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LEA YPI

Aufrecht

(Suhrkamp, 390 S., 28,00 Euro)

"Frei" war ein sehr gutes Buch über das "Erwachsenwerden am Ende der Geschichte", das wir in WZ 05/22 gebührend feierten. Die albanisch-stämmige Philosophin und Polittheoretikerin denkt darin intensiv über ihre Kindheit im pseudostalinistischen Albanien nach und versucht, die Verstrickungen von (Ohn)Macht und Herkunft, Spitzelei und Familiengeschichte zu entwirren. "Aufrecht" schließt dort an, befasst sich aber vornehmlich mit der Biografie von Ypis Großmutter Leman. Ausgangspunkt ist ein während der Flitterwochen ihrer Großeltern 1941 in Cortina d’Ampezzo entstandenes Foto. Irgendjemand hat das S/W-Bild des mondän auf "Sonnenliegen vor einem Luxushotel" relaxenden Paares auf "Social Media" gepostet und es hagelt gehässige Kommentare, die Ypi veranlassen, sich ihrer Familiengeschichte zu stellen und genauer nachzuforschen. Leman, genannt Nini, kam 1918 im seinerzeit multiethnischen Saloniki zur Welt und war als Kind eines osmanischen Hofbeamten Mitglied der dortigen Oberschicht. Wegen ihrer albanischen Wurzeln gehörte sie aber zugleich zu einer nicht-griechischen Minderheit, was dazu führte, dass sie durch den nach dem Griechisch-Türkischen Krieg im Vertrag von Lausanne besiegelten "Bevölkerungsaustausch" kurz nach ihrem 18. Geburtstag schließlich in Tirana landete. Dort erlebt sie nicht nur die Hochzeit des selbsternannten "Königs von Albanien", sondern lernt auch Asllan kennen, einen netten Studenten (und Freund des späteren Staatschefs Enver Hoxha), der nach Ende des 2. Weltkriegs als Verräter und Konterrevolutionär etliche Jahre im Gefängnis zubringen muss. Solange Asllan auf der "Universität" ist, muss sich Nini allein durch die Willkür des Stalin-Fans Hoxha kämpfen, sie arbeitet in der Landwirtschaft und zieht wie nebenbei und mehr oder minder allein ihre Kinder groß. Kein leichtes Leben (der Untertitel des Buchs lautet ja auch "Überleben im Zeitalter der Extreme"), aber die Frau bleibt stark und stellt für sich fest: "Ich war nie unfrei. … Was die meisten Leute für Freiheit halten, ist in Wahrheit eine Art Knechtschaft der Gefühle, Unterwerfung unter starke Emotionen: Angst, Gier, Neid. Ich glaube, frei sind wir nur, wenn wir versuchen, das Richtige zu tun." Als eine Art Rahmenhandlung beschreibt Ypi ihre Odyssee durch die Archive der albanischen Geheimpolizei, in denen sie versucht, durch das Lesen der – soviel ist ihr schnell klar - notorisch unzuverlässigen Spitzelberichte und Protokolle das Leben ihrer Großmutter aus der Perspektive des ängstlichen Staates zu verstehen. "In den Akten heißt meine Großmutter "das Objekt". Ein als Bedrohung angesehenes Objekt ist ein Paradoxon. Ein Objekt ist niemals autonom; immer braucht es ein Subjekt, das imstande ist, es einem Zweck gemäß zu lenken und zu leiten. Leman kann sich selbst lenken…". Allerdings stellt dann ein Archivfund die Glaubhaftigkeit dessen, was Nini zeitlebens ihrer Enkelin erzählte, grundsätzlich in Frage. Wobei Nini dazu wohl sagen würde, "dass es nicht darauf ankommt, was wir erinnern, sondern wie." (das unschöne Deutsch sehen wir der Übersetzerin Eva Bonné an dieser Stelle einmal nach). Gegen endet denkt Ypi dann über die Kategorien "Schuld und Verständnis" nach, die nach Ansicht ihrer Großmutter stets "voneinander zu trennen sind, ähnlich wie die verdrehten Laken im Bett eines ruhelosen Krankenhauspatienten." Da finden sich dann so kluge Sätze wie dieser: "Heftet man der Schuld jedoch ein eleganteres, weniger beflecktes Etikett an, nennt sie beispielsweise "Zuschreiben von Verantwortung", wird sie erträglich, sogar notwendig, ein Schlüssel zum Verständnis der Nuancen freien Handelns. … Zu sagen, dass es auch anders hätte sein können – dass das eine Individuum einen Befehl erhielt und verweigerte, während ein anderes ihn ausführte –, unterstellt, dass Menschen ihre gesellschaftliche Rolle verlassen und die ihnen aufgebürdeten Verpflichtungen kritisch betrachten können." Und das gilt ganz unabhängig von den konkreten gesellschaftlichen Umständen wohl immer. Ob man nun gern mit Ypi über individuelle Verantwortung nachdenken, etwas über die verschachtelte jüngere Geschichte des südlichen Balkans lernen oder einfach nur ein wirklich spannendes Leben nachgezeichnet bekommen möchte – dieses Buch ist in jedem Fall lesenswert.
Weitere Infos: www.suhrkamp.de/buch/lea-ypi-aufrecht-t-9783518432624


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