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RAOUL DE JONG

Jaguarmann

(Edition Amikejo, 280 S., 14,50 Euro)

Suriname liegt an der nördlichen Atlantikküste Südamerikas, ist knapp halb so groß wie Deutschland, hat aber wahrscheinlich nur reichlich 600.000 Einwohner (so ganz genau weiß das niemand und das ist zumindest für die letzten Indigenen auch ganz gut so). Im 17. Jahrhundert war der Landstrich unter die Herrschaft, nein: in den Besitz(!) einer Privatgesellschaft, der "Sociëteit van Suriname" (Teilhaber waren neben der berüchtigten "West-Indischen Compagnie" die Stadt Amsterdam und der calvinistische Oberst und Sklavenhändler Cornelis van Aerssen van Sommelsdijk) geraten. Die "importierte" Tausende afrikanische Sklaven und ließ diese auf Plantagen Zuckerrohr, Kakao und Baumwolle anbauen. Als im 19. Jahrhundert die Sklaverei abgeschafft wurde, kamen - nun als Vertragsarbeiter - frische Arbeitskräfte aus Indien, China und Indonesien und es entstand ein buntes Völkergemisch aus Indigenen, Asiaten, Afrikanern und Europäern. Ein Spross dieses verzweigten Baums ist Raoul de Jong, geboren in Rotterdams West-Kruiskade ("Der genaue Moment wurde auf Fotos festgehalten, und zwar buchstäblich: Sie zeigen, wie ich aus meiner Mutter herauskomme.") Auch wenn er sich schon durch sein Äußeres von "echten" Niederländern abhebt - richtig bewusst werden ihm seine überseeischen Wurzeln erst, als am 10.12.2011 bei dem unter blonden Cousins und Cousinen aufgewachsenen 27jährigen eine knappe E-Mail folgenden Wortlauts eingeht: "Ich suche meinen Sohn Raoul de Jong." Nach etwas komplizierter Kontaktaufnahme und einem eher enttäuschenden Treffen mit seinem ihm bis dahin unbekannten Erzeuger rumort es jedoch in dem 1984 geborenen Schriftsteller und Tänzer, denn der Vater erzählt ihm von einem mythischen Vorfahren, der sich in einen Jaguar verwandeln konnte. So wird der Jaguarmann zum ideellen Begleiter und Führer des jungen Manns auf der Suche nach seiner Herkunft. Diese Suche ist ebenso persönliche Recherche wie antikoloniale Aufarbeitung - de Jong macht daraus ein (manchmal fast zu) persönliches und doch faktenbasiertes Buch, das mal VaterRoman, mal soziologisch-historisches Sachbuch, gelegentlich ReiseReportage und hier und da auch verstörend-spirituelle WeltBeschreibung ist. Gegliedert durch ein siebentägiges Winti(=Voodoo)Ritual, das ihn reinigen und erleuchten soll, irren wir mit dem Nachkommen des Jaguarmanns durch SklavenElend und RebellenStolz, durch Unterdrückung und transzendente ErkenntnisSuche. Wieder so ein Text, nach dem man denkt: mit diesem Thema, diesem Land, dieser Geschichte muss ich mich weiter, näher befassen.
Weitere Infos: › www.euregio-lit.eu/de/der-verlag/jaguarmann


April 2024
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