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DOTA

Zwischen Butterbrot und Festnetz

DOTA

Nachdem Dota Kehr mit ihrem letzten Album Kaléko von ihrem Prinzip als hauptberufliche Songwriterin abgewichen war und sich mit Texten der Dichterin Mascha Kaléko auseinandersetzte, die sie dann mit ausgesuchten Duettpartnern zu eigener Musik vortrug, so stammt das neue Album „Wir rufen Dich, Galaktika“ nun wieder ganz aus der Feder der Kleingeldprinzessin. Hier ist dann auch wieder ihre Band zu hören, die sie schon länger nicht mehr „die Stadtpiraten nennt“ - zu der aber seit kurzem auch der „echte“ Bassist Alex Binder gehört. Alex entlastet dabei zum Einen den bandeigenen Keyboarder Patrick Reising, der bislang die Aufgabe des Bassisten mit erlebte – sorgt aber andererseits auch für ein fülligeres Klangbild und setzt auch rhythmische Akzente.

Beispielsweise ist es so, dass das neue Dota-Album einfach schön klingt. Insbesondere auf die Zugänglichkeit und die Melodieführung sind Dota (die Band) heutzutage nicht mher zu intellektuellen Prinzipien mit Bezug auf Dota's nach wie vor geistreiche, humorvolle und scharfzüngig formulierten Texte zu haben. Stattdessen öffnen sich Dota - wie zuletzt auch einige andere deutschsprachige Acts - konsequent dem Reiz gut gemachter, melodischer Pop-Musik. Ist das vielleicht sogar beabsichtigt?

„Einen bewussten Prozess würde ich es nicht gerade nennen“, meint Dota – während sie mit der einen Hand versucht, ihren Kindern Butterbrote zu schmieren, da die Kinderbetreuung abgesagt hat und in der anderen den Hörer ihres Festnetzanschlusses balanciert, „ich schreibe nämlich sehr intuitiv. Ich habe immer das Gefühl, dass die ganze Idee eines Stückes bereits im allerersten Funken enthalten ist. Man muss dann dieser Idee treu bleiben und dann entwickelt sich das Lied aus sich selbst heraus. Ich freue mich aber, dass die Melodien als so vordergründig wahrgenommen werden, weil ich aus meiner Erfahrung heraus bisher immer nur auf den Text festgelegt worden bin. Ich habe aber immer auch versucht, dass das Musikalische seinen Platz bekommt und der Text nicht die Oberhand gewinnt. Deswegen freue ich mich über die Wahrnehmung der Melodie."

Das heißt also, dass Dota sowieso die Songs als Einheit aus Musik und Text begreift – und nicht etwa die Musik als Vehikel für ihre Texte?

„Ja, auf jeden Fall“, bestätigt sie, „ich glaube nämlich, dass diese Einheit einen Song erst einmalig macht. Was Melodien betrifft, so sind da ja schon so unendlich viele geschrieben worden – und trotzdem gibt es immer noch unerschöpfliche Möglichkeiten; und vor allen Dingen in der Kombination mit Texten."

Wie geht Dota als Songwriterin denn da zu Werke?

„Also mir passiert das immer wieder, dass ich den Text die Melodie bestimmen lasse – und trotzdem versuche, dass möglichst viel musikalisch dabei herauskommt“, berichtet Dota, „da bringt dann auch jede Zeit ihre eigene Melodie hervor. Und ich behaupte jetzt einfach mal, dass mein Album jetzt genau in diese Zeit passt.“

Kommen wir mal zum Titel der Scheibe: „Galaktika“ ist eine Figur aus der „Klappmaulpuppenserie“ namens „Hallo Spencer“ - eine kleine, lilafarbene, durchsichtige Fee, die immer dann gerufen wird, wenn gar nichts mehr hilft. W.T.F.?

„Das war so eine Art Scherz in der Band“, gesteht Dota, „wenn alles nichts mehr hilft, dann kann man ja nach Galaktika rufen. Die Idee ist doch verlockend, wenn man einen säkularen Engel wie Galaktika rufen könnte, wenn man sich in aussichtslose Situationen hineinmanövriert hat. Wir hatten schon beim letzten Album 'Die Freiheit' überlegt, ob wir nicht den Titel 'Wir rufen Dich Galaktika' nehmen sollte – obwohl es damals noch gar keinen Bezug dazu gab. Irgendwie fanden alle in der Band, dass das ein toller Titel wäre – und dann habe ich mich in der Pandemie hingesetzt und einen Song zu dem Titel geschrieben. Ich hatte auch noch eine langwierige Rechteklärung mit dem NDR gehabt – das ist aber jetzt alles ernst. Und vielen Dank an Herrn Diebertin, den Schöpfer der Serie, dem das Lied gut gefallen hat und der damit völlig einverstanden ist."

Ist es denn notwendig, auf solche Mittel wie säkulare Engel zurückgreifen zu müssen?

