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QUICKSILVER

V.A.

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Es ist ja schon eine kleine Tradition geworden, das neue QUICKSILVER-Jahr mit einem (subjektiven) Nekrolog zu beginnen. Schauen wir also zurück: wen hat der Sensenmann 2023 abgeholt? Es ging schon Neujahr los, als die DDR-Rock/Blues/Jazz-Sängerin Christiane Ufholz starb und am nächsten Tag der Earth, Wind & Fire-Schlagzeuger Fred White sowie Alan Rankine von den Associates. Am 11.1. dann das 80er/90er Supermodel Tatjana Patitz (neben der saß meine Frau mal im Flugzeug von Mailand nach Berlin und man hat sich recht gut unterhalten). Wenige Tage später (am 16.1.) erwischte es mit Gina Lollobrigida eine weitere (wenn auch aus einer anderen Generation stammende) Schönheitsgöttin. Television-Frontmann Tom Verlaine (28.1.), RegieTheaterRegisseur Jürgen Flimm (4.2.), der 60 Jahre lang mit Christa Wolf verheiratete Schriftsteller, Ost(underground)Lyrik-Förderer und Verleger (Janus Press) Gerhard Wolf und der unvergleichliche Burt Bacharach (8.2.) waren die nächsten. Obschon erst 27 war Tom Wu (Kamerakino, Das Weiße Pferd) zweifellos eine feste Größe im Münchener underground, als er am 20.2. starb. Der März begann besonders schlimm, hier gingen gleich am 1. Ideal-Trommler Hansi Behrendt und MedienKünstler/ZKM-Chef Peter Weibel aus der Welt, am 2. Weather-Report-SaxMan Wayne Shorter und die Fluxus-Königin (und Ex-Frau von Karlheinz (und Mutter von Simon) Stockhausen) Mary Bauermeister (2.3.) sowie am 3.3. Slide-Gott David Lindley. Ende des Monats war die DDR-Sportreporter-Legende Heinz Florian Oertel dran (27.3.): "nennt eure Söhne Waldemar!" bleibt für immer. Am Tag darauf starb Ryūichi Sakamoto, am 16.4. Jazz-Pianist Ahmad Jamal und der Wiener Aktionist Hermann Nitsch am 18., einen Tag vor dem viel zu frühen Tod vom Smiths-Bassisten Andy Rourke. Ein Jammer! Deswegen – und weil am 21.4. auch Mark Stewart (& The Maffia, The Pop Group, On-U Sound) von Bord ging ist die PostPunk-Welt einfach nicht mehr dieselbe. Zu Harry Belafonte (25.4.) muss man sicher nichts weiter sagen, genauso wenig zu Astrud Gilberto (5.6.). Der schon sehr früh offen schwul lebende UndergroundFilmer und Okkultist Kenneth Anger zog seine blutbespritzte LederKluft am 11.5. für immer aus. Am 14.6. erlag die wundervolle DJ Patex ihrem ALS-Leiden, am 22. starb FreeJazz-Titan Peter Brötzmann. Wenig später, am 10.7, verlor der FreeJazz mit Ernst-Ludwig "Luten" Petrowsky gleich den nächsten großen Saxophonisten, am 11. starb mit Milan Kundera ein Autor, der v.a. mit "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" viele Seelen berührt hat. Jane Birkin (16.6.) und Tony Bennett (21.6.) waren die nächsten, das Ableben von Sinead O’Connor am 26.6. bewegte dann sogar die breiten Massen irgendwie. Genau wie das des streitbaren Autors Martin Walser zwei Tage später (nur vielleicht andere und kleinere "Massen"). Am 8.8. verschied der legendäre PunkGrafiker (u.a. Sex-Pistols-PlattenhüllenGestalter) Jamie Reid. Toto Cutugno, der weit mehr als ein ItaloSchmalzSänger war, starb am 22.8. und am 26.8. der phantastische WortKünstler Bert Papenfuß-Gorek (eine Schande übrigens, wie wenig Widerhall dieser Verlust außerhalb der klandestinen Szene von (Ex-)Ost-Aktivisten gefunden hat!). Am letzten Augusttag verließ uns der Jazz