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CALLAN WINK

Bärenzähne

(Suhrkamp, 251 S., 25,00 Euro)

Der US-Amerikaner Wink arbeitete schon mit 19 als "Fly Fishing Guide" auf dem Yellowstone River, ist also mit der wundervollen Natur der Rocky Mountains bestens vertraut, kennt die Schönheit und die Weite dieser Landschaft und auch ihre Unerbittlichkeit. Aber das Leben im Hinterland von Montana ist nicht nur romantisch wild, der Alltag kann ganz schön trist und fordernd sein. Und genau das beschreibt Wink in seinem neuen Roman. Zwei recht ungleiche Brüder bewohnen nach dem Tod ihres Vaters gemeinsam das zerfallende Elternhaus, bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Brennholzverkauf und ein wenig Wilderei im Nationalpark; ab und an gibt es eine Prügelei in der örtlichen Bar. Plötzlich taucht auch die vor langem verschwundene Mutter der beiden auf und zelebriert in ihrem klapprigen Van hippieske Weltentrücktheit. Aber der Niedergang der "working class" (ob nun Arbeiter oder Landwirt) hat auch das zu 90% von "Weißen" bewohnte Montana erreicht - Alkohol und Gewalt inklusive. Die mal geliebte, mal gehasste Tristesse der Weltabgeschiedenheit tut ein Übriges. Den Jungs fehlt Geld, nicht zuletzt, weil ihr Vater eine horrende Krankenhausrechnung hinterlassen hat (ein Risiko, das wir uns hierzulande gar nicht so recht vorstellen können). Auch deshalb lassen sie sich auf das verführerische Angebot des windigen "Schotten" ein, der ihnen für Wapiti-Geweihe und prähistorische Artefakte aus dem Nationalpark ordentliches Geld bietet. Geldnot und schlechtes Gewissen, Risiko und konkrete Verletzungen, Parkranger und die Unwägbarkeiten der rauen Natur - man kann sich vorstellen, was nun in diesem Text verhandelt wird. Dabei wird keineswegs einem naturburschigen Selbstversorgertum oder esoterischem Eskapismus das Wort geredet, sondern eher ein recht präzises, an vielen Stellen wenig verlockendes Bild des am Rande des Absturzes stehenden oder vielleicht sogar schon im Fallen begriffenen "US-Normalos" gezeichnet. Der hat - zumindest im Montana-Nirgendwo andere Sorgen als Wokeness oder Trumpschen Irrsinn. Der muss z.B. zusehen, dass er am Ende Haus und Land nicht doch dem reichen Nachbarn verkaufen muss (damit dessen Wochenendidylle noch ein paar Hektar größer ist). Insofern erzählt Wink hier nicht nur die Geschichte der Brüder Thad und Hazen, sondern auch die einer gescheiterten Gesellschaft. Der sprachliche Duktur passt ganz gut zur Szenerie und auch wenn der plot manchmal etwas arg vorhersehbar sein mag - gegen Ende findet er doch eine (etwas!) überraschende Wendung. Und erzählt ist das alles auch gar nicht schlecht.
Weitere Infos: www.suhrkamp.de/buch/callan-wink-baerenzaehne-t-9783518432617


Februar 2026
ANNE BRORHILKER / TRAUDL BÜNGER
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