(Siedler, 399 S., 28,00 Euro)
Christian Schüle, ein an der Berliner UdK lehrender Kulturwissenschaftler, widmet sich hier einer der erstaunlichsten Unternehmungen der Weltgeschichte, nämlich der Idee einiger niederländischer Kaufleute, ihre Aktivitäten zu bündeln und die anlaufenden Geschäfte mit den in Südostasien entdeckten Gewürzinseln zu koordinieren (anstatt sich weiter gegenseitig Konkurrenz zu machen). So heben sie am 20. März 1602 in Amsterdam die Vereinigte Ostindische Compagnie (VOC) aus der Taufe und nach ersten Schwierigkeiten laufen die Geschäften bald prächtig. Die Gewinne aus dem Gewürzhandel sprudeln, es entstehen feste Stützpunkte, die (zuerst v.a. portugiesischen, später auch englischen) Mitbewerber werden auf Distanz gehalten und nach relativ kurzer Zeit hält die VOC das Monopol auf Gewürznelken und Muskat. Sehr geschickt verknüpft Schüle die konkreten wirtschaftshistorischen Abläufe und Zusammenhänge mit allgemeinen Betrachtungen, auch stilistisch ist dieses Buch sehr gelungen. Öfters beginnen Sätze mit "Ich stelle mir vor…" oder "Ich spekuliere…" und dann folgt eine Szenenbeschreibung oder Hypothese, die sich vielleicht nicht immer in allen Details mit historischen Dokumenten belegen lässt, die sich aber so (oder zumindest ähnlich) ganz bestimmt abgespielt hat. Haben kann. Dadurch wird der sonst womöglich etwas trockene Stoff bunt und greifbar, Gestalten wie Johan van Oldenbarnevelt (der die protestantischen (also nicht-spanischen) niederländischen Provinzen politisch einte), Jan Pieterszoon Coen (der als Generalgouverneur die Vormachtstellung der VOC mit harter Hand ausbaute) oder Johann Verken (der die Berichten von seinen Reisen als Angestellter der VOC 1612 als Buch herausbrachte und damit beispielhaft für die vielen sonst namenlosen Glückssucher gelten mag, die bei der VOC eher den Tod denn Reichtum fanden) werden sehr präzise beschrieben und analysiert. Auch die theoretische(re)n Exkurse, Betrachtungen, Reflexionen und Meditationen über Kapitalismus und Geschichte bereichern den Text nochmals, Schüler behauptet so etwa mit gut untersetztem Grund: "...die Entstehung des modernen Kapitalismus gründe im Handel mit dem Osten." Seiner in diesem Zusammenhang mehrfach wiederholten These, wonach der Kapitalismus "Evolution auf Basis von Zufällen" sei, "eine ungeplante, dezentrale, von zahllosen Akteuren getragene Art und Weise des Wirtschaftens", greift hingegen vielleicht ein wenig zu kurz und würdigt nicht hinreichend die ökonomischen Grundunterschiede zwischen den Beteiligten. Manchmal (gottlob aber recht selten) gehen ihm dabei ein wenig die metaphorischen Pferde durch, etwa wenn von Amsterdam als "gut geschmiertem Durchlauferhitzer" die Rede ist (ich hoffe sehr, dass niemand seinen elektrischen Durchlauferhitzer schmiert!). Aufstieg und Expansion, Stagnation und Ignoranz, Dekadenz und Verfall – die großen weltgeschichtlichen Stadien wiederholen sich hier nein, nicht im Kleinen (die VOC war ein Unternehmen von heute kaum vorstellbarem Umfang und Einfluss!), sondern im bzw. am konkreten Beispiel. Nicht zuletzt wegen dieser Implikationen für heutige Prozesse in Wirtschaft und Gesellschaft ein sehr lesenswertes und aufschlussreiches Buch!Weitere Infos: www.penguin.de/buecher/christian-schuele-die-jagd-nach-der-muskatnuss/buch/9783827501820

