passt er prima. Die Themen für 'Big Heart', 'Life Is In Our Way' und 'All That's Left Are Fingerprints' hatte ich schon länger, aber oft fehlen einem die Worte, obwohl man die Geschichte im Kopf hat. Mit den Texten habe ich immer Schwierigkeiten, wenn sie nicht einfach von allein kommen."

In Gedanken ist Prange schon bei vielen neuen Veröffentlichungen von The Green Apple Sea, doch bevor es so weit ist, wollten wir zum Schluss noch wissen, was ihn derzeit als Mensch und Musiker besonders glücklich macht.

"Uns macht glücklich, dass Menschen wie du immer noch Lust haben, unsere Musik anzuhören, darüber zu schreiben, auf unsere Konzerte zu kommen und so weiter. Das ist wirklich schön!"

Aktuelles Album: Dark Kid (K&F Records / Hometown Caravan / Broken Silence)





Weitere Infos: https://www.instagram.com/thegreenapplsea Foto: Andre Kleine-Wilken

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