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ANNIE BLOCH

Ungezwungene Wandlungsfähigkeit

ANNIE BLOCH

"Mir ist es wichtig, nichts zu machen, was ich nicht will, und mich zu nichts zu zwingen“, sagt Annie Bloch. Wie das in Töne übersetzt klingt, kann man nun auf der neuen EP der in Köln heimischen Allround-Musikerin hören. Mit ´Four Trips To The Shop´ entlässt sie sechs Songs im Dunstkreis von Indie-Folk und Indie-Pop, die sie schon lange begleiten, hinaus in die Welt und vertraut dabei ganz auf die Magie des Moments. Für das WESTZEIT-Interview treffen wir sie in einem Café in der Domstadt, nur einen Steinwurf vom King Georg entfernt, wo sie am 29.06.2024 im Rahmen der Papercup-Records-Labelnacht das Release-Konzert zur neuen EP bestreiten wird.

Die Musik begleitet Annie Bloch praktisch schon ihr ganzes Leben lang. Aufgewachsen im niedersächsischen Diepholz widmete sie sich zunächst der Kirchenorgel, weil das in ihrer kleinen Heimatstadt eine der wenigen Möglichkeiten war, eine umfangreiche musikalische Ausbildung zu erhalten. Doch als sie mit zwölf beginnt, eigene Songs zu schreiben, ist es die Leichtigkeit der Popmusik, die ihr den Weg weist. Ihr Studium führt sie später nach Cork in Irland, wo sie mit der prägenden Idee konfrontiert wird, gar nicht in Genres zu denken. Das hat zur Folge, dass sie in ihrer jetzigen Wahlheimat Köln ihr Faible für experimentelle Musik in immer neuen Kontexten als Bandleaderin wie auch als Sidewoman mit Bezugspunkten zu freier Improvisation, Jazz, Ambient, neuer Musik und Klassik auslebt und nun auf ihrer just erschienenen EP ´Four Trips To The Shop´ ihre (indie-)popmusikalischen Ambitionen in den Mittelpunkt rückt.

"Ihre Musik lebt im Spannungsfeld von Kontrolle und Loslassen“, heißt es auf Annies Website, und tatsächlich spielte bei der Entstehung ihrer neuen EP beides eine Rolle. Bei unserem Treffen erinnert sie sich daran, wie akribisch sie beim Abmischen der Songs vorging und wie lange es dauerte, bis sie endlich zufrieden war, doch weil es sich dabei praktisch ausnahmslos um Lieder handelte, die sie schon seit Jahren mit sich herumtrug und live spielte – die Single ´Coffees´ entstand sogar bereits während ihrer Zeit in Irland –, bot ihr die EP nun die Chance, diese Lieder endlich loszulassen.

"Ich hatte das Gefühl, dass ich den Songs nicht gerecht werde, wenn ich sie nie aufnehme“, erzählt sie, bevor sie lachend hinzufügt: "Eigentlich würde ich aber auch gern mal wieder was Neues schreiben!“

In gewisser Weise sind aber bereits die Lieder der EP Abschied und Neuanfang zugleich – und das nicht nur, weil die Vergänglichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen ein wiederkehrendes Motiv in den wunderbar intimen, mit klugen Beobachtungen gespickten Texten ist. Während Songs wie ´Chamomile Tea´ und ´Coffees´ klanglich den Weg fortzusetzen scheinen, den Annie vor fünf Jahren mit ihrem fabelhaften Album ´Floors´ vorgezeichnet hatte, unterstreichen andere Lieder ihre Wandlungsfähigkeit. Bei ´Dates´, dem heimlichen Highlight der EP, sind es vielleicht vor allem arrangement- und produktionstechnische Kniffe, die das Lied in einem anderen Licht erscheinen lassen und die einnehmende Atmosphäre und den melancholischen Vibe der Nummer betonen, beim Titelstück und bei der Schlussnummer ´Scarlett Johansson´ allerdings ist die Veränderung schon im Songwriting angelegt.

"Ich versuche inzwischen nicht mehr, alles in einem Song unterzubringen“, erklärt Annie. "´Scarlett Johansson´ hat eigentlich nur zwei Akkorde und auch ´Four Trips To The Shop´ hat immer die gleiche 'Runde' Akkorde. Das ist etwas, das ich vorher eigentlich noch gar nicht gemacht habe. Zuvor hatte ich immer das Gefühl, dass es Akkordwechsel geben muss, damit etwas passiert, anstatt darauf zu vertrauen, dass die Entwicklung woanders passieren kann."

Obwohl sie dieses Mal auf ein deutlich kleineres Ensemble setzte als bei ´Floors´ oder ihrem aktuellen zehnköpfigen Bandprojekt I DEPEND, das im Juli im Rahmen des Düsseldorfer Asphalt Festivals einen seiner seltenen Auftritte hat und dessen erstes Album hoffentlich schon bald auf ´Four Trips To The Shop´ folgt: Die Idee, dass beim Zusammenspiel auch die individuelle Persönlichkeit ihrer Mitstreiter durchscheinen darf, ja, soll, ist unverändert, zumal sie die Aufnahmen ohne große Vorbereitung und ohne vorgefasste Vorstellungen, wie die Songs am Ende klingen sollen, angegangen ist.

Unterstützt wurde sie dabei von Produzent und Drummer Jan Philipp, mit dem sie schon seit Jahren in einer Vielzahl verschiedener Projekte zusammenarbeitet, und von David Helm, der sie schon vor einer ganzen Weile mit seinem Song-Projekt Marek Johnson beeindruckt hatte und nun sowohl Kontra- als auch E-Bass beisteuerte, bevor anschließend noch weitere Farbtupfer, unter anderem von ihrer alten Irland-Bekanntschaft Sam Clague an der Klarinette hinzukamen. Auch wenn ihr das, umgeben von der selbst heute in der Indie-Szene allgegenwärtigen Fixierung auf Hochglanz-Makellosigkeit, nicht immer leichtgefallen ist: Mit Andy Shauf und Big Thief als klangliche Inspiration betont sie auch auf der EP den Zauber des Unperfekten und die menschliche Note.

Apropos menschliche Note: Nachdem sie in der Vergangenheit ihre Werke im Alleingang veröffentlicht hat, erscheint ´Four Trips To The Shop´ beim in Köln und Berlin ansässigen Boutique-Label Papercup Records, auf dem nicht ganz zufällig auch Jan Philipp und David Helm veröffentlichen. Sich einer Community anzuschließen, ist eine vergleichsweise neue Idee für Annie, letztlich war für sie aber genau das der Grund, auf Papercup zuzugehen.

"Ich habe richtig lange darüber nachgedacht, bevor ich das nun gemacht habe“, verrät sie. "Ich habe lange damit gehadert, ob ich mich einer Sache zuordnen will. Ich bin generell ein wenig skeptisch gegenüber Gruppen, und deshalb habe ich mich gefragt: Wie eng muss das eigentlich sein? Wie doll muss man sich mit allem identifizieren?“

Schnell zeigte sich allerdings, dass ihre Zweifel unbegründet waren.

"Für mich ist das voll aufgegangen, und zwar auf eine viel bodenständigere Art, als ich mir das vorgestellt habe“, gesteht sie. "Es war einfach ein: Ah, hier sind andere Leute, die das Gleiche tun! Das hat mich viel mehr motiviert, als es allein zu machen!"

Aktuelle EP: Four Trips To The Shop (Papercup Records)


Weitere Infos: anniebloch.com Foto: Leonie Braun

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