Passengers-Posaunist Curtis Fowlkes und kurz darauf, am 05.09., mit Saxophonist und Pianist Charles Gayle ein weiteres Knitting-Factory-Urgestein. Der Sparifankal-PolitRocker und Zündfunk-Moderator Carl-Ludwig Reichert war da schon einen Tag tot. Die nächsten waren der stille KlangKünstler Steve Roden (6.9.) und Carla Bley (17.10.). Der November raubte mit Psychedelic Furs-Saxophonist Mars Williams (20.11), Killing Joke-Gitarrist Kevin "Geordie" Walker (26.11.) und natürlich Shane MacGowan (30.11.) weitere Indie-Helden, auch die Stax-Soul/R&B-Sängerin Jean Knight (22.11.) wird uns fehlen. Am 19.12. starb recht überraschend Opernsänger und DDR/MDR-"Fernsehliebling" Gunther Emmerlich (der vor Jahren mal in einem handgeschriebenen Leserbrief seinem Unmut Ausdruck verlieh, nachdem ich eines seiner Bücher nicht eben lobend besprochen hatte), am 22. dann Klimbim-Sternchen Ingrid Steeger (die mir wegen ihres auch privat gelebten Trash-Daseins immer wesentlich sympathischer war als ihre irgendwann staatstragend gewordene Ex-Kollegin Iris Berben) und am 23.12. der hochpolitische US-Konzept- und PerformanceKünstler Pope L. Einen Tag von Silvester raffte der Krebs schließlich den Frontmann der politischen SynthPunks Egotronic Torsun (Burkhart) dahin - I Can’t Relax in Deutschland.
Wir Überlebenden halten kurz inne, besinnen uns – und kommen zum optimistischeren Teil: die Welt dreht sich ja erstaunlicherweise doch immer irgendwie weiter. Gute Laune kann man z.B. mit der von der Insel La Réunion stammenden singenden Perkussionistin ORIANE LACAILLE tanken. "iViV" (Ignatub) heißt ihr erstes Album unter eigenem Namen, vorher konnte man sie als Teil von Bonbon Vodou und v.a. bei diversen KollegInnen hören, u.a. auch auf der letzten Platte von Piers Faccini, der sich hier bei "Li Bat" mit einem Gastauftritt revanchiert. Mit meist feiner, niedlich-süßer Stimme singt Oraine zu ebenso sweeter Begleitung von Schlagzeug, Kontrabass, Trompete und Flöte; bei "La Lem Mer" kommt auch mal ein nettes (von Orianes Vater René gespieltes) Akkordeon hinzu. Eine schöne Mischung aus frankophilem PopChanson und dezenten WeltMusik-Anleihen. 4
Piers Faccini wäre auch die Verbindung zu David KILEDJIAN, denn den kennt der Dowdelin-Frontmann z.B. vom BKO Quintet. "The Otium Mixtape" (Underdog) gibt’s zwar gar nicht als MC, sondern nur als LP, aber auch hier vermischen sich westliche PopGedanken mit AfroBeat & Co. Nach einem leicht jazzigen opener mit viel Sax wird es afrikanisch, dann mit Gast Cindy Pooch noch afrikanischer, allerdings in einer Art Semi-Club-Version. Mit dem Beitrag von Célia Wa kommt dann eine Prise NeoSoul hinzu. Dieser feine Mix aus AvantAfro und gebrochenen ClubBeats zieht sich durch die ganze Platte, bei "2600" findet sich sogar sowas ähnliches wie Rap (hier gastiert Sako Wana aus Burkina Faso). Schick! 4
Auch sehr schick ist der DreamPop von MALUMMI, einer Baseler Band um Sängerin Larissa Rapold, die die banal wirkende Feststellung "The Universe Is Black" (Irascible) in 9 grazile, manchmal aber auch angenehm kratzige Songs kleidet. Von einer Gitarre getragen und ganz wesentlich von Larissas ausdruckstarker Stimme lebend, pendelt diese sehr fein gewirkte IndiePopMusik zwischen psychedelischen Momenten und warmem FolkPop. 4
