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PAAVO MATSIN

Gogols Disko

PAAVO MATSIN

(homunculus Verlag, 174 S., 21,00 Euro)

Man darf sich diesen kurzen Roman als eine Art Mixtur aus Alternativgeschichte (denn quasi nebenbei wird Estland neuerdings von einem russischen Zaren beherrscht) und der paradoxen Systematik von Vetemaas "Die Nixen von Estland" (nur dass hier unterschiedliche Kategorien absurder Halbweltcharaktere nachgezeichnet werden) vorstellen. Oder als eine aus den allegorischen Grotesken, mit denen Bulgakow seine Leser begeisterte (nun in einer postmodern verzerrten Spiegelung) und dem geschichtsstolzen Rückgriff auf einen von Russlands Klassikern (eine Idee, die schon bei Lavochkinas "Puschkins Erben" ganz gut funktionierte). LSD-getränkter phantastischer (Sur)Realismus, politische Satire, melancholische Hommage an die russische GangsterRomantik samt legendärem Alkoholmissbrauch und auch etwas unterschwellige Sexualpsychosen-Sublimation sowie eine nicht zu verhehlende Toilettenfixierung – Matsin stopft vielerlei in seine Schreibmaschine. Der wahnhafte Poet Gogol kehrt als Zombie zurück in eine estnische - Stop! jetzt ja russische! - Kleinstadt. Die besteht im Wesentlichen aus einem bizarren Antiquariat, einem heruntergekommenen Lokal, der Straßenbahn und dem Heimatmuseum. Bevölkert wird sie von Gestalten mit so wundervollen Vornamen wie Konstantin Opiatowitsch, Adolf Israilowitsch oder Grigori Manschettowitsch (Mammutow und Sewerny sind ebenso prachtvolle Nachnamen). Man lebt seine Vorstellung von post-sowjetischer Boheme und Kleinkriminalität mit subtiler Angst vor der (schon stattgefunden) Invasion als Kunst liebender Säufer, Taschendieb oder...Russe! Wenn aber im Glossar zu diesem Buch erläutert wird, wer Wladimir Wyssozki oder Alla Pugatschowa waren (bzw. sind), muss der Ostler in mir schmunzeln. Denn nicht ausschließlich West-Sozialisierte können den Liedermacher und die Schlagersängerin in der Regel durchaus ohne belehrende Hilfe einordnen (die im Buch ebenfalls auftauchenden Beatles oder Elvis Presley erklärt schließlich auch niemand). Egal: "Gogols Disko" ist nichtsdestotrotz eine höchst unterhaltsame, weil sehr skurrile und doch lebenspralle Lektüre.
Weitere Infos: › www.homunculus-verlag.de/produkt/gogolsdisko

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