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REEPERBAHN FESTIVAL

16.09. - 19.09.2020 Hamburg

Bereits in einer Phase, in der alle anderen Festivals noch resignierend die Segel strichen, machten die Macher des Reeperbahn-Festivals deutlich, dass man nach Möglichkeiten suchte, das größte Stadtfestival der Republik unter Corona-Bedingungen durchführen zu wollen. Dabei gab es einige Gründe, die dafür sprachen, dass das tatsächlich auch gelingen könnte. Denn zum Einen spielte die Politik mit, so dass Hygiene-Konzepte erarbeitet werden konnten, die eine realistische Chance auf eine Umsetzung hatten und zum anderen ist das Reeperbahn-Festival – anders als fast alle anderen Festivals - aufgrund seiner Ausrichtung und des Konzeptes nicht ausschließlich auf internationale Mega-Acts außerhalb Europas angewiesen, so dass die dann realisierte Ausgabe mit einem Fokus auf nationale Acts und solche aus dem nahen europäischen Ausland (wie zum Beispiel vom diesjährigen Länderpartner Dänemark) durchgeführt werden konnte. Und letztlich einigte man sich darauf, das Ganze als Hybrid-Veranstaltung auszulegen, wobei der professionelle Business-Bereich mit seinen Panels, Vorträgen und Diskussionsrunden komplett und der musikalische Teil teilweise in den Online-Bereich verschoben wurde.

Abb. oben: Blond

links: Anchor Jury, Markus Kavka, Melanie C, Frank Dellé (v.l.n.r.)

rechts: Luisa

Mitte: Tuvaband

links: Niels Frevert & Band

rechts: Jettes



Trotzdem glich die konkrete Durchführung vor Ort weniger einem spannenden Experiment zur Ermittlung von Möglichkeiten für die Zukunft als vielmehr einer Operation am offenen Herzen des Veranstaltungs-Systems, die nur aufgrund der vorbildlichen Organisation vor Ort und der erstaunlichen Disziplin wirklich aller Beteiligten zu einem glücklichen Abschluss für die Veranstalter, Künstler und das Publikum gebracht werden konnte.

Wie zerbrechlich die Situation war, zeigte sich daran, dass das geplante Angebot mehrfach reduziert und umdisponiert werden musste. Nicht nur wegen der zahlreichen erklärlichen Absagen vieler Künstler, sondern auch, weil im Verlauf des Festivals veränderte Reisewarnungen die Absagen weiterer geplanter Acts aus Österreich, Holland oder der Schweiz hingenommen werden musste. 

Was schließlich realisiert werden konnte, war ein reduziertes On-Site-Musikprogramm mit Live-Acts in wenigen kleinen oder mittleren Clubs und diversen Open-Air-Spielstätten – darunter zwei neue, größere mit einer Kapazität vom bis zu 350 Zuschauern. Das gesamte Länder-Showcase-Programm (darunter auch der Beitrag aus Korea, dem Länderpartner, der für 2021 vorgesehen ist), Ray’s Reeperbahn-Revue und einige Live-Show-Streams (darunter auch die Shows des Anchor-Wettbewerbes) wurden – neben dem Business-Programm - parallel zum Vor-Ort-Programm Online im Stream angeboten.

Auch das Award-Programm wurde notgedrungen eingedampft. So gab es dieses Jahr – logischerweise – keinen Helga-Award für das beste Festival und die Jury, die eigentlich die Live-Acts im Rahmen des Anchor-Awards begutachten sollte, war nur zur Hälfte anwesend wobei die eigentlich ebenfalls Anchor-nominierte Band „L’Eclair“ aus der Schweiz Corona-bedingt nicht anreisen konnte.

Freilich: Trotz allem war das Reeperbahn-Festival 2020 ein wichtiger Prüfstein für die gesamte Branche, auf der vorsichtig ausgelotet wurde, was in Sachen echter Live-Musik (also jenseits von Streams, Autokino-Konzerten, Quarantäne- und One-On-One-Shows) überhaupt mit Corona möglich ist. Den verantwortlichen Machern des Festivals – bei der prestigeträchtigen, mittlerweile in einem geeigneten Format etablierten Doors Open Veranstaltung vertreten, durch die sichtlich begeisterten, aber auch ein wenig erleichterten Vertreter aus Business und Politik - gebührt der Dank der ganzen Branche und natürlich der Fans für den mutigen Schritt, die Sache in dieser Form durchzuziehen. RBF-Geschäftsführer Alexander Schulz, Konzertveranstalter Karsten Jahnke, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und Staatssekretär Wolfgang Schmidt (der seinen „erkältungsbedingt“ verhinderten Chef Olaf Scholz vertreten musste) zeigten schon auf dem roten Teppich ihre Begeisterung für das Sujet und die Vertreter der Politik ließen es sich nicht nehmen, zur Eröffnung des Festivals Mut machende Reden zur Lage zu halten, und dabei kenntnisreich Textzeilen von Jason Isbell und den Savages zu zitieren.



