interviews kunst cartoon konserven liesmich.txt filmriss dvd cruiser live reviews stripshow lottofoon

ALEXANDER HACKE

Krach

(Ventil, 301 S., 25,00 Euro)

Auch wenn man es nicht glauben mag – Hacke scheint besser organisiert zu sein als die meisten anderen Leute. Denn so blöde der Spruch von den 80ern, an die man sich nicht erinnern können darf, wenn man denn dabei gewesen sein möchte, auch ist – ich z.B. kann die meisten meiner damaligen Aktionen tatsächlich bestenfalls verschwommen memorieren (und war dabei – Ost/West mal ganz beiseite gelassen – wenn überhaupt, dann allerhöchstens als randständiger Beobachter in Szene- oder gar RauschmittelZusammenhänge involviert). Anders Hacke – der weiß noch heute (bzw. 2015, als er diese Autobiografie schrieb) erstaunlich viele Details und Umstände und Dialoge. Aber auch bei ihm trübt sich manches in der Rückschau, denn so vehement er es auch behauptet – sicher ist, dass es im Umkreis von good old Chemnitz keinerlei Braunkohlentagebaurestlöcher gibt, an deren Rändern man irgendwelche (weniger schönen) Ost(ler)Erfahrungen machen könnte. Auch dass – wie Hacke behauptet - "Teufel" und "Zweifel" denselben Wortstamm haben, dürften wohl nicht nur Etymologen bezweifeln. Aber das sind Petitessen, die nur notorische Nörgler stören, denn über weite Strecken ist dieses, nun um einen die Jahre 2015-2025 ausleuchtenden "Epilog" ergänzte Buch nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch eine kleine Fundgrube von Anekdoten und (hoffentlich korrekten) Fakten v.a. zur West-Berliner underground-Mischpoke der 80er. Denn Hacke kannte sie alle, ob nun als minderjähriges Neubauten-Mitglied, Liebhaber von Christiane F. (ja, die vom Bahnhof Zoo) und Meret Becker (letztere ward bekanntlich gar geehelicht) oder (Begleit)Musiker (z.B. tatsächlich von Gianna Nannini; auch einige Fatih Akin-Filme hat Hacke musikalisch eskortiert). Und zu bzw. von allen weiß er launige Geschichten zu erzählen, manche von ein wenig Wehmut geprägt, andere von einem (durchaus nachvollziehbaren) Klarstellungsbedarf. Hoch anzurechnen ist dem Mann in diesem Zusammenhang, dass er sich zum einen schreibend bewusst macht, dass auch er hier und da nicht übermäßig nett gewesen sein mag und zum anderen auch offene Rechnungen in fairer und niemals bloßstellender, aggressiver oder gar anklagender Form begleicht. Seine (Ver)Wandlung vom rauflustigen Trunkenbold zum ernährungsbewussten (Teilzeit)Abstinenzler hat nicht zuletzt mit mit einer Frau zu tun - mit welchem Maß an ehrlicher Verliebtheit er von seiner (recht schnell auch standesamtlich legitimierten) Beziehung zu Danielle de Picciotto berichtet, ist schlicht rührend. Keine große Literatur (Hacke ist Musiker, kein Schriftsteller), auch kein "schönes" Buch (die Papierqualität erinnert an die der späten DDR und die Abbildungen sind meist zu klein und stets s/w), aber doch ein unbedingt lesenswertes Zeitdokument. Und im letzten Drittel wie erwähnt eine wundervolle Liebeserklärung.
Weitere Infos: www.ventil-verlag.de/titel/1980/krach


Mai 2026
ALEXANDER HACKE
HELEN MARIE
JULIUS FISCHER
MAREN WÖLFL
STEPHAN LUDWIG
‹‹April