Mindestens genauso verträumt, genauso prima und genauso hörenswert ist "One Night out of Time" (Waterfall) vom Singer/Songwriter Alexander PEPPLER, der aber noch eine gute Ladung Vintage-Nostalgie und deutlich mehr Folk mitbringt. Normalerweise kann ich mit solcherlei Musik ja eher wenig anfangen, aber die gut austarierte Mischung aus leichter Härte und himmlischer Zartheit, aus versonnenen AkustikStücken und selbstbewussten, Chor-geschwängerten Breitwand-Nummern macht (mir) wirklich Spaß. 4
Ein klein wenig exotischer wird es nochmal mit "Habitat" (Intersuoni), der vierten Platte von C’MON TIGRE. Deutliche Brasilien-Importe finden klingenden Niederschlag, was nicht zuletzt an der Einbindung von Sängerin Xenia Franca und dem Gastbeitrag vom für seine Verdienste auf dem Gebiet avancierter brasilianischer Musik genauso wie im Jazz nicht oft genug zu preisenden Arto Lindsay liegen dürfte. Bei "The Botanist" bläst Seun Kuti (der Sohn von AfroBeat-Legende Fela Kuti) sein Horn und bei "Sento Un Morso Dolce" gastiert der Italiener Giovanni Truppi. Groove spielt eine große Rolle, allerdings immer in einer komplexen Spielform, der GesamtSound bleibt warm, vertrackt und doch leicht. 4
Konservativer kommen BROWN HORSE, eine Band, die zwar aus Norwich stammt, aber in meinen Ohren klar nach US-amerikanischem Country(Pop) klingt. Auch AltFolk kann man zu ihrem Debut "Reservoir" (Loose Music) sagen oder eben einfach himmlisch schöne Tränenzieher-Musik ohne jeden Redneck-Mief. Hier etwas rockiger (Silver Bullet), dort dafür umso Country-jaulender (Paul Gilley) und manchmal vielleicht sogar ein wenig auf den Spuren der grandiosen (und von Kritik wie Publikum leider schmählich missachteten) Schotten von Sugar Town (Shoot Back) schenken uns die 6 Musiker um die dunkle Sängerin Phoebe Troup ein melancholisches Meisterwerk aus Lap Steel, Banjo, Bass, E-Gitarre und Schlagzeug sowie einigen Verzierungen von Akkordeon und Piano. 5
Mit dem "Epic Wonder" (Morr) einer Band namens TOECHTER wird’s elektronisch. Dahinter verbergen sich die drei (Wahl)Berlinerinnen Katrine Grarup Elbo (die Violinistin kennen wir von ihrer schönen "Fold/Unfold"-CD auf Sonic Pieces und von Afengins "Opus"), Lisa Marie Vogel (auch eine Geigerin) und Marie-Claire Schlameus (Cello) und die hätten es – glaube ich – lieber, man würde ihren Projektnamen kleinschreiben, aber wie soll die grafische Idealvorstellung einer jungen Band gegen die ehernen Gesetze dieser WESTZEIT-Kolumne ankommen?! Seltsame, gleichwohl sehr sorgfältig konstruierte Klangwelten aus elektronischen Versatzstücken, werden hier von einem himmlischem FeenGesang erfüllt. Gestrichenes spielt dabei natürlich eine recht dominante Rolle, besonders im quasi-akustischen, erst in der SongMitte aus voller Streichtrio-Schön- und Klarheit in ein (kleines) ElektronikBeatChaos kippenden "Celestine". Und nicht nur im "Sea Of Serenity" hören wir zu einem tief gestrichenen Cello (oder ist das doch ein Kontrabass?) und gluckernden ComputerBeats die Elfen jubilieren. 5
Vorwiegend siliziumbasiert ist das mit "narrative film music and sound design for Robert Wiene’s psychological thriller" etwas prätentiös untertitelte jüngste Album vom Ex-Kraftwerker KARL BARTOS. ""The Cabinet Of Dr. Caligari" (Bureau B) klingt manchmal nach KinderfilmMusik und manchmal noch beliebiger. Hier pompöse Pauken, dort schwülstige Synthies - ich hatte (ehrlich gesagt) schon nicht wirklich viel erwartet und wurde trotzdem enttäuscht. Da hilft auch nicht, dass das positiv heraus stechende "Lunatic Asylum" mit seinen minimalistischen Verschränkungen von Xylophon-, Streicher- und Chor-(Nachbildungen) ein wenig an Phil Glass zu "Einstein On The Beach"-Zeiten erinnert. 2
