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LA LUZ

Neugier als treibende Kraft

LA LUZ

La Luz wollen mehr: Auf ´News Of The Universe´, dem fabelhaften fünften Album des in Kalifornien heimischen Quartetts, lässt Sängerin, Gitarristin und Songschreiberin Shana Cleveland nach einem einschneidenden Schicksalsschlag die Dunkelheit der letzten Jahre hinter sich und macht den Weg frei für eine hell erstrahlende Zukunft, in der ihr der unumstößliche Glaube an die Kraft der Liebe als emotionaler Kompass dient, während sie musikalisch ihrem Faible für psychedelische Vibes und makellosen Vintage-Pop freien Lauf lässt und dabei ihre eigene künstlerische Neugier als Motor nutzt.

Vor mehr als einem Jahrzehnt als die beste Surf-Band der Indierock-Welt gestartet, hatten La Luz schon auf dem Album ´Floating Features´ im Jahre 2018 und dem drei Jahre später veröffentlichten Nachfolger ´La Luz´ vorsichtig die Tür zu neuen klanglichen Welten aufgestoßen, doch nun tauchen sie vollends ab in den gleichzeitig verspielt und geheimnisvoll anmutenden Sound des Goldenen Zeitalters der Popmusik, setzen mehr denn je auf ausgefeilten Harmoniegesang und tauschen so die bisweilen trashige Wucht ihrer Frühwerke gegen einen vom ersten Moment an einnehmenden, kontemplativen Flow ein, bei dem dunkelschöne Psychedelia in den Mittelpunkt rückt.

Die Texte spiegeln derweil Shanas Empfinden wider, als ihre eigene Welt durch eine Brustkrebsdiagnose nur drei Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes aus den Fugen geriet. Eine Erfahrung, die sie als Mensch und Künstlerin geprägt und verändert hat und sie inzwischen zu einem Zustand der friedlichen Akzeptanz der Unveränderbarkeit der Dinge geführt hat.

"Ich bin jetzt erfolgreicher darin, Bindungen loszulassen, als ich es vor der Krebsdiagnose war", sagt sie im WESTZEIT-Interview. "Ich glaube zwar nicht, dass man darin jemals perfekt sein kann, aber es ist eine Übung, eine Routine, und ich versuche, sie fortzusetzen. Ich erinnere mich noch gut an die ersten Tage nach der Diagnose, an das überwältigende Gefühl, irgendwie vom Rest der Welt getrennt zu sein, obwohl ich unbedingt wieder dazugehören wollte. Es war einfach dieses Gefühl: Oh, warum kann das nicht weggehen, warum kann ich nicht das haben, was ich vorher hatte? Als ich dann mit Buddhismus beschäftigte, begann ich, das befreiende Gefühl zu verstehen, das damit einhergehen kann, Ballast abzuwerfen, und das half mir durch diese Zeit. Ich konnte mich mit der Vorstellung anfreunden, dass wir alle ständig sterben, und das brachte mich dazu, über die Unausweichlichkeit des Todes nachzudenken, und das machte alles so viel leichter, weil es bedeutete, dass ich nicht von allem anderen getrennt war. Wir sind alle auf dieser Überholspur, wohin auch immer – ich will nicht sagen: in die Hölle –, aber wohin auch immer wir alle gehen: Ich war nicht allein."

Dass Shana heute ein viel offenerer Mensch ist als noch vor wenigen Jahren, kann man auch auf ´News Of The Universe´ hören. Das Schreiben der Texte der neuen Platte ist sie mit der Idee angegangen, total verletzlich sein zu wollen und ihre Erfahrungen so real wie irgend möglich einzufangen.

"In gewisser Weise wusste ich nicht, ob ich bereit war, diese Songs zu schreiben, aber wir wurden sozusagen in diese Situation hineingeworfen", erinnert sie sich. "Wir mussten so viele Tourneen absagen – wir waren ja seit fünf oder sechs Jahren nicht mehr in Europa –, und zu der Zeit, als das alles passierte, sagte ich mir: OK, lasst uns einfach alle zusammentrommeln und an ein paar Songs arbeiten. Es gab keinen Druck. Wir wollten nur ein paar Demos aufnehmen und dachten nicht daran, dass daraus unbedingt ein Album werden würde. Diese Einstellung erlaubte es mir, direkt von Herzen zu schreiben und nicht zu viel darüber nachzudenken. Wenn ich mir die Songs jetzt anhöre, ist das für mich sehr emotional. Ich glaube, das liegt daran, dass ich, als wir diese Musik aufgenommen haben, an einem Punkt war, an dem ich einfach alles rausgelassen habe und überhaupt nicht zurückhaltend war, und deshalb war das Ganze so eindringlich."

