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ALFRED ROESLER-KLEINT

Pfefferminzhimmel

(Verlag am Park, 448 S., 26,00 Euro)

Weil wir ja nicht immer in den fatalen RezensentenReflex verfallen wollen, die gesamt Geschichte des zu besprechenden Buchs in 10 Zeilen nachzuerzählen, hier nur ein Abriß; nicht länger, als zum Gesamtverständnis nötig: Der ich-erzählende Held dieses autobiografisch (mehr als) angehauchten Romans arbeitet beim Kulturmagazin des DDR-Fernsehens, findet die dort (nicht sehr überraschend) stattfindende Bevormundung und Zensur irgendwann so unerträglich, dass er hinschmeißt und sich fortan als Schreiberling durchschlägt. Zunächst als TV-Kritiker, später als Dichter. Irgendwie kommt er dabei mit den "Kings vom Prenzlauer Berg" in Kontakt (die jeder Ostler auch ohne die kurze Autorenbiografie im Klappentext gelesen zu haben als "City" identifizieren wird) und schreibt schließlich die Texte für deren einigermaßen legendäre 1987er "Casablanca"-LP. Die sind – für den OstRock-Mainstream – ziemlich frech und doppelbödig und (auch) deshalb ein Publikumserfolg. Privat läuft es zunächst dumm, denn die jung gefreite singende Gattin zieht mitsamt dem gemeinsamen Sohn lieber mit einem Gitarre-spielenden Kanadier in die weite Welt; ein Verlust, der unseren Helden sein halbes Leben lang schmerzen wird (ein Hinterherreisen verhindert die DDR-Obrigkeit natürlich). Schwacher Trost findet sich in verschiedenen Betten; die freche, zunächst aus ganz anderen Gründen bei ihm untergeschlüpfte Charlotte wird zur neuen Lebenspartnerin. So weit, so gut (und nicht unbedingt aufregend). Aber es gelingt Roesler-Kleint in seinem Text zum Glück, neben (s)einer Romanbiografie auch stark und vor allem ziemlich ehrlich von der Liebe zu erzählen und zugleich diesem (selbst durchlebten) Lebensbogen etwas Größeres, Allgemeingültiges abzugewinnen. So zeichnet er (auch) eine Geschichte der späten DDR, mit ihren verkalkten Strukturen, den ungelenken Versuchen, die Bevölkerung "zurückzugewinnen" (z.B. mittels Festivals mit West-Stars wie Springsteen) und dem Umbruch von 1989. Selbstredend stehen der RomanHeld und seine Charlotte, ohne dem "ganz harten" Untergrund anzugehören, auf Seiten der Opposition (auch hier wird sich so mancher Leser selbst wieder erkennen) und werden durch die WendeWirren in Höhen und Tiefen geschleudert. Doch auch als Direktor des Ost-Fernsehens sieht sich des Autors Alter Ego (im besten Falle) unfähigen Bürokraten gegenüber, der Traum vom "anderen" Fernsehen erweist sich schnell als illusorisch. Wie es auch im richtigen Leben eben war. Dass man jede Biografie aber auch aus einer ganz anderen Perspektive erzählen kann, erfährt der Erzähler gegen Ende am eigenen Leib, als eine "Ost-Illu" ihm DDR-Systemnähe nachweisen möchte. Solcherlei Anflüge von ambivalentem (Selbst)Zweifel machen dieses Buch sehr lesenswert, auch wenn es ganz sicher nicht zu kurz und hier und da auch nicht frei von einer gewissen Lust am "Abrechnen" ist. Aber auch das ist nur eine sehr menschliche – und insofern beinahe schon wieder sympathische – Reaktion auf die erlittenen Kränkungen. Und irgendwie wird alles am Ende doch sowieso gut. Oder?
Weitere Infos: www.eulenspiegel.com/buecher/verlag-am-park/titel/pfefferminzhimmel.html


April 2026
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