interviews kunst cartoon konserven liesmich.txt filmriss dvd cruiser live reviews stripshow lottofoon

ANKE ENGELMANN

Blender

(Voland & Quist, 223 S., 23,00 Euro)

Ambivalenz ist das Konzept, das sich durch diesen Roman zieht, ihn sowohl inhaltlich wie ästhetisch bestimmt. Es geht um Hannes Bohn, in Weimar geboren (wie auch die Autorin, nur 8 Jahre früher) und als Kind eines "Nennvaters" zwischen Karl-Marx-Stadt und Erfurt aufgewachsen. Für seinen eigentlichen Erzeuger hält er den Philosophen Ernst Bloch, der Ende 1956 in der DDR in Ungnade gefallen war und seit 1961 in Tübingen lebte. Also scheint es eine gute Idee, dem öden Schulalltag und dem fiesen Mitschüler Lutz durch einen illegalen Grenzübertritt zu entrinnen und den vermeintlich echten Vater in seinem neuen Domizil zu besuchen. Klappt natürlich nicht und endet mit einer lebenslangen Stasi-Verstrickung. Auch besagter Lutz bleibt zeitlebens Hannes’ teuflischer Antagonist, der zuverlässig dann auftaucht, wenn unserem tragischen Helden ein klein wenig Glück zuteil zu werden scheint. Scheint, wobei Hannes für sein zuverlässig stattfindendes Scheitern oft selbst verantwortlich ist. Arschloch und Genie, HerzensMensch und Verräter, Betrüger und Betrogener – Ambivalenz eben. Erste und weitere Lieben finden statt, künstlerisches Talent wird erkannt, aber auch eine kleinkriminelle Karriere beginnt früh (inkl. Handel mit geklauten West-LPs und Schlachten des Sparschweins der kleinen Schwester). Denn Hannes hat eine veritable Drogenabhängigkeit entwickelt (ungewöhnlich für die Alkohol- und schlimmstenfalls Medikamenten-fixierte Szene des Ostens, aber über die Freundschaft zu Kokain-affinen algerischen Gastarbeitern einigermaßen plausibel erklärt). So stolpert der Held von Jugendwerkhof- zu Gefängnisaufenthalt und lernt auch die Ost-Psychiatrie kennen: kein Zuckerschlecken, das. Seinem Mal-Talent verdankt er nicht nur Knast-Privilegien (gelungene Tätowierungen waren schon damals begehrt), sondern schließlich auch die Bekanntschaft mit Staatsmaler Tübke (er soll bei dessen Megaprojekt in Bad Frankenhausen mithelfen) und schließlich gar eine Stelle als Restaurator im Gothaer Schloss Friedenstein. Leider zwingen ihn – mal wieder – die Umstände ins Dunkle: Hannes wird zum Kunstfälscher. Und da sind wir bestenfalls in der Mitte des Romans angelangt, wollen und müssen aber gar nicht viel mehr verraten – das Strickmuster wird hoffentlich deutlich. Ich meine Parallelen zu Thomas Brussigs (auch schon wieder 30 Jahre altem) Erfolgsroman "Helden wie wir" zu erkennen, denn auch Hannes stolpert ungewollt durch die (realen) Katastrophen der Zeitgeschichte - nur ist das setting hier düsterer, (selbst)zerstörerischer und "Sucht-iger". Es gibt sehr schöne Formulierungen und Ideen (z.B. das Konzept des "Kategorischen Konjunktivs"), aber auch Plattitüden und grobe Überzeichnungen und den Pedanten in mir stören unwichtige Fehler wie die Bezeichnung "Russenkutsche" für den Bonzen-Tatra, mit dem die Kollegen von Schalck-Golodkowskis KoKo in Friedenstein vorfahren, um dort Kunst für den Verkauf in den Westen abzuholen (dabei weiß doch jeder, dass dieses wundervolle Fahrzeug in der Tschechoslowakei gefertigt wurde). Wir wiederholen: Ambivalenz. Gegen Ende denkt Hannes darüber nach, ob sein Leben anders verlaufen wäre, hätte er sich entschlossen, seinen eigentlichen Vornamen Johannes zu Jo abzukürzen – und zumindest darüber darf jeder noch eine Weile selbst sinnieren...
Weitere Infos: www.voland-quist.de/werke/blender


September 2026
ANDREW O'HAGAN
ANKE ENGELMANN
CHRISTIAN SCHÜLE
DIDI HAMANN / OLIVER FRITSCH
DORA KAPRÁLOVÁ
FRANZISKA ZU REVENTLOW
HANS JÜRGEN ZINSLI
HERMANN MENSING
ROBERT JACKSON BENNETT
‹‹Juli