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MARINA ALLEN

We are Stardust

MARINA ALLEN

Die aus Los Angeles stammende Songwriterin Marina Allen bezeichnet sich als Spätzünderin – weil sie erst Ende 20 beschloss, sich als Songwriterin zu verwirklichen. So veröffentlichte sie 2021 ihr Debütalbum „Candlepower“, das dann aber in den Wirren der Pandemie unterging. Erst über die Beteiligung an dem Projekt Sylvie, das ihr Kollege Ben Schwab auflegte, um dem musikalischen Erbe seines Vaters Tribut zu zollen, gelangte sie dann ins Licht der Öffentlichkeit. Kurz darauf veröffentlichte Marina ihr zweites Album „Centrifics“, auf dem sie sich aber von einer experimentelleren, eklektischen Seite zeigte. Mit dem nun vorliegenden Album „Eight Pointed Star“ scheint sie endgültig ihren Platz als Songwriterin gefunden zu haben, denn hier gelingt es ihr, mit Hilfe des Produzenten Chris Cohen, ihren Mix aus Laurel-Canyon-Flair, Hippiesker Psychedelia, Chamber- und Indie-Pop in zugänglich strukturierten Songs einzufangen und dabei auch mal ein paar Up-Tempo Nummern ins Spiel zu bringen.

Woran liegt es denn, dass das neue Album erneut vollkommen anders klingt, als das letzte, im Vergleich dann doch sehr reduziert produzierte Werk?

„Also für mich ist das so, dass meine Alben immer eine Antwort auf die vorige LP sind“, erklärt Marina, „'Centrifics' war also eine Antwort auf 'Candlepower' und 'Eight Pointed Star' ist dann eine Antwort auf 'Centrifics'. Außerdem ist es für mich so, dass ich es vielleicht anders sehe, als ein Zuhörer, denn für mich kommen die Sachen ja sozusagen immer aus derselben Küche. Für mich hören sie sich also gar nicht so anders an. Aber der Ansatz, nach dem ich die neuen Sachen schrieb, war schon anders als bei 'Centrifics'. Ich wollte mich nämlich spontaner und lockerer verhalten und ein wenig experimentieren. Ich ging früher von der Idee aus, was ein Songwriter darstellen sollte und bemühte mich, diesem Ideal zu entsprechen um mir selbst und dem Hörer zu beweisen, dass ich verschiedene Sachen machen konnte. Für 'Eight Pointed Star' habe ich diese vorgefasste Meinung, wie eine Scheibe denn zu klingen habe, dann aufgegeben.“

Heißt das dann, dass das neue Werk konzeptuell weniger streng angelegt ist?

„Ich denke, dass ein gutes Album gar kein großes Konzept braucht“, meint Marina, „es sollte thematisch vielleicht einen roten Faden haben und die Songs sollten miteinander kommunizieren, aber davon abgesehen braucht es kein Konzept. 'Centrifics' war aber in dieser Hinsicht tatsächlich weniger offen als das neue Album."

Okay – wofür steht denn der „Eight Pointed Star“ im Titel des Albums?

„Der Stern mit acht Spitzen wird in verschiedenen Kulturen als Sinnbild verwendet“, führt Marina aus, „auch der Polarstern hat acht Spitzen. Außerdem ist das auch ein Motiv, das beim Erstellen von Steppdecken gerne verwendet wird. Ich denke, das ist generell ein schönes Bild. Ich betrachte die Scheibe auch als eine Art Patchwork - oder Steppdecke, als eine klangliche Sammlung von Ideen – und denke auch, dass dieses Bild ein Ausdruck meines Songwritings ist. Ich nähe sozusagen verschiedene Ideen zusammen und hoffe, dass das Ganze hält.“

Viele der Songs von Marina scheinen von der Natur beeinflusst zu sein, oder?

„Ich glaube, ich kann gar nicht anders als die Natur in meinen Songs zu referenzieren“, räumt Marina ein, „die Natur ist ein großes Thema in meiner Arbeit. Ich beziehe einen großen Teil meiner Inspiration daraus, meine Gedanken herunterzufahren und einfach still in der Natur zu verharren. Ein 'Eight Pointed Star' ist zugleich ja auch ein natürliches Phänomen. Immerhin entstehen Sterne ja aus Sternenstaub. Es ist etwas geradezu kosmisches daran, zu etwas aufzuschauen, das so weit entfernt von Dir selber ist und Dir bewusst zu werden, dass Du letztlich aus denselben Elementen bestehst wie das, zu dem Du aufschaust. Das Schreiben von Songs kommt für mich aus diesem kosmischen Gefühl heraus und die Natur ist für mich eine schnell verfügbare Schnittstelle zum Songwriting."

