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HENDRIK OTREMBA

Der Gräber

(März, 275 S., 24,00 Euro)

Wie es kommt, dass Oswalth Kerzenrauch sämtliche seiner Frauen und auch die geliebte Tochter Luzie, ja alle Menschen, die ihn umgeben immer und immer wieder überlebt, lässt Otremba (ja, das ist der Sänger von Messer, aber das tut hier wenig zur Sache) in diesem beklemmend freien Roman offen. "Was hatte er getan, dass er das alles überlebte?" fragt Kerzenrauch sich selbst - und es ist ganz egal: der Fluch der Unsterblichkeit bedarf keiner Erklärung, er ist eine Strafe in sich. Kerzenrauch ist "Ein Flaneur am Ende der Zeit", er durchwandert die Jahrhunderte zwischen einem länger zurück liegenden Ereignis (offenbar ein Krieg, dessen Ursachen aber ebenfalls nie erläutert, bestenfalls ganz vage angedeutet werden), das ganz Europa, zumindest aber Berlin zerstörte und den letzten Tagen der Menschheit auf der post-apokalyptischen Erde. Aber auch die, die am Ende auf einen mysteriösen Ausweichplaneten "Nektar II" fliehen, sind dem Untergang geweiht - die Vernichtung scheint allerorten auf den Menschen zu warten. Und er auf sie - "am toten Grund der Zeit". In dystopischen Landschaften mit tribalistischen RestBewohnern (die in ihrer verzweifelten Verblendung auch vor einem rituell verbrämten Kannibalismus nicht Halt machen), zwischen Gewalt und Liebe. Weder Folter noch ein Schuss in den Sack über seinem Kopf töten den Protagonisten - es bleibt nur Schmerz und in dem eine tiefe Gleichgültigkeit. Weder die Liebe zu Frauen noch die zu seiner Tochter (die er von ihrer Geburt bis zu ihrem friedlichen Tod im hohen Alter stets zu beschützen sucht) kann hier von Dauer sein - ein Unsterblicher muss erdulden, dass um ihn herum alles vergeht. In jeder Hinsicht. "Die Vergangenheit ist seine Strafe, die Zukunft sein Fluch. Was macht das aus seiner Gegenwart?" Otrembas ambitionierte Sprache passt sich dem Inhalt an (und der ihr): lange Gedankenfäden, philosophische und ökologische Exkurse, manches bleibt bewusst auch fetzenhaft. Ein fordernder, aber - eine gewisse mentale Stabilität vorausgesetzt - auch höchst erkenntnisreicher Text.
Weitere Infos: www.maerzverlag.de/shop/buecher/literatur/der-graeber


Juni 2026
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