Da finde ich das neue Werk des BERSARIN QUARTETs deutlich spannender. Wobei: "spannend" ist bei dieser ja eigentlich auf Entspannung angelegten AmbientKunst vielleicht nicht die wirklich passende Vokabel. Auf jeden Fall überzeugt "Systeme" (Denovali) mit reinem Synth-dominierten Schönklang, der zuweilen aber doch (z.B. bei "Neuronen") auf sehr angenehme Weise durch knirschende Schläge und scharfe Zischereien gestört wird. 4
Mit der famosen MC "The Commune Of Nightmares" von DAVID WALLRAF nähern wir uns den dunklen Abgründen industrieller DarkAmbient-Konzepte. Aus ästhetischen wie musikhistorischen Gründen ist das KassettenFormat hier natürlich prädestiniert, denn der Hamburger NoiseKünstler formuliert einerseits sehr "heutig", unterschwellig ist hier aber jeder Ton auch eine tiefe Verneigung vor den Vertretern der alten IndustrialSchule. Angesichts seines mit einer Arbeit über "Grenzen des Hörens. Noise und die Akustik des Politischen" erlangten Doktortitels überrascht die theoretische Fundiertheit des Wallraf-Werks wenig. Entstanden sind die Collagen vornehmlich aus tapeloops, deren Grundlage wiederum Kassetten bildeten, die entweder als wirkliche Straßenfunde Eingang in Wallrafs KlangArchiv fanden oder die während diverser 4-Spur-Sessions in den späten 90ern/frühen 00ern aufgenommen worden waren: "a musical game of cadavre exquis". Ja ja, das alte Surrealisten-Spiel! Ohne jedwedes RhythmusElement und doch sehr strukturiert werden schabende, subfrequent pfeifende oder schleifend brummende Klänge zu unheimlichen Bergen aufgetürmt - klaustrophobe Hörer rutschen da direkt in die nächste PanikAttacke. Wenn doch mal perkussive Elemente auftauchen, sind diese stets Sound, nie Beat. Und das ist in diesem Fall sehr sehr gut so. 5
Wahrscheinlich braucht REINHOLD FRIEDL allein für die Aufbewahrung der Belegexemplare seiner eigenen musikalischen Werke inzwischen schon mehr als ein Zimmer, denn was der Mann mit zeitkratzer oder unter eigenem Namen (dann gern in Kollaboration mit anderen Avantgarde-Schlüsselgestalten) veröffentlicht, ist schon rein mengenmäßig enorm. Und dabei durchweg(!) von hohem ästhetischem Wert. Jüngstes Glied der langen Kette ist eine Zusammenarbeit mit dem Wiener AvantGitarrenElektroniker MARTIN SIEWERT: "Lichtung" (beide Karlrecords) enthält drei Stücke, die zwischen heftigem Lärm, zartem Schwirren und drückendem Rauschen pendeln und bei Lauflängen von 24:06, 05:32 bzw. 15:45 Minuten assoziationsstarke Namen tragen: Genese – Gestade – Gesichte. Friedls präpariertes bzw. verfremdetes, streckenweise aber auch ganz klares Klavier ist dabei mal (semi)meditativer Kontrapunkt, mal "starting point" (um mal wieder ein Carlfriedrich Claus-Konzept zu zitieren) für hochenergetische NoiseAusbrüche. Anstrengende, aber auch umfassend schöne Musik. 5