Doch nicht nur Shanas Leben abseits der Musik wurde auf den Kopf gestellt. In gewisser Weise ist ´News Of The Universe´ für La Luz als Band Abschied und Neuanfang zugleich. Die LP markiert den Ausstieg von zwei langjährigen Mitstreiterinnen Shanas – Bassistin Lena Simon und Keyboarderin Alice Sandahl – und die Ankunft von Lee Johnson, die nun Bass spielt, und von Maryam Qudus (alias Spacemoth), die das neue Album produzierte und nun auch als Keyboarderin genauso zum Line-up gehört wie Drummerin Audrey Johnson, die bereits für das selbstbetitelte 2021er-Album von La Luz zur Band gestoßen war.

"Ich weiß, dass es einige Bands gibt, die so weit gekommen sind und einen anderen Ansatz verfolgen als ich, die sich sagen: Lasst uns echte Profis finden, die eine Tagesgage bekommen, und dann hat man am Ende eine tolle Band aus Studiomusikern", sagt Shana. "Aber je älter ich werde, desto mehr interessiere ich mich für die Persönlichkeiten der Leute und dafür, ob wir auf einer persönlichen Ebene miteinander auskommen. Wird es Spaß machen, mit ihnen einen Monat lang in einem Van herumzuhängen? Der Enthusiasmus, den sie für das Projekt aufbringen, ist für mich das Wichtigste. Ich will einfach meinem Bauchgefühl folgen und herausfinden, mit wem es Spaß machen würde, auf diese Reise zu gehen. Das war immer die Richtung, die ich eingeschlagen habe."

Auch deshalb fand die neue Besetzung der Band ganz organisch und ohne große Mühen zusammen und wird das Album in den kommenden Monaten nun weltweit auf die Bühne bringen. In Deutschland sind für September Konzerte in Köln, Hamburg, Berlin und Schorndorf geplant.

"Lee, die jetzt den Bass spielt, kenne ich schon seit rund zehn Jahren", erzählt Shana. "Sie kommt aus der DIY-Musikwelt, und ich bin wirklich daran interessiert, mit Leuten aus dieser Welt zu spielen, weil sie sich mehr auf neue Erfahrungen freuen als Session-Leute. Maryam, die neue Keyboarderin, hat unsere Platte produziert, und als Alice nach den Aufnahmen aufhörte, war sie die erste Person, zu der ich ging, weil ich wusste, dass sie Synthesizer und Keyboards spielt, und ich dachte einfach, dass sie bestimmt gute Ideen hätte, wen ich ansprechen könnte. Ich hätte nicht gedacht, dass sie sagen würde, dass sie es selbst machen will! Aber genau das hat sie getan, und ich war völlig begeistert. Das ist absolut perfekt, denn sie ist ja schon auf der Platte zu hören! Audrey, mit der ich jetzt schon ein paar Jahre zusammenspiele, ist eine fantastische Schlagzeugerin, aber was mir noch wichtiger ist: Sie ist ein wirklich großartiger Mensch."

Trotzdem ist Shana rückblickend glücklich, dass auf ´News Of The Universe´ noch ihre langjährigen Mitstreiterinnen Lena und Alice zu hören sind, obwohl bereits vor den Aufnahmen feststand, dass die beiden anschießend die Band verlassen würden. Sie erklärt:

"Ich dachte zunächst, dass wir überlegen, wer sie ersetzen könnte, und wir das Album dann mit denen aufnehmen, aber Lena wollte unbedingt dabei sein – und Alice auch –, also dachte ich mir: Sie haben mir so viele der besten Jahre ihres Lebens geschenkt, also wollte ich ihnen diese Gelegenheit nicht nehmen."

