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HELL

Lieber Slayer als Manowar

HELL

Meistens sind es die Feinheiten, die den entscheidenden Unterschied ausmachen. Das fängt schon in der Schule mit der Wahl des richtigen Schultornisters an und kumuliert dann bald in wahren Glaubenskriegen, welche Bands die richtig Coolen sind. Erstmalig Position beziehen muss man, wenn man sich entscheiden soll, zu welcher Seite man gehört: Kiss oder AC/DC! Make Up versus Schuluniform. Sex versus Schweiß. Hellmut Geier hat sich offensichtlich schon damals für eine Alternative entschieden, die all diesen Glaubensfragen ihre Grundlage entzieht, indem sie den entscheidenden Schritt in Richtung Transzendenz geht: Bay City Rollers. Denn Hell wusste es schon immer: it’s a game.

Hat man diese erste Hürde erst einmal genommen, befindet man sich auf dem nächsten Level der Identitätsfindung: Motörhead oder Manowar. Habe ich lange Haare, weil ich jede Woche zum Frisör gehe, oder habe ich lange Haare, weil ich nie zum Frisör gehe. Auch hier war Hells Entscheidung eindeutig: Slayer. Ich habe lange Haare, weil ich ein Tier bin. Schon diese frühren Richtungsweisungen machten klar, dass Hell eine Persönlichkeit ist, die sich an Extremen orientiert. Die sich zwischen den Polen bewegt, ohne sich einzuschwingen. Kein Mittelmaß und kein Mittelweg, keine goldene Mitte, aber auch kein goldener Schuss. Ein Beleg für diesen Weg liefert jetzt seine erste Compilation mit eigenen Tracks auf seinem Label International Deejay Gigolo Records, das mittlerweile von München nach Berlin umgezogen ist.
Schaut man auf die letzten 13 Jahre Hell (Titel der Best Of Hell: „Größenwahn“), so zeigt sich der DJ, Produzent und Labelbetreiber als Integrationsfigur seines eigenen Universums. Künstler, die bei ihm Platten veröffentlichen, gehören nicht einfach zu seinem Artist Roster, sondern gehören zu seiner Gigolo-Familie. Das bedeutet mehr, als eine Aussage für einen bestimmten Sound, das ist ein Commitment für eine bestimmte Lebenseinstellung.
So ist denn auch die erste Galleonsfigur Arnold Schwarzenegger trotz mangelnder Veröffentlichungen genau so ein Gigolo, wie Chris Korda. Es ist die völlige Hingabe an die selbst gewählten Ziele, die den Weg in den Club freimachen. Die ‚Zusammenarbeit’ mit Arnie wurde leider in dem Moment beendet, in dem er selbst davon erfuhr und so musste sich Hell eine neue Ikone suchen. Einer wollte die frei gewordene Stelle unbedingt haben, und das war Sid Vicious. Arnies Pose hatte er auch drauf und auch wenn der eigene Körper anatomische Grenzen gesetzt hat, so zählt doch vielmehr das Bild, das Sid von sich selbst hat. Also durfte er auf Gigolo-Platten seine Muskeln zeigen. Mittlerweile hat diesen begehrten Platz allerdings schon die dritte Person eingenommen: die NYC Glamour Queen Amanda Le Pore. Laut Hell entstand sie aus der einfachen Formel: „Arnold + Sid = Amanda“.
Dass Gigolo nun durch eine Frau repräsentiert wird, lenkt den Blick auf ein weiteres Phänomen: Hell und die Frauen. In seinen DJ-Sets sind Frauen vor allem für eines zuständig: Verzaubern. Stimmen wie die von Amanda Lear heben die von Hell als DJ stets transportierte subtile Laszivität auf eine ganz intime Ebene. Auf der bewegt er sich auch, wenn er einen Klassiker eines anderen Frauen-Prototyps covert: „Strange“ von Grace Jones. Unter seinen Fingern wurde die Piazolla-Bearbeitung zu einer metrosexuellen Hymne. Da kann man schon mal davon träumen, dass Hell doch eigentlich der ideale Nachfolger von Trevor Horn wäre. Sein Kommentar: „Wir hoffen und beten.“

Aktuelles Album: „Größenwahn - 1992–2005 + Monotonie durch Automation – NY Muscle Interpretationen“ (Gigolo/Rough Trade)

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