
(mikrotext, 218 S., 25,00 Euro)
Ich habe die oft sehr bissigen Kolumnen, die Mely Kiyak mehrere Jahre lang für das Maxim-Gorki-Theater (bzw. dessen website) schrieb, sehr geliebt. Auch, weil behäbige MittelstandsDeutsche wie ich dort in ihrer latent links-grünen GutmenschenHaltung immer mal wieder gestört und recht nachdrücklich an die in anderen, weniger glücklichen Weltgegenden herrschenden Probleme erinnert wurden. Und obschon ich tatsächlich noch immer die Papier-ZEIT lese, bewege ich mich nur selten auf ZEITonline; die daselbst wohl in ebensolcher Regelmäßigkeit veröffentlichten Kiyak-Texte sind mir also neu. Aus ebenjenen (Kurz)Kolumnen wurde diese feine Sammlung zusammengestellt; eine Sammlung, die innige Intimität mit politischer Kritik verbindet und die – ich kann es kaum anders ausdrücken – zu großen Teilen aus Liebe und Freundlichkeit besteht. Man möchte diese kluge und schöne Frau nach dem Lesen ihrer auch sprachlich wunderbaren Miniaturen sofort zur Freundin haben (rein platonisch natürlich, wir sind hier ja nicht auf Tinder), möchte sich von ihren Gedanken und Gefühlen durch den Tag begleiten lassen und würde nur zu gern in einen intellektuellen Austausch mit ihr treten (z.B. über den auch von mir sehr verehrten Rolf-Dieter Brinkmann), muss sich aber zugleich in gewisser Weise auch eingestehen, dass man selbst diese ReflexionsTiefe wohl kaum zu erreichen vermag. In einer Mischung aus halböffentlich geführtem Tagebuch und Alltagsbeobachtungen erfahren wir vieles über Kiyaks Familie, ihre große Begeisterung für (klassische) Musik und Thomas Mann; ihre Ängste und Hoffnungen, ihre KraftQuellen. Kann man es besser formulieren als so: "Und wieder kann ich mein Glück kaum fassen. Dass ich ein Zuhause habe, ein Bett, etwas zu essen, und dass mir niemand an den Kragen will. Dass ich eine Straße habe, die ich entlanggehen kann, dass hier ein Baum ist und da ein Briefkasten, der dreimal am Tag geleert wird. Nichts an diesem Gefühl ist originell, aber alles daran aufsehenerregend."? Kann man nicht, oder? Aus jedem ihrer mit großer poetischer Kraft formulierten Sätze spricht Empathie, aus manchen auch Empörung – lieben werden Menschen mit offenen Herzen jeden davon! Danke, Mely! Und: Hallo ZEITonline – ich komme jetzt öfter mal vorbei, "Gute Momente" lesen...Weitere Infos: www.mikrotext.de/book/mely-kiyak-gute-momente