Über Karlrecords habe ich auch HANS CASTRUP kennen- und schätzen gelernt. Der nicht nur musikalisch, sondern auch als bildender Künstler und Lyriker tätige Westfale hat mit "The abarian point" eine auf ganze 50 Stück limitierte "factory-produced CDr in Digisleeve" am Start, auf der in 6 Teilen jener geheimnisvolle Punkt umkreist wird, an dem sich die Anziehungskräfte zweier Massen ausgleichen. In den ersten Abschnitten findet sich da im elektronischen Murmeln auch eine freie, neutönerische KlavierLinie, "part III" z.B. klingt zwischen allen ElektroDekorationen schön nach Donaueschingen. Ab "part IV" wird die TonGestaltung mehr und mehr zu einer klaustrophoben NoiseCollage, zu einer vielgestaltigen KlangSkulptur mit KlavierSplittern und (ganz besonders bei "part V – Die Schreimaschine") Carla Worgulls teilweise komplex-digital prozessierter, zerbrochene oder überdehnte Worte zu SoundBausteinen werden lassender (manchmal aber auch wieder an Neue Musik-Experimente angelehnter) Stimme: it is a kind of - it is a kind of - No! No! Diese tatsächlich um den abarischen Punkt zwischen Hochkultur und underground oszillierende KlangKunst ist wirklich hörenswert! 5
Auf dem gleichen Label und im gleichen Format, allerdings in 100er Auflage, kommt "Ciel de Mouches" (beide attenuation circuit) von JULIEN ASH & CHRISTOPHE PETCHANATZ. Beide haben in den letzten 30, 35 Jahren (auch mit ihren Bandprojekten, Ash als N.L.C. - Nouvelles Lectures Cosmopolites und Petchanatz mit Klimperei) die Zwischenräume von romantischer NeoKlassik, gruftigem SchmuseGothic und avancierteren elektronischen Versuchsanordnungen erkundet. Und so ist auch dieses, von zarten, etwas neutönerischen Flöten-Interludes durchsetzte Album voller minimalistischer MelodieFragmente, hier gern mit einer Akustikgitarre vorgetragen, die sich vor ElektroSoundscapes formieren. Es gibt aber auch meditative elektronische Abschnitte wie "Katakartanaq" und strengere Partien (etwa "Deux Hommes Chutent d’un Balcon"), die dann stärker mit Neuer (Kammer)Musik kokettieren. Nicht der ganz große Wurf, aber einen Versuch wert. 4
Anders sieht das leider bei ABSTRACT CONCRETE aus, zu deren "s/t"-Album (The state51 conspiracy) mir eigentlich nur die lateinische Binsenweisheit "si tacuisses, philosophus mansisses". Denn: hätte Charles Hayward, der ja mit Camberwell Now und insbesondere This Heat wirklich Großartiges geleistet hat, nicht nochmal der Hafer gestochen, wäre er (zumindest für mich) eine Legende geblieben. So demontiert er sich mit dem unentschlossenen, disrupten ArtRock, den er unter dem nicht gerade originellen Projektnamen mit einer multinationalen, aber aus eher unbekannten Musikern bestehenden Band fabriziert, nur selbst. Hier elegisch-melodiös, dort hektisch-frickelig - manchmal klingt das nach frühen Tuxedomoon-Nummern (ohne deren subversive Kraft und weniger feinfühlig), oft umranken aber die Instrumente auch nur das Hayward-Heulen (also seinen gewöhnungsbedürftigen Gesang – ganz schlimm: "This Echo"). Das zentrale Stück scheint mir "The Day The Earth Stood Still" zu sein, eine nerdige Overload-Suite aus ArtRock ohne jede minimalistische PunkHärte. Nein, danke. 2