Der musikalische Teil des Festivals stand dann ganz in der Tradition des Festivals, das ja noch nie unter dem Zwang stand, mit Mega-Headlinern die Fans anlocken zu müssen. Stattdessen gab es wieder zahlreiche Acts zu entdecken, die ansonsten in einem solchen Zusammenhang kaum den Weg zueinander gefunden hätten. Anders als in den letzten Jahren, war dieses aber systembedingt nun vollkommen stressfrei möglich, denn bei lediglich ca. 120 statt der gewohnten 400 Shows und 8000 statt 40000 Zuschauern gab es für die Fans – trotz (mittels Registrierungs-App) automatisierter Einlasskontrollen und strikt umgesetzter Platzzuweisung – gute Chancen, die Wunschkonzerte auch wahrnehmen zu können.

Repräsentativ für den Ansatz des gesamten Festivals waren dabei vielleicht die nominierten Anchor-Acts, die unterschiedlicher kaum hätten ausfallen können: Inèz Schaefer und Demian Kappenstein a.k.a. Ätna, die von der in Vertretung von Jury-Präsident Tony Visconti agierenden Jury-Vorsitzenden Melanie C schließlich zum Gewinner des Wettbewerbes gekürt wurden, überzeugen durch intelligent gemachten, stilistisch vielseitigen E-Pop. Arya Zappa aus Berlin brachte androgynen Indie-Pop mit Bandbegleitung auf die Bühne des Nochtspeichers, in dem dieses Jahr alle Anchor-Shows stattfanden. Die Niederländerin Eefje de Visser begeisterte mit klassischem, gesangsorientiertem Folkpop – der allerdings auf Holländisch dargeboten wird. Die Französin Suzane brachte den Club (im Corona-Kontext) mit ihren chansonorientierten Club-Sounds zum Kochen und präsentierte eine mit – und hinreißende, selbstironische, körperbetonte Performance. Und die Norwegerin Tuva Hellum präsentierte sich mit ihrer (bis auf den Drummer weiblich besetzten) Tuvaband in einem klassischen, melancholischen Skandenamericana-Setting, das insofern überraschte, als dass sie dereinst als minimalistische Solo-Künstlerin gestartet war, aber spätestens nach ihrem Umzug nach Berlin den Reiz einer in der Kollaboration aufgehenden Bandleaderin entdeckt hatte. Alle Anchor-Shows boten somit ihren Reiz und es konnte schließlich nur darum, gehen, sich einen davon als Sieger auszusuchen, denn verdient hätten den Anchor 2020 alle Beteiligten. 

Ansonsten war es schön, die Laufbahn von Acts wie Sofia Portanet oder Tara Nome Doyle weiter verfolgen zu können, die ihre Karriere sozusagen zuvor auf dem Reeperbahn-Festival gestartet hatten und einige etabliertere Acts wie die Sterne, Niels Frevert, Drangsal oder Tom Gregory neben hoffnungsvollen Newcomern wie dem dänischen Romantiker Nicklas Sahl, dem in Berlin gestrandeten US-Power-Pop-Duo Jettes oder dem Fun-Pop-Trio Blond aus Chemnitz auch in einem größeren, seit langer Zeit nicht mehr erlebten Live-Zusammenhang auf den großen Bühnen bewundern zu dürfen. 



Die subjektiven Highlights waren dann jeweils die Spät-Shows (die freilich Corona-bedingt bereits um Mitternacht zu Ende sein mussten). So bot Sofia Portanet mit ihrer Band am ersten Tag im Imperial-Theater einen ziemlich soliden NDW-Flashback, absolvierte Dillon im Grünspan ein anrührend menschelndes Solo-Konzert am Flügel, überraschte Tara Nome Doyle wieder im Imperial-Theater bereits mit Songs ihres erst im nächsten Jahr erscheinenden zweiten Albums, und schließlich bot die ebenfalls in Berlin ansässige, sympathisch schüchtern agierende Amerikanerin JJ Weihl mit ihrem Multimedia-Projekt Discovery Zone im Knust zum Ausklang einen Einblick in die Möglichkeiten, die sich auf dem Pop-Sektor jenseits konventioneller Herangehensweisen, dafür aber mit Theremin, synchronisierten Video-Animationen und Digitalgitarre so alle eröffnen.

Unter dem Strich – und trotz Allem – durfte das Reeperbahn Festival 2020 wohl als Erfolg verbucht werden. Allerdings nur als Systemtest – denn Geld zu verdienen oder gar die Branche zu retten, war unter diesen Bedingungen natürlich nicht möglich.

Wollen wir also hoffen, das das Reeperbahn-Festival vom 22.09. bis 25.09.2021 dann wieder im gewohnten Umfang und ohne Pandemie-Beschränkungen stattfinden kann. Denn: Live is Life – und nicht Konserve. Das in diesem Jahr ausgefallene Programm (die Konzerte in der Elbphilharmonie etwa) soll übrigens – so weit das möglich ist – im nächsten Jahr dann nachgeholt werden.


Oktober 2020
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