
Erst letztes Jahr veröffentlichten die Delines ihr letztes Album „Mr. Luck and Ms. Doom“ – und setzten damit neue Maßstäbe in Sachen soulig/jazzigen Noir-Songwritings mit Soundtrack Charakter. Seitdem ist eine Menge passiert: Willy Vlautin – Songwriter und Delines-Gründervater – schrieb nicht nur seinen neuen, im Mai erscheinenden Roman „The Left And The Lucky“, sondern verkaufte auch die Filmrechte an seinem vorletzten Buch „The Night Always Comes“, die inzwischen einen Netflix-Film mit Vanessa Kirby in der Titelrolle zeitigte, sondern hörte auch nicht auf damit, Companion-Pieces für Songs aus dem Universum des „ Mr.Luck and Ms. Doom“ zu schreiben, die sich nun auf dem neuen Delines-Album „The Set Up“ befinden. Nebenbei entstand auch noch ein (instrumentaler) Soundtrack zu dem neuen Roman, der zunächst in eines Special Edition der kommenden LP zu haben sein wird. Es gab also jede Menge, über das es sich lohnte, wieder mal mit Willy zu sprechen.
Schaut man sich das ständig expandierende Universum der (von Sängerin Amy Boone gesanglich zum Leben erweckten) Charaktere an, die Willy’s Songs bevölkern, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese ein beängstigendes Eigenleben entwickeln. Wie gut kennt Willy Vlautin eigentlich seine Charaktere – oder trifft er diese nur von Zeit zu Zeit?„Ich denke, ich kenne sie ganz gut“, meint Willy, „ich weiß nur nicht alles über sie. Als wir an dem Album ‚Mr. Luck and Ms. Doom‘ arbeiteten hatte ich einige Songs, wie ‚Walking With His Sleeves Down’ oder ‚The Meter Keeps Running‘ geschrieben, die zu den Charakteren des Albums passten und die auch klanglich in das Konzept gepasst hätten, aber die düstere Romantik vermissen ließen, die das Mr. Luck-Album auszeichnete – und die wir deswegen nicht auf das Album nehmen wollten. Ich habe dann weitere Songs dieser Art als Begleitstücke geschrieben – und das war dann der Startpunkt des neuen Album-Projektes.“
Hier tauchen dann alte und neue Charaktere auf, die vor allen Dingen eines gemeinsam haben: Eine gewisse Ruhelosigkeit, die sie veranlasst, ständig in Bewegung sein zu müssen und ziellos herumzuirren. Was hat Willy denn dazu bewegt, über solche Menschen zu schreiben?
„Wie Du weißt lebe ich in Portland, Oregon, wo ich täglich mit den Auswirkungen der Opioid-Krise konfrontiert werde", berichtet Willy, "ich kann kaum aus dem Haus gehen, ohne Menschen zu begegnen, die ihren Halt im Leben verloren haben. Was gibt es schließlich herzzerreißendes, als junge Leute zu sehen, die in Zelten an geschäftigen Straßen ihr Dasein fristen müssen? Über solche Menschen wollte ich dann schreiben und habe deswegen Songs wie ‚Walking With His Sleeves Down‘ oder ‚Dilaudid Diane‘ geschrieben, die von gebrochenen und zerbrochenen Menschen handeln, die in den Fängen der Abhängigkeit gefangen sind.“ (Das Schmerzmittel "Dilaudid" ist dabei eines der Opioide, die die besagte Krise ausgelöst haben.)
Woher kommt eigentlich der Bewegungsdrang der Charaktere, über die Willy schreibt? Hat das vielleicht mit dem typischen Thema amerikanischer Songwriter zu tun, die lieber über Menschen ‚on the move‘ schreiben, als über solche, die (wie ihre europäischen Kollegen) über die Heimat und/oder die Herkunft schreiben?
„Da hast Du wohl recht“, räumt Willy ein, „das hat sicherlich auch damit zu tun, dass man als Musiker viel Zeit auf der Straße verbringt und dabei weite Strecken zurücklegt und dabei oft viele verschiedene Landschaften durchquert. Außerdem fehlt meinen Charakteren auch oft ein wirklicher Halt im Leben.“
Im Amerikanischen gibt es für solche verlorenen Seelen den Begriff „Grifter“ – was was mit der Übersetzung „Herumtreiber“ nicht wirklich den Kern der Sache trifft. Ist das auch der Grund, warum die betreffenden Charaktere – anders als etwa die der an der Golfküste versammelten Protagonisten des Albums „The Sea Drift“ – dieses Mal über das ganze Herzland verteilt sind – etwa zwischen den namentlich in den Songs referenzierten Orten Phoenix, Seattle und Tijuana?
„Ja, denn die Opioid-Krise ist ja keine lokale sondern eine nationale Angelegenheit“, erklärt Willy, „die großen Pharma-Konzerne haben diese verursacht, indem sie Opioide ((wie z.B. Dilaudid, Oxytocin oder Fentanyl)) massenweise verfügbar haben werden lassen. Das war mit Heroin nie so schlimm, denn das war nie ein Massenprodukt. Heute wird aber der Markt mit Opioiden geradezu überschwemmt. Ich habe da mal ein Beispiel: Ich hatte mit den Arm gebrochen und habe dann das Schmerzmittel Oxytocin verschrieben bekommen – und zwar eine Packung mit 75 Stück, die ich dann zwei mal hätte nachfüllen lassen können. Ich habe dann vielleicht insgesamt 20 Pillen gebraucht, bis mein Arm wieder in Ordnung war – und hätte dann die verbleibenden 200 Pillen für 5 Dollar das Stück verkaufen können, wenn ich es gewollt hätte.“
Ist das vielleicht auch mit der Grund, warum Trump die Nationalgarde nach Portland geschickt hatte?