Doch nicht nur das Line-up ist inzwischen fließend. Auch musikalisch kann man sich leicht einbilden, dass sich die Band auf der neuen LP mehr denn je klanglich öffnet.

"Ja, ich denke, dass es inzwischen schwer wäre, uns in eine Schublade zu stecken", stimmt Shana zu. "Anfangs konnte man sagen, dass wir eine Surf-Band sind, und das war ziemlich zutreffend, aber ich denke, dass wir uns über die Jahre davon wegbewegt haben, und obwohl das immer noch eine Musik ist, die ich liebe und von der ich beeinflusst bin, sind viele andere Einflüsse hinzugekommen. Das ist das, was die Band für mich immer noch wirklich spannend macht. Ich schätze, manche Leute bleiben einfach zwölf Jahre lang gleich, aber das ist nicht die Art von Person, die ich sein möchte. Ich will immer neue Sachen austüfteln!"

Apropos Veränderung: Neu ist auch der Fokus auf individuelle Lieder. Bisweilen klingt die LP so, als hätten sich Shana und die Ihren mehr Gedanken darüber gemacht, was jeder einzelne Song braucht, als über einen einheitlichen Sound für das ganze Album. "Ja, auf jeden Fall", bestätigt Shana. "Wir haben einfach versucht, dem Song treu zu bleiben und uns nicht zu sehr an die Identität der Band zu binden. Ich bin immer noch ein großer Beatles-Fan, auch wenn es in der heutigen Zeit vielleicht nicht mehr cool ist, ein großer Beatles-Fan zu sein, aber sie sind die Art von Band, die mich immer inspiriert hat. Platten wie ´Sgt.Pepper's, das weiße Album und ´Abbey Road´, die Ära der Beatles, als sie alles Mögliche ausprobiert haben, aber immer noch wie die gleiche Band klangen. Ich vertraue ihnen irgendwie mehr, weil es sich für mich menschlicher anfühlt, wenn man sich ausprobiert."

Glücklicherweise verläuft diese Entdeckungsreise bei La Luz von einer Platte zur nächsten sehr organisch und ist nicht die Art von 180-Grad-Wendung, die so viele Bands heutzutage in der Hoffnung auf mehr Anerkennung und Erfolg mit jeder neuen Platte vollführen und damit die Fans ihrer früheren Alben bisweilen mächtig irritieren.

"Ich sehe das genauso", sagt Shana. "Ich meine, niemand mag es, wenn eine Band, die man liebt, ihren Sound komplett verändert, und ich hoffe, dass wir das nicht tun. Die Plattenfirma wollte unbedingt, dass die erste Single aus diesem Album ´Strange World´ wird, der meiner Meinung nach der Song auf dem Album ist, der sich am deutlichsten von den früheren unterscheidet, und ich dachte mir: Oh je, ich weiß nicht so recht! Ich habe das Gefühl, dass die Leute denken könnten, dass wir einen 180-Grad-Schwenk machen, aber es ist letztlich nur eine Erweiterung des Spektrums. Wenn man sich das ganze Album anhört, wird man merken: Es ist immer noch die gleiche Band."

Trotz der vielen Veränderungen gibt es aber auch Konstanten. So hat die Musik in Shanas Leben trotz all der einschneidenden Erlebnisse der vergangenen Jahre immer noch den gleichen Stellenwert wie zuvor.

"Ich habe das Gefühl, dass die Musik schon immer eine zentrale Rolle in meinem Leben gespielt hat", sagt sie. "Von klein auf dachte ich, dass der Sinn des Lebens darin besteht, Musik zu machen, anderen beim Musikmachen zuzusehen und Musik zu hören. Seit ich denken kann, war das schon immer so. Inzwischen gibt es auch andere Dinge, die mich interessieren, aber die Musik ist immer noch ziemlich zentral für alles, was ich tue."

Sie lacht, bevor sie abschließend hinzufügt:

"Mein Partner ist ja auch Musiker, und deshalb dreht sich bei uns alles um Musik!"

Aktuelles Album: News Of The Universe (Sub Pop / Cargo)


Weitere Infos: laluzband.com Foto: Wyndham Garrett

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