
Es ist der krönende Abschluss der 55. Ausgabe des Moers Festivals: Nach fünf Tagen genrebrechender Musik aus allen Teilen der Erde zelebriert die amerikanische Lichtgestalt Lakecia Benjamin auf der Hauptbühne am Kastellplatz seelenvollen Jazz, der spürbar auf den Schultern der Gigantinnen und Giganten der Vergangenheit steht, klanglich und inhaltlich aber mit ernsten Zwischentönen und unendlich viel "positive vibrations" ganz auf der Höhe der Zeit ist. In Moers ist Benjamin eine alte Bekannte. Vor 14 Jahren absolvierte die inzwischen längst zu einer der aufregendsten Stimmen der Jazz-Welt aufgestiegene Alt-Saxofonistin hier ihren allerersten Festivalauftritt in Deutschland, und bei ihrer Rückkehr verwandelt sie das in diesem Jahr in den Moerser Stadtkern zurückgekehrte Festivalgelände im Handumdrehen in ein Tollhaus aus Rhythmus, Emotion, Freude und purer Spiritualität. Vom ersten Ton an macht Benjamin klar, dass dies kein steifes Jazz-Konzert ist. Ihr Spiel ist voluminös, druckvoll und von einer durchdringenden Dynamik geprägt. Begleitet von ihren glänzend aufgelegten drei Begleitern an Tasten, Bass und Schlagzeug fusioniert sie klassischen Spiritual Jazz mühelos mit modernen Einflüssen aus Funk, Soul, R&B und Hip-Hop. Diese stilistische Offenheit lässt sie schon früh am Abend rappen, um Missstände aufzuzeigen und für mehr Toleranz und ein friedliches Miteinander zu werben, nur um später mit handverlesenen Interpretationen der Werke von John Coltrane, Billy Taylor und Stevie Wonder auf die lebendige Geschichte zu verweisen, auf der ihr Tun fußt. Ein besonderer Gänsehautmoment ist dabei die einst von Nina Simone unsterblich gemachte Hymne der Freiheit "I Wish I Knew How It Feels To Be Free", deren zeitlose Botschaft Benjamin am Saxofon, nur begleitet von ihrem Pianisten Oscar Perez, mit viel Gospel-Feeling unterstreicht. Komplexe Improvisationen verknüpft die mit sechs Grammy-Nominierungen geadelte Musikerin immer mit unwiderstehlichen Funk-Grooves ihres in Kürze erscheinenden Albums "We Dream", die selbst bei hochsommerlichen Temperaturen für ordentlich Bewegung im Publikum sorgen. Noch beeindruckender als die Energie des 75-minütigen Auftritts ist aber seine emotionale Tiefe. Benjamin versteht ihre Musik als heilendes Erlebnis, und bei jedem ihrer langen Solos ist spürbar, wie ernst ihr es mit diesem Anspruch ist. Soll heißen? Ein mitreißenderes Finale für das diesjährige Moers Festival hätte man sich kaum ausmalen können!
Weitere Infos: https://lakeciabenjamin.com/

