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CHRIS COHEN

Ungekannter Luxus

CHRIS COHEN

Luftige Leichtigkeit trifft auf grüblerische Schwere: Auf seinem neuen Album, ´Paint A Room´, feilt der amerikanische Tausendsassa Chris Cohen weiter an seiner Vision eines "casually complicated pop" in sanftem Retro-Vibe und fasziniert mit bemerkenswerter Beiläufigkeit, wenn die Grenzen zwischen verführerischer Eingängigkeit und schräger Eigentümlichkeit verwischen. Konzerte in Köln, Hamburg und Berlin sind für Dezember geplant.

Mit Ende 40 hat der heute in der kalifornischen Bay Area heimische Chris Cohen schon ein paar Runden um den sprichwörtlichen Block gedreht. Einst war er Mitglied der Indierock-Heroen Deerhoff, später gab er bei der Art-Rock-Band The Curtains den Ton an, bevor er vor rund zwölf Jahren begann, Platten als Solist zu veröffentlichen, um seine Ideen so ungefiltert wie möglich Realität werden zu lassen. "Ich finde, dass man sich in der Musik von seiner besten Seite zeigen kann", sagt er im WESTZEIT-Interview. "Ich versuche, so nah wie möglich an die wesentlichen Eigenschaften meines Selbst heranzukommen, und die Musik entspringt einfach dem, was und wer ich bin."

Wie es klingt, wenn Cohen diese Idee seiner halb psychedelischen, halb paisley-farbenen Songwritingwelt in Töne übersetzt, kann man auch auf ´Paint A Room´ wieder hören, wenn er scheinbar mühelos den Sweetspot zwischen Pop und Weirdness trifft und dabei auf seinem inzwischen vierten Solowerk immer wieder bei herrlich komplexen Songgebilden landet. "Ich versuche die Logik der Songs zu respektieren, und oft kommen sie in Formen daher, die sich nicht in gängige Kategorien traditioneller Popmusik zwängen lassen", erklärt er. "Allerdings habe ich noch nie versucht, Musik zu machen, die absichtlich schwierig ist. Es ist nicht mein Anliegen, die Menschen damit zu beeindrucken, dass meine Songs kompliziert sind. Mir geht es immer darum, etwas zu machen, das allen gefallen kann, und wenn ich doch mal spüre, dass es vertrackter wird, dann versuche ich, das in eine Form zu bringen, die niemanden verschreckt." Damit wandelt er auf den Spuren eines Großmeisters, mit dem er in der Vergangenheit bereits des Öfteren verglichen worden ist: Burt Bacharach, der ein goldenes Händchen dafür hatte, seine bisweilen unglaublich seltsamen Einfälle in betont eingängigen Mitsing-Nummern zu verstecken.

Obwohl man ´Paint A Room´ durchaus als Fortsetzung der Vorgängerwerke verstehen kann, signalisiert das Album doch auch einen dezenten Neuanfang. Nicht nur, dass Cohen nach drei Platten für Captured Tracks nun beim Sub-Pop-angeschlossenen Label Hardly Art untergekommen ist, anders als in der Vergangenheit spielte er die neue Platte auch nicht mehr praktisch im Alleingang ein. "Die größte Befreiung war sicherlich, dass ich die Gruppe von Musikern um mich hatte, mit denen ich schon seit einigen Jahren zusammenspielt hatte und die ich in den Entstehungsprozess des Albums involvieren wollte", erinnert sich Cohen an die Kollaboration mit Davin Givhan (Bass), Josh da Costa (Schlagzeug) und Jay Israelson (Keyboards). "Es war sehr befreiend zu wissen, dass ich dieses Mal nicht alles würde allein machen müssen. Das bedeutete auch, dass ich eine neue Art finden musste, die Songs zu schreiben und sie den anderen Musikern zu kommunizieren – und zwar so, dass noch Raum für ihre Ideen blieb."

Das Ergebnis sind Lieder, die immer noch von der Liebe Cohens für die klassische handgemachte Musik der 60er, 70er und 80er zeugen, sich aber nicht nur wegen der fabelhaften Bläserarrangements von Jazzer Josh Johnson mehr denn je über Genregrenzen hinwegsetzen. Der Wunsch nach mehr Zusammenarbeit mit anderen wurde übrigens nicht zuletzt dadurch geweckt, dass Cohen seine Brötchen als Produzent und Sideman für andere Künstlerinnen und Künstler verdient. In der Vergangenheit arbeitete er unter anderem mit Hochkarätern wie Weyes Blood, Kurt Vile, Le Ren und Marina Allen zusammen. "Beim neuen Album wollte ich das für mich selbst machen, was ich sonst für andere tue", verrät er. "Ich wollte mich zurücklehnen und Vorschläge machen, um das Beste aus den anderen Musikern herauszukitzeln, anstatt es allein aus mir selbst herauszuquetschen. Auf der neuen Platte spiele ich deshalb manchmal gar nicht bei den Basic Tracks mit." Er hält kurz inne und muss ein wenig schmunzeln. "Das war ein Luxus, den ich bei meinen eigenen Platten noch nie zuvor hatte."



Aktuelles Album: Paint A Room (Hardly Art/Crago) VÖ 12.07.


Weitere Infos: chriscohen.bandcamp.com Foto: Kate Garner

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