
Die Zeiten ändern sich – und haben nun auch das Reeperbahn-Festival erfasst. Nachdem im letzten Jahr nur bemängelt werden musste, dass US- und GB-Bands kaum noch eine Rolle im Line-Up des RF spielten, so hat sich die Kultur-Krise in diesem Jahr auch den Festival-Betrieb ausgewirkt. Die Entscheidung der Regierung, die Kulturförderung jenseits elitärer Nischen- und Lobbyisten-Bedürfnisse einzudampfen (um Haushaltslöcher zu stopfen), machte sich in diesem Jahr ebenso bemerkbar, wie die geänderten Musikkonsum-Gewohnheiten der Fans, bei denen die Live-Musik nicht mehr zentraler Bestandteil, sondern nur noch eine von vielen Entertainment-Optionen des Musikerlebnisses ist.
Von o. nach u.: The Sukis / Agatha Is Dead / Pamela / Jewls / Jesper Munk / Hana Lili / Kylie Spence / Dream Wife / Master Peace / Big WettNeben den allgemeinen Branchenproblemen sorgten einige lokale Gegebenheiten zusätzlich noch für Probleme bei der Abwicklung des Festivals. So standen einige Spielstätten nicht mehr zur Verfügung. Die Eröffnungsveranstaltung und einige populäre Konzerte (wie Mine oder Lùisa) wurden ins eigentlich zu kleine Schmitdchen-Theater verlegt und einige Spielstätten wie das Kukuun oder das Gruenspan konnten in diesem Jahr wegen Umzug/Renovierungsarbeiten gar nicht bespielt werden. Die Hauptlast des Indie-Club-Betriebes mussten demzufolge die (entsprechend überlaufenen) Clubs wie das Molotow, der Nochtspeicher-Komplex und die verbliebenen Spielstätten im Umfeld des Club-Hauses tragen. Dementsprechend lange Warteschlangen und/oder Einlass-Stops – besonders beim Molotow und beim Clubhaus – waren die Folge. Auf der Habenseite für die Fans hingegen stand dann eine Ausweitung des frei zugänglichen Bereiches auf dem Heiligengeistfeld und dem Spielbudenplatz sowie einige kleinere Spielstätten wie der 25 Club, das Quer oder die Stage 15, die neu/fest ins Programm eingebunden waren. Was sich indes zum Glück nicht geändert hatte, war die Tatsache, dass es der Festivalleitung wieder ein Mal gelungen war, ein attraktives Programm zu kuratieren, das trotz (oder wegen) des Fehlens wirklich großer Namen (vom Gastspiel eines Jan Delay ein Mal abgesehen) viel Raum für Neuentdeckungen/Newcomer und Gastspiele von Künstlern bot, die ansonsten selten mal den Weg in unsere Breiten finden. Auch die zuverlässigen Vertretungen der kanadischen Delegationen im Canada-House, des Aussie-BBQ im Molotow oder des Austrian Heartbeat im Indra sorgten für die gewohnten Orientierungspunkte für die Fans. Neu hinzugekommen waren die gut besuchten koreanischen Showcases an der XL-Bühne am Spielbudenplatz – wohingegen dort die gewohntem Schweizer Showcases in diesem Jahr ebendort erstmals nicht mehr stattfanden. Aus dem Club Programm gilt es an dieser Stelle dann gerade jene Acts hervorzuheben, die außerhalb der normalen Tour- & Booking Routinen zu Showcase Zwecken oder besonderen Projekten herangeführt worden waren. Der erste dieser Acts war am Mittwoch die aus der Londoner Windmill-Szene stammende Band The Orchestra (For Now), die im Molotow den Club-Betrieb einläutete. Den Namen trägt das Ensemble nicht umsonst, denn zu der Band gehören 7 Mitglieder (darunter ein Cellist). Die Band eröffnete die Saison im Molotow und hat sich die die Verquickung von 70er Jahre Prog-Strukturen, Indie-Rock Attitüde und Post-Punk Elementen auf die Fahnen geschrieben. Ambitionen, an denen sie bislang noch songwriterisch scheitern, was die Show dann doch sehr anstrengend machte, da die Tracks nur aus kinetischen auf und ab Bewegungen basierten und der Flow so ständig unterbrochen wurde. In der Nochtwache machte das junge Quartett The Sukis mit der Ansage „Wir kommen aus Liverpool und spielen zum ersten Mal in Hamburg“ auf sich aufmerksam. Hatten wir so was nicht shcon mal? Nun: Die Jungs spielte dann allerdings eher Indie-Rock als Mersey-Beat. Danach zeigte im Nochtspeicher Lauren Auder Mut zur Lücke und agierte im Kunstnebel-Vorhang mit minimalistischen Depri-Sounds nicht nur, aber auch auf elektronischer Basis. Ein überraschendes Highlight bot danach die aus Chicago stammende aber in London basierte Songwriterin Vicky Sometani, die zusammen mit ihrem Bassisten und Beat Box aber noch ohne Band absolut souverän und mit brillanten Songs in Sachen Soul-Pop machte und dabei die Leute auf sympathische Art zum Party machen animierte. Auf die Idee, die arrivierten Indie-Künstlerinnen Mine und Lùisa ausgerechnet ins beschauliche Schmidtchen zu buchen (während beispielsweise der Bahnhof Pauli Spielpause hatte) muss jetzt nicht groß eingegangen werden – sie war jedenfalls nicht besonders gut, da etliche Fans schlicht draußen bleiben mussten. Das war allerdings auch darin begründet, dass mit dem Kukuun und dem Gruenspan zwei bislang fest eingebundene Clubs schlicht nicht zur Verfügung standen. Die Spielpause im Bahnhof Pauli hatte auch damit zu tun, dass die Berliner Band Agatha Is Dead relativ lange brauchte, um das Bühnensetup für die Release-Show ihres Debüt-Albums „Concrete“ einzurichten. Da es hier auch um den besonderen Anlass ging, spielte die Band keinen Showcase, sondern ein komplettes Konzert mit 18 Tracks. Das war gut, unglaublich souverän, ziemlich sympathisch aber auch ziemlich laut und etwas zu lang. Der Donnerstag ließ sich dann traditionell noch relativ gelassen an. Nachdem die ersten Business-Termine erledigt waren, ging es mit einigen Shows auf der Spielbude XL los, wo das australische Folkpop-Duo Amistat mit Band, die Berliner Fantasy-Folk-Popperin Elsdeer und die amerikanische Songwriterin Kylie Spence ihren Einstand gaben. Gerade der Auftritt von Kylie Spence war dabei erwähnenswert, weil diese sich als einzige Vertreterin des klassischen Americana-Genres auf dem Festival der Öffentlichkeit präsentierte. Früher war diese Musikrichtung ja maßgeblich in Hamburg vertreten – aber seitdem die Kanadier und Aussies heutzutage eher auf Vielfalt, denn auf Genretreue setzen, die Amerikaner nicht mehr kommen mögen und die Festivalleitung ja auch eher ein junges Publikum ansprechen möchten, sind Shows wie die von Kylie Spence heutzutage eher die Ausnahme. Kylie machte ihre Sache dabei sehr gut, in dem sie jedes Klischee, dass das Genre bereit hält (sobald die Sache in Richtung Country geht), geschickt und humorvoll umschiffte. Die Überraschungs-Entdeckung des Tages kam dieses Mal aus Wales: Beim Waliser Ländershowcase im Sommersalon räumte die quirlige Hana Lili mit ihrer Band ordentlich in Sachen Powerpop bzw. Pop-Punk ab. Hana hat dabei nicht nur jede denkbare Rockstar-Pose drauf, sondern scheute sich auch nicht sich in dem für solche Zwecke eigentlich ungeeigneten Kneipenclub ins Publikum zu begeben und mit den Fans um die Wette zu moschen – und zwar um vier Uhr Nachmittags. Hana arbeitet gerade an ihrer Debüt-LP auf die man zurecht gespannt sein darf, denn sie hatte jede Menge erstklassiger Songs am Start. Nach diesem Gig ging es an gleicher Stelle weiter mit einer Veranstaltung des französischen Streaming Dienstes Quobuz, der Jesper Munk, Tara Nome Doyle und Paula Paula eingeladen hatte, um Werbung für den ersten Streaming Dienst, der die Musiker bezahlen wird, zu machen. Da es sich bei Quobuz um ein europäisches Unternehmen handelt, besteht wohl auch kaum die Gefahr, dass Spotify & Konsorten hier reinpfuschen. Schon alleine aus diesem Grund war die Sache also von besonderer Bedeutung. Da Der letzte Gig an diesem Tag war für uns dann jener der Kölner