
(Ullstein, 336 S., 24,99 Euro)
Bei diesem Buch war es ein aus meiner Sicht schwer verzeihlicher Fehler in der Verlagsankündigung, der mein Interesse weckte (was insofern von der Presseabteilung also doch ganz clever eingefädelt war). Denn dort wurde der Interessenschwerpunkt der Helden dieses Buchs wie folgt beschrieben: "Die Musik ist ihnen Zuflucht und Ausweg, Manchester im Jahr 86 ihr Mekka. Ein Wochenende lang spielen dort ihre Heroen, Bands wie The Smiths, New Order oder Joy Division. Mit ihrer Clique ziehen die beiden durch die Clubs, getragen von den Riffs der Gitarren, der Magie des Fortseins von zu Hause und von einem Rausch, wie nur die Jugend ihn kennt." So weit so gut, klingt vielleicht zunächst nach einer langweiligen Coming-of-age-Aufarbeitung eines im beginnenden Alter sentimental gewordenen Berufsjugendlichen. Aber die Frage, wie die Jungs aus dem schottischen Nirgendwo, denn anno ´86 einem Joy Division Konzert beiwohnen konnten (noch dazu, wo sie am gleichen Wochenende New Order spielen gesehen haben wollen) lockte den Klugscheißer in mir (für alle Spätgeborenen oder nicht PostPunk-Interessierten: Joy Division fanden mit dem Suizid ihres Sängers Ian Curtis schon im Mai 1980 ihr Ende – um wenig später als New Order zu re-inkarnieren). Und die erste Hälfte dieses Romans beschreibt denn auch die euphorische Reise des Ich-Erzählers Noodles, der mit seinem Freund Tully und drei weiteren Kumpels aus einem wegen Thatchers rigorosem Neoliberalismus wirtschaftlich im steilen Sinkflug befindlichen Kaff an der schottischen Westküste in das wirbelnde Manchester fährt. Die Clique hat sich Konzertkarten für einen Abend im "Greater Manchester Exhibition Centre" besorgt, dort spielen "New Order, The Smiths, The Fall, Magazine. Und noch ungefähr sechs andere Bands." Im Großstadtgewühl geht ein Ticket verloren (was dank Tullys Türsteher-Überredungskünsten jedoch kein Problem ist), die Jungs lernen einige nette Mädels und auch ein paar nicht minder nette Mancunians kennen – alles wie erwartet: der große Rausch der Jugend. Sex, Musik, Alkohol. KinderStreiche und AdoleszensEkstase. Gut, einfühlsam und stilsicher erzählt (und zum Glück auch popkulturell Faktencheck-fest), aber von überschaubarem Neuigkeitswert. Doch dann gibt es – ziemlich genau in der Mitte der 336 Seiten – einen Bruch, einen Zeitsprung in den Herbst 2017. Die Jungs sind zwar nicht gerade bürgerlich geworden, aber ruhiger geht es jetzt auf jeden Fall zu. Nach einem Dinner bei einer befreundeten Journalistin sieht Noodles auf seinem Telefon eine Nachricht von Tully: "Können wir reden?". Als die beiden wenig später telefonieren, hört Noodles "den schlimmsten Satz in jeder Sprache: »Es ist Krebs.«" Tully ist auf der Zielgeraden, ihm verbleiben nur noch ein paar Monate. Tapfer unterzieht er sich einer Chemo, die zunächst auch wirkt. Aber ihm ist klar, dass das Ende jämmerlich zu werden droht, deshalb bitte er Noodles um Beistand, konkret um die Organisation von Sterbehilfe. Tullys Freundin findet das komplett daneben, sie hat das Gefühl, ungefragt vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Und Noodles steckt in einem Dilemma. Es gelingt O’Hagan, diesen Zwiespalt psychologisch sicher und doch immer einfühlsam auszuleuchten. Es kommt keinerlei Weinerlichkeit auf, aber auch kein übertriebener Optimismus. Als moralisch-ethischer Diskurs gelesen, regt dieser Text zur (neuerlichen?) Auseinandersetzung mit Krankheit, Sterbehilfe und Selbstbestimmung an. Als Roman über (Männer)Freundschaft und die fiesen Schläge des Schicksals birgt er zugleich ein hohes Maß an unsentimentaler Empfindsamkeit.Weitere Infos: www.ullstein.de/werke/maifliegen/hardcover/9783550204470