„Nein das hat damit nichts zu tun“, führt Willy aus, „wie ich ja sagte, ist die Opioid-Krise ein nationales Problem. Portland ist aber einfach eine liberale, progressive Stadt mit vielen Freiheiten. Und Trump mag keine progressiven, freiheitlichen Städte.“
Willy Vlautin schreibt also Geschichten über gebrochene Charaktere, deren Leben er eine Weile lang begleitet. Das hat wenig mit dem zu tun, was konventionelle Singer/Songwriter (der Willy Vlautin mit seinem Projekt Richmond Fontaine ja selbst ein Mal war) normalerweise machen – nämlich Songs über sich selbst zu schreiben, um auf diese Weise in therapeutischer Hinsicht ihr Leben zu verarbeiten. Was bedeutet das Medium Musik denn für Willy Vlautin.
„Für mich hat das viel mit Eskapismus zu tun“, gesteht Willy, „ich höre zum Beispiel zur Zeit am liebsten Instrumentalmusik von italienischen Filmkomponisten. Die Musik ist so etwas wie der Soundtrack zu meinem Leben. Wenn ich Musik höre, geht es mir immer gleich besser und es fühlt sich geradezu himmlisch an. Man ist nie alleine, wenn man Musik hört. Musik ist mein bester Freund und ich schreibe Songs, weil ich in die Welt der Musik eintauchen möchte.“
Wie stellt sich die musikalische Gestaltung des neuen Albums dar? Das Ganze ist ja um das 3-teiliges „Hörspiel“ namens „The Set Up“ gruppiert, das Amy Boone als Rezitativ zu reichhaltig arrangierter, von Multiinstrumentalist Cory Gray geschriebener Soundtrack-Musik vorträgt. Cory schrieb dann auch noch die beiden Instrumentals „Getting Out Of The Ward“ und „The Last Time I Saw Her“, die ihrerseits als erzählerische Charakter-Pieces für die Protagonisten der Songs „The Meter Keeps Running“ und „The Reckless Life“ angelegt sind.
"Ich denke, dieses Mal waren wir besonders erfolgreich darin, Instrumentals einzubauen", führt Willy aus, "bei "The Sea Drift" gab es ja auch so etwas und ich wünschte, wir hätten das auch schon bei 'Mr, Luck and Ms. Doom' machen können - aber da gab es zu wenig Raum und wir wollten kein Doppelalbum machen. So etwas einzubauen hilft, die Szenen zu etablieren und ein kinematisches Hörerlebnis zu erzeugen. Je älter ich werde, desto mehr möchte ich das auch. Ich möchte nicht, dass ich über den Songwriter oder wie er sich live präsentiert nachdenke, wenn ich einen Song schreibe. Ich möchte mich vielmehr in meiner Welt der Musik verlieren."
Ist das dann auch der Grund dafür, warum die Songstrukturen auf dem neuen Album weitestgehend aufgelöst sind?
"Schau - wenn ich einen Song wie 'The Reckless Life' habe, dann habe ich die Melodie und die Struktur halbwegs im Kopf. Ich gehe dann zur Band und sage etwa: 'Ich möchte, dass sich der Song im Outro anhört wie bei einem großartigen Film aus den 70er Jahren'. Es geht um diese Frau, die in einem Krankenhaus in Seattle liegt und eines Tages verschwindet. Ihr Leben ist ziemlich schwierig - also möchte ich, dass es sehr cinematisch klingt. Ich habe zum Beispiel für diesen Song ein WahWah-Pedal verwendet, um das 70's Feeling zum Ausdruck zu bringen. Ich wusste dann, dass Amy das als Vokalistin in eine ernsthafte Richtung bringen würde - und das wollte ich ja auch. Was dann besonders ist, ist diese Bläsersektion, die Cory geschrieben hat. Dadurch klingt das alles sehr dramatisch - wie eine Gossen-Oper. Das Ziel war also, dass sich dass nach wie der Soundtrack eines Renaissance-Film aus den 70ern für Erwachsene anhören sollte."
Auch wenn sich Willy Vlautin dem Film- und Soundtrack-Genre sehr zugetan ist, heißt das nicht, dass er sich tatsächlich weiter in dieser Richtung engagieren möchte. So verkaufte er beispielsweise zuletzt die Filmrechte für seinen Roman "The Night Always Comes" - wovon er sich ein neues Haus kaufen konnte - hielt sich dann allerdings aus der Produktion des Films heraus. Dieser war dann - mit Vanessa Kirby in der Hauptrolle - vor kurzem auf Streaming Portalen.
"Ich war sehr enttäuscht von dem Film", erklärt Willy, "ich denke, sie haben die Chance verpasst eine wirklich gute, einfache Working-Class Geschichte zu erzählen und haben diesen Thriller draus gemacht. Der Film sieht sehr gut aus und es gibt großartige Schauspieler - aber es ist nicht das daraus geworden, was ich mir gewünscht hätte. Nun: Ich habe einen Vertrag unterzeichnet und muss damit leben. Der Deal hat mein Leben einfacher gemacht und ermöglicht mir auch weiterhin zu tun, was ich tun möchte."
Letztlich wird sich zeigen, ob Willy Vlautin und die Delines mit "The Set Up" am Höhepunkt einer Entwicklung angelangt sind - oder ob sich die verschiedenen Disziplinen Musik, Theater/Film und Erzählung in Zukunft noch weiter vermischen werden, so dass am Ende vielleicht sogar eine ganz eigene Kunstform dabei herauskommt. Im Herbst dieses Jahres werden die Delines auch wieder auf Tour in Europa gehen - und dabei wohl auch Termine in unseren Breiten wahrnehmen.
Aktuelles Album: "The Set Up" (Decor Records) VÖ: 06.03.