Was ist denn die größte Herausforderung dabei?

„Am Ende über die Runden zu kommen und etwas Geld zu verdienen“, antwortet Marina, „das Schreiben von Songs fällt mir leicht und es ist auch das, was ich genieße. Wenn es etwas gibt, was dann schwierig ist, würde ich sagen, dass es ist ein Gefühl dafür zu entwickeln, wenn etwas fertig ist. Man muss sich mit Imperfektionen und Limitationen arrangieren und diese Dinge annehmen um etwas fertigstellen zu können – sonst würde Dir das nie gelingen."

Naja – Perfektion ist ja sowieso nicht gut genug, wenn es um Musik geht.

„Exakt“, bestätigt Marina, „und das Schöne daran ist, dass ja sowieso nie dabei herauskommt, was Du Dir vorgestellt hast. Da ist ja immer auch ein bisschen Magie im Spiel. Es ist dabei wichtig, möglichst keine Erwartungshaltungen zu erfüllen."

Wenn Marina von Erwartungshaltungen spricht: Geht es um ihre eigenen, die des Hörers oder gar des Songs? „Ich denke, es geht um die Erwartungen des Songs und dem was der Hörer zu hören bekommt. Wenn man an einem Song arbeitet, gibt es manchmal den Punkt, dass er sich in eine bestimmte Richtung – zum Beispiel Country – entwickelt. Man kann das dann laufen lassen und den Song fertigstellen - aber für mich macht es mehr Spaß etwas teuflischer zu agieren und die Richtung zu ändern, denn dann entstehen geheimnisvolle Dinge."

Gilt das eigentlich auch für die Texte?

„Ein bisschen ja“, gesteht Marina, „jeder Song braucht seine eigene Taktik. Es gibt Methoden mit denen ich den Prozess anwerfen kann. Aber wenn ich zum Beispiel an den Song 'Between Seasons' denke, ist der Text auf einer persönlichen Ebene sehr erzählerisch und beschreibend, während er bei dem Song 'Red Cloud' eher abstrakt und spielerisch ist – eine Fingerübung im kreativen Schreiben also. Es kommt also jedenfalls immer auf den Song an. Manche Songs wie „I'm The Same' sind sehr deutlich, manche – wie 'Bad Eye Opal' – sind aber auch eher von einer unbestimmten Ahnung geprägt. Ich mag es aber nicht, wenn man erkennen kann, dass der Songwriter nicht weiß, wovon er singt. Wenn ein Song also zu vage ist, dann funktioniert das nicht sehr gut. Ich muss dann zumindest die Idee hinter dem Song vermitteln können – in dem Fall die Idee einer Frau, die mitten in der Nacht davonläuft. Es brauchte dann eine Weile, den Song fertigzustellen, weil er für mich lange Zeit selber zu vage war. Es gibt hier aber kein 'richtig' oder 'falsch' – jeder Song ist anders."

Hilft es vielleicht sich dabei von der Assoziation leiten zu lassen?

„Ja, das kann vorkommen“, bestätigt Marina, „mein Song 'Deepfake' ist so entstanden. Der wurde tatsächlich nach dem Stream-Of-Consciousness-Prinzip geschrieben. Es gingen mir da einige unterbewusste Sachen durch den Kopf und alleine in der Zusammensetzung der Worte 'Deep' und 'Fake' – die ich sehr amüsant finde und die mir als erstes in den Sinn kamen – ergab sich da ein Ansatzpunkt. Für mich funktioniert das Ganze dann auf einer abstrakten Ebene, wo nichts zueinander in Bezug steht, aber doch ein bestimmter Eindruck entsteht."

Gibt es dabei auch eine spirituelle Note?

„Ja“, meint Marina, „Spiritualität kann man nicht von der Musik trennen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man Musik schreiben könnte, ohne dabei irgendwie eine spirituelle Quelle zu berühren. Der 'Eight Pointed Star' ist dabei zugleich ein spirituelles Symbol der Hoffnung wie auch eine Anerkennung der Erfahrungen, die Dich zu dem machen, was Du heute bist.“

Aktuelles Album: Eight Pointed Star (Fire / Cargo) VÖ: 21.06.


Weitere Infos: https://www.firerecords.com/artists/marina-allen/ Foto: Juliana Giraffe

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