Da hebt sich die CD "Zarathustra - Der Große Mittag" (Klanggalerie) schon deutlich ab. Hier konstruiert der Italiener MIRCO MAGNANI unter Mithilfe von u.a. STEVEN BROWN, SAINKHO NAMTCHYLAK, NIKOLAS KLAU und PAGANLAND Musik für Nietzsche-Texte. Das reicht von wilden HallOrgeleien und dramatischen Paukenschlägen, zu denen Friedrich N.s dystopische Zeilen als ungarische(?) Beschwörungsformeln geflüstert werden ("Die stillste Stunde") bis zu melancholisch-gespensterhafter SemiMinimalMusic und kreischend-schabenden AvantIndustrialAusflügen. Magnani und Tuxedomoon-Held Brown kennen sich schon seit Mitte der 80er, als letzterer die hörenswerte "Lazar"-LP von Magnanis Band Minox produzierte (wofür der sich dann bei der "Brown Plays Tenco"-Mini-LP revanchierte, aber das führt jetzt zu weit). Okkulte Klaviertupfen, düstere Synths, hier Sainkho Namtchylaks archaischer Gesang (mal ungewohnt "sopran"ig, aber auch "klassisch" kehlengurgelnd), dort Nikolaus Klau (der ja auch aus dem Tuxedomoon-Umfeld stammt und an kaum zu zählenden Brown-Alben mitarbeitete) mit einem verblüffend akzentfreiem Deutsch – eine StimmenPlatte mit GruselAtmosphäre! 4
PHILIPPE PETITs 90-Minuten-Dante-Adaption "A Divine Comedy" (Crónica) ist eine KlangCollage über die Stufen hinab in den innersten Kreis der Hölle (und vielleicht auch zurück, das lassen wir mal offen). Obschon durchaus von gewohnt hoher Petit-Qualität, hinterließ das ElektroKunstWerk bei mir aber doch den bösen Verdacht, dass ich solcherlei KlangSchnipseleien vielleicht nicht die gleiche Ruhe, Aufmerksamkeit und (Hör)Lebenszeit geschenkt hätte, stünde ein weniger klangvoller Name auf dem Etikett. Das ist entweder ein aus arroganter Überheblichkeit und "kenn-ich-alles-schon"-Dünkel geborener GroßFehler oder die verzweifelte Abwehrreaktion eines von zu viel Ähnlichem (deshalb aber nicht unbedingt Schlechtem) überforderten RezensentenHirns. Dabei weist z.B. "Through a circular opening in the cave, issuing we again beheld the stars" wirklich erhebliche Qualitäten auf: Musique concrète-Passagen zerfasern am Schluß dieses zentralen und mit reichlich 16 Minuten auch längsten Stücks zu einem in EinzelKlangEreingnisse zerfließenden, MelodieReste zerpflückenden SynthQuietschen. Danach beginnt das (hier dreiteilige) Purgatorium, bevor es am Ende doch ins "Paradiso" geht: hier glaube ich, im vielfach bearbeiteten SoundMaterial die eine oder andere Engelsstimme zu erkennen. Mission also (doch?) geglückt. 4
Zum Ausklang dieser Kolumne habe ich noch etwas sehr Seltsames für euch: das von XYRAMAT selbst verlegte Hörstück "Dr. Erkenntnis?". Xyramat ist dabei der aktuelle Deckname von Dörte Marth, die wir von ihren Mitte der 90er auf allen Planeten des Aachener Sternensytems Dom Elchklang-Dragnet-Drag&Drop veröffentlichten Maat-Platten kennen und schätzen. Aber Marth ist nicht nur KlangKünstlerin, sondern auch Psychologin und Kriminologin und als solche viel in Haftanstalten unterwegs. Die dort gesammelten Eindrücke mussten wohl auch aus Gründen der individuellen PsychoHygiene zu einer experimentellen KlangKonstellation verarbeitet werden: nach einer von einer verhallten OldSchoolComputerStimmenFrau eingesprochenen (etwas) erklärenden Einleitung werden die Sounds des Aktenblätterns geknetet, die Surrealität einer Inhaftierten-"Oha, Anhörung" aufgearbeitet, TürSchließGeräusche zu NoiseBerge geformt, über (ungewollten) Zeugenschutz und "Test-Persönlichkeit"stests nachgedacht (dieser 18-Minuten-Brecher erinnert mich daran, wie gut Maat war und dass ich die o.g. Platten dringend mal wieder hören muss!) und im endlosen "Warten" der NichtFreiheit aus Stimmen ein böses Rauschen destilliert. "Das Opfer" schließt diese inhaltlich wie klanglich hochinteressante Arbeit mit einer Art Früh-80er-MinimalSynthTerror-Tanz ab. 5

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