Musikerin Julia Woll, die unter ihrem Künstlernamen Jewls bereits seit einiger Zeit die Indie Szene aufmischte. Da die Show in der irrwitzig mikroskopischen Pocca Bar stattfindet, hatte die Sache schon ein gewisses Punk-Flair – auch wenn Jewls eigentlich eher emanzipatorischen Indie-Pop mit New Wave Touch macht. Das rockte dann so gut wie möglich (denn weil die Fans wie Sardinen eingepfercht um die Bühnenfläche herum standen, waren irgendwelche Party-Moves nicht wirklich denkbar). Das fing Jewls dann durch deftige Ansagen und Mitsing-Drohungen irgendwie auf. Der Freitag ist – wie auch in diesem Jahr – der Hauptkampftag des Festivals, da hier der zweite Tag der Canada-House Shows im Uwe und das Aussie BBQ im Molotow aufeinander prallen. Vielleicht war es insofern ganz gut, dass der gewohnte Schweizer Showcase, der bis zum letzten Jahr noch dazu gekommen wäre, in diesem Jahr am Donnerstag ins Indra verlegt worden war. Das Aussie BBQ startete dann gleich mit einem Kracher im Top Ten Club des Molotow. Sarah Ellen und Josh Kempen hatten sich in ihrer Wohngemeinschaft in Sydney eigentlich nur zum Spaß zum Songschreiben zusammen gefunden, bis Freunde sie baten, ihnen mal was vorzuspielen und dann gleich deren Qualitäten erkannten. Seit 2024 sind Pamela (wie sie ihr Projekt nennen) nun als Live Act unterwegs und präsentierten sich nun erstmals dem deutschen Publikum. „Ihr werdet lachen, ihr werdet weinen – vor allen Dingen aber tanzen“ kündigte die australische maître d’ das Duo an, dass sich für diese Show mit einem Drummer zusammen getan hatten, mit dem sie erst am Abend zuvor zusammen gekommen waren. Pamela machen hinreißenden Indie-Pop, den sie auf eine charmant flamboyante Weise mit coolen Moves und einer ausgeklügelten Dramaturgie präsentierten. Das war ein Einstieg in den Konzert-Tag, wie er besser, schöner und unterhaltsamer nicht hätte ausfallen können. Im Molotow ging es dann beim Aussie BBQ mit den Auftritten von Dayweran (Indie Rock), Jack Gray (Sunny Folkpop), Headsend (Stoner- und Hardrock) und der Anchor Kontestantin Big Wett (provokativer Electroclash) nahtlos weiter – alles recht unterhaltsam und sicher ein Hinhören wert. Zwischendurch musste allerdings auch mal das Canada-Haus besucht werden. Auch hier gab es dann ein Programm, dass durch seine Vielseitigkeit zu begeistern wusste. Da war zum Beispiel der rätselhafte Auftritt der kanadischen Elektro-Queen Rayannah, die sich hinter Gaze-Vorhängen versteckte und die ganze Show über nicht zu sehen war. Dann gab es soliden Heartland Rock- und Blues des aus Ontario stammenden Trios The Redhill Valleys, das somit ein bisschen das Flair vergangener Canada-House-Shows aus der Anfangsphase verbreitete. Ganz Anderes hatte das aus Leen Hamo und Johnny Abou Chacra bestehende Duo Kazdoura im Sinn, das mit einem Mix aus soulig/jazzigem Lounge Pop, Tropicalia und nahöstlichen Folklore-Elementen (Leen stammt ursprünglich aus Aleppo) eigentlich Unvereinbares auf mitreißende Weise zusammenzuführen. Danach musste gab es dann einen Trip zur St. Pauli Kirche, wo die Reeperbahn Veteranen Blood Red Shoes einen ganz besonderen „Akustik-Gig“ angekündigt hatten (anstatt einfach einen Showcase für die an diesem Tag erschienene neue Scheibe „Stay Lonely“ zu spielen). Aber man will ja als Musiker auch nicht immer das selbe machen und da die Shoes dieser Tage mit dem Album auch „ganz normale“ elektrische Shows spielen werden, nutzten Laura-Mary Carter und Stephen Ansell die Möglichkeit, mit dieser Show mal etwas Neues auszuprobieren. Dabei verzichtete das Duo auf Drums und Electronics. Stattdessen griff Stephen – wie auch Laura – zur Gitarre, wobei er einräumte, dass ihm das schon Furcht eingeflößt habe, da er das Instrument