(Kjona, 256 S., 24,00 Euro)
Wir erinnern uns an das "Anna-Karenina-Prinzip" (das es nebenbei gesagt mittlerweile zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht hat), das auf dem legendären ersten Satz von Tolstois Meisterroman basiert: "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich." – was auf diese These heruntergebrochen werden kann: "Erfolg hat viele Faktoren, die alle stimmen müssen. Für einen Misserfolg braucht es nur einen Faktor, der nicht stimmt" (so formuliert es Wikipedia recht treffend). Und genau so geht es den Greens, einer aus Irland stammenden Familie, die wegen der Schwangerschaft ihrer minderjährigen Tochter nach London gezogen waren. In den 80er und 90er Jahren, in denen dieser Roman spielt, bedeutete in Irland ein uneheliches Kind das soziale Ende. Die Briten waren da – auch im Hinblick auf einen möglichen Schwangerschaftsabbruch – weiter. Außerdem lockte London als Möglichkeit eines "Neuanfangs". Doch die hochfliegenden Träume platzen schnell, die die Familie zusammenhaltende Großmutter stirbt, ihr Mann vermisst seine gewohnte Umgebung, der Sohn wird bald zum Alkoholiker. Und Carmel – so heißt die junge Mutter – vermag ihr Kind nicht anzunehmen, bleibt ihm gegenüber eigenartig gleichgültig und bildet sich ein, dass sich in dem ungewollten Mädchen nach den verzweifelten Maßnahmen zur Schwangerschaftsunterbindung und dem langen Leugnen selbiger nun das Böse personifiziert hat. Zugleich liebt sie ihre Lucy – es ist kompliziert. In diese soziale Misere fährt ein Blitz – in Form eines unter ungeklärten Umständen gestorbenen Kleinkinds. Lucy war die letzte, mit der man die 3jährige Mia gesehen hat und somit ist klar: Lucy ist zwar erst 10, aber einen Mord trauen ihr alle zu. Ein schmieriger Boulevard-Journalist ist zufällig in der Nähe und wittert seine Chance… Wer sich da an Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" erinnert fühlt, liegt gar nicht falsch. Die Handlungsfäden werden von der jungen irischen Autorin Nolan geschickt ge- und verwoben. Perspektivwechsel, Rückblenden und andere stilistische Mittel machen die Geschichte spannend, erschreckend und lebensnah. Der (in UK ja noch viel ausgeprägtere) Klassismus findet in der überheblichen Haltung des schreibenden Mittelklasse-Sprößlings gegenüber den "asozialen" Proletariern Ausdruck; die eiskalten und nicht selten zynischen Mittel, die die Yellow Press anwendet, um eine "Story" zu gewinnen, schockieren nicht minder. Und weil diese Darstellung von lebensbestimmenden und kaum überwindbaren sozialen Unterschieden niemals weinerlich oder sentimental ist, auch kritische Stellen nicht auslässt und so dem Leser Empathie und Unverständnis zugleich ermöglicht (bzw. ihn diesem Zwiespalt ganz bewusst aussetzt) und – wenn überhaupt – nur die Figur des Journalisten überzeichnet sein mag, ist dieses auch gestalterisch sehr gelungene (und wie alle Kjona-Bücher nachhaltig hergestellte) Buch eine große Empfehlung.Weitere Infos: www.kjona.eco/products/megan-nolan-kleine-schwaechen