eigentlich gar nicht beherrsche. Sagen wir mal so: Das Experiment hat dann stattgefunden ohne sich ins Gegenteil umzukehren, aber ob das in Zukunft noch mal wiederholt werden wird, bleibt abzuwarten. Denn so richtig rund klang das alles nicht. Rund klingen wollte im Folgenden auch die isländisch/kanadische Songwriterin Elin Hall nicht unbedingt. Jedenfalls hatte sie sich dazu entschieden, ihre mystischen Folkpop-Songs solo auf der elektrischen Gitarre vorzutragen und ließ es sich nicht nehmen die spirituellen Hintergründe ihres Materials zumindest kryptisch zu erläutern. Dach musste aber auch gleich der Weg zum Molotow angetreten werden, denn irgend jemand hatte die irrwitzige Idee gehabt, ausgerechnet Maria Iskariot - die zur Zeit wohl extrovertierteste Postpunk-Band überhaupt - ausgerechnet in den kleinen Top Ten Club zu buchen. Zwar maulten die energischen Belgierinnen ganz schön rum, weil die Bühne so klein ist, dass dort außer den MusikerInnen kaum Platz für das Equipment (geschweige denn zwei Ventilatoren) ist, ließen es sich im Anschluss aber nicht nehmen, dann besonders laut und wild zu agieren. Die Frontfrau Helena Cazaerck mochte dann auch auf das Stage-Diven, Crowdsurfen und Moshen nicht verzichten – obwohl das in dem kleinen Raum höchstes körperliches Geschick erforderte. Letztlich funktionierte das aber. Jedenfalls war diese Show der krönende Abschluss für einen langen Festivaltag, der 12 Stunden zuvor an gleicher Stelle begonnen hatte. Nach der Show versammelten sich dann noch alle beim Merchstand im Molotow Club selbst – denn im November gehen Maria Iskariot als Support von Placebo auf Stadien Tour und das ist ja ziemlich teuer, so dass die Band jede Gelegenheit ausnutzt, sich durch Merch-Verkauf das notwendige Taschengeld hinzu zu verdienen. Der letzte Festivaltag beginnt ja dankenswerterweise etwas später. Die Business-Termine sind dann ja auch abgeräumt, so dass man sich dann ganz auf das Musikprogramm konzentrieren kann. In diesem Jahr erschien es angebracht, sich auf eine der Schwerpunkt-Szenarien zu konzentrieren, da das Club-Hopping werden des verstärkten Publikumsandrangs sich doch eher schwierig gestaltet hätte. Im Molotow gab es an diesem Tag aber auch ein wirklich bunt gewürfeltes Programm, dass noch einige Highlights bot. Die Hamburger Band Bleach TV hatte es offensichtlich geschafft, ihre ganze Gefolgschaft für die Show im Molotow zu motivieren, denn bereits um 14 Uhr hatte sich eine ewig lange Warteschlange gebildet, so dass der Club 3 Minuten nach Einlass-beginn bereits bis auf den letzten Platz gefüllt war. Die Jungs, die sich so wenig um Egos scheren, dass sie ihre Namen nicht verraten mögen, führten die meist jungen Fans eher behutsam an ihre Sicht des basslastigen, kontemporären, gefälligen Indie-Rock heran. Das kanadische Trio Les Shirley absolvierte bereits den dritten Gig im Rahmen des Reeperbahn-Festivals und absolvierte nach dem Publikumswechsel dann ihre LGBTQ+ Party mit Schmackes und Hingabe. Das Trio aus Montreal hat gerade das neue Album „Hail Mary“ am Start und insofern jede Menge neuer Empowerment-Tracks im Angebot. Nicht, dass es die gebraucht hätte, das Hardcore-Publikum zum Mitmachen zu bewegen. Eine dieser klassischen Reeperbahn-Überraschungen stellte dann der Gig des Londoner Rappers Master Peace (Okezie) dar, der sich einen Kehricht um Genre-Konventionen kümmerte, sondern sein Material zusammen mit einer Drummerin und einem Gitarristen quasi im Rock-Modus präsentierte. Man fühlte sich da gleich an die seligen Zeiten der Bestie Boys erinnert. Was Master Peace besonders am Herzen zu liegen schien, war die Körperertüchtigung der Fans. Immer wieder rief er die Zuschauer auf, sich doch auf ihre „Tippy Toes“ zu begeben und mit ihm um die Wette zu hüpfen. Nach einigen Anläufen klappte das dann auch. Etwas seltsam wurde es dann, als nach dem Auftritt von Master Peace die Bühnenbeleuchtung bei den Auftritten der irischen Band Theatre und der englischen Songwriterin Heidi Curtis quasi ausgeschaltet wurde. Die Musiker waren im folgenden dann kaum noch zu erkennen – zumal dann auch noch mit Kunstnebel Verschleierung betrieben wurde. Sicher: Theatre arbeiteten mit Shoegaze- und Psychedelia-Elementen, die so ein Vorgehen ja vielleicht noch erklärt hätten – aber die extrovertierte Heidi Curtis legte mit ihrer Band eine knackige Retro-Rock-Show im Stil der 70er Jahre hin. Da hätte man dann schon mal gern gesehen, wer da überhaupt auf der Bühne stand. Beide Bands überzeugten dann musikalisch aber schon und empfahlen sich mit ihren Auftritten nachdrücklich als Nex Big Thing Anwärter. Die Londoner Liedermacherin Gretel (Maddy Haenlein) setzte mit ihrem Gitarristen im Folgenden im wahrsten Sinne einen Kontrapunkt – indem sie nämlich im Sitzen musizierte und ihre spröde/abenteuerliche Moritaten um Schmetterlinge, die Lorelei heißen und Briefe an den Sensemann dann ohne Bandbegleitung vortrug. An dieser Stelle war das eine rätselhafte Programmentscheidung, da die auf Partymodus gebürsteten Fans bei diesem Auftritt in ein tiefen emotionales Loch fielen. Dafür ging die Party dann mit der abschließenden Show des umtriebigen Quartetts Dream Wife weiter und strebte einem abschließenden, furiosen Höhepunkt und Abschluss entgegen. Wie üblich machten Rakel Mjöll, Alice Go und insbesondere Bassistin Bella Podpadec keinen Hehl daraus, dass sie die zuweilen poppigen Produktionen ihrer Studiotracks bestenfalls als grobe Richtungsempfehlungen für ihre umwerfend hysterischen Live-Shows begreifen und verwandelten das Molotow – nicht zuletzt mit Hilfe der tobenden Fans - in ein tanzendes, jubelndes Tollhaus. Das letzte Album „Social Lubrication“ hat auch schon wieder ein paar Jahre auf dem Buckel und die Mädels hatten demzufolge die Zeit genutzt, neues Material zu schreiben und brannten nun darauf, das dann auch zu präsentieren. Freilich: Die alten Gassenhauer wie „Hey Heartbreaker“ funktionierten immer noch am Besten. Fazit: Musikalisch bot auch dieses Reeperbahn-Festival wieder viele angenehme Überraschungen, Höhepunkte und Entdeckungen. Die veränderten Rahmenbedingungen, das reduzierte Spielstättenangebot und die erforderlichen strukturellen Umstellungen machten sich schon bemerkbar – aber nicht so sehr, dass sie das Festival-Erlebnis wesentlich geschmälert hätten. Ob die Idee, durch das verstärkte Buchen junger E-Pop, DJ-, Club und Hip Hop Acts auch ein jüngeres Publikum zu generieren funktioniert hat, muss noch eruiert werden. Erwähnt werden muss aber noch, dass das Orange Blossom Festival in diesem Jahr den verdienten Publikums-Preis „Fan Favorite“ im Rahmen der „Helga!-Awards“ gewonnen hat– und sich somit ungestraft „beliebtestes Festival Deutschlands“ nennen darf. Der Anchor-Live-Award ging dieses Mal an die ukrainische Künstlerin Ganna (Gryniva). Hier sei mal die Anmerkung erlaubt, dass in den letzten Jahren eigentlich nur noch Acts mit einem folkloristischen Ansatz eine Chance haben, diesen Preis zu gewinnen. Vielleicht sollte man hier mal eine zweite Schiene für traditionelle, konventionelle Live-Acts einrichten. Unter dem Strich gab es also auch in diesem Jahr wieder mehr auf der „Haben-“ als auf der „Soll-Seite“. Wollen wir mal hoffen, dass der von der Politik angekündigte kulturelle Kahlschlag dann doch ausbleibt, damit es auch im nächsten Jahr zumindest wieder eine vergleichbare Veranstaltung geben kann.
Weitere Infos: https://www.reeperbahnfestival.com/