„Also ich finde solche Sachen wie die Klimakrise oder die Pandemie sind so verfahren, dass das schon gerechtfertigt ist“, scherzt Dota, „ich sage in dem Song ja auch am Ende dass wir natürlich nicht aus der Pflicht sind und die Sache schon selbst in die Hand nehmen müssen. Das wissen wir ja selber."

Da wir uns ja gerade eben in einer kurzweiligen Pandemie befinden, sei die Frage erlaubt, ob dies auch ein Thema der neuen Songs ist?

„Die meisten Stücke sind schon vor der Pandemie entstanden“, verrät Dota, „vier Stücke sind aber während des Pandemie-Zeitraums geschrieben worden und aufgenommen haben wir dann alles ab September. Im September war es ja alles ziemlich ruhig, was die Pandemie betraf – da haben wir uns als kleine, feste Gruppe auch nicht so viele Gedanken gemacht. In dem ganzen Post-Produktionsprozess war dann sowieso jeder alleine zu Hause am Rechner. Es gibt aber zwei Stücke auf der Scheibe, wo die Pandemie thematisch ein bisschen hereinspielt. Zum Einen 'Wir rufen Dich, Galaktika' – wo ich die Unfähigkeit der Menschen zu vernünftigen Lösungen zu kommen ursprünglich mit Bezug auf die Klimakrise angedacht hatte. Aber auch in Bezug auf die Pamdemiekrise kann man sich ja auch oft an den Kopf fassen - und auf eine Lila Fee hoffen. Und der andere Song, der sehr stark zu dem Thema passt ist 'Ich hasse es“, wo es ja sehr stark um Internet-Sucht und Social Media geht und ich mein eigenes, ungesundes Verhältnis zu Social Media betrachte. Das hat für mich ganz viel mit der Pandemie zu tun."

Inwiefern – wegen der Lockdown-Situation?

„Genau“, bestätigt Dota, „ich hatte vorher auch schon einen facebook-account – aber ich habe da immer nur die Tourdaten reingeschmissen und mir nie Kommentare oder andere Posts durchgelesen. Das war einfach ein rein professionelles Verhältnis. Seit der Pandemie-Zeit – in der ja auch keine normalen Konzerte mehr möglich sind – habe ich angefangen Streaming-Konzerte zu spielen; und da ist es ja so, dass man gar nicht merkt, dass jemand zugehört hat, wenn man nicht die Kommentare liest. So hat mich das dann reingezogen in diese gewaltige Maschine die ja auch mit unserer Eitelkeit und dem Bedürfnis wissen zu wollen, was andere Menschen über einen denken spielt. Da habe ich dann auch angefangen, andere Posts zu lesen und zu kommentieren und dann den Kommentar zu diskutieren und dann aber gemerkt, wie ungesund das ist, denn die Aufmerksamkeit und die Zeit, die man dem schenkt, ist die Ware, mit der da gehandelt und die da verkauft wird. Jedenfalls habe ich dieses Lied 'Ich hasse es' geschrieben und diesen Konflikt, dass man dann ja auch Teil dieser ganzen Maschinerie wird beschrieben – was sich super befreiend angefühlt hat."

Ist diese Betrachtungsweise denn nicht ein bisschen einseitig? Denn auf der anderen Seite führten facebook & Co. die Menschen in der Pandemie doch auch wieder enger zusammen, oder?

„Das stimmt“, räumt Dota ein, „ich sehe das auch gar nicht nur negativ, sondern ich nutze es ja auch gerne und es gefallt mir ja auch. Andererseits finde ich es aber auch wahnsinnig manipulativ, denn letztlich geht es da ja um unsere Daten und darum, uns mit allen Mitteln irgendwelche Werbung verkaufen zu wollen. Natürlich ist es total sinnvoll, wenn man das als Musikerin nutzt, wenn man zum Beispiel ein neues Video schaltet oder eine Scheibe ankündigt. Und genau das hasse ich, dass ich in dieser ganzen unsympathischen Maschine, die die Leute ausspioniert, mit dabei bin. Das ist auch eine sehr hässliche Ausgeburt des Kapitalismus."

Und das ist ja noch nicht alles.

„Genau – dieses ganze Problem mit diesen Filterblasen und diesen Menschen, die aufgrund ihrer politische Meinung gar nicht mehr miteinander in Kontakt treten und dass jedes Gespräch unmöglich wird, weil alle verschiedene Informationsquellen haben, wird durch Social Media ja noch ungemein beschleunigt.“

Bei der Kritik an den sozialen Medien will Dota es indes nicht belassen und engagiert sich deswegen aktuell ganz konkret an Projekten wie dem Volksbegehren „Klimaneustart Berlin“, dem „Bündnis gegen das Ökozidgesetzt“ und im Rahmen der Mietdeckel-Entscheidung des Verfassungsgerichtes auch an der Aktion „Deutsche Wohnen enteignen“.

Aktuelles Album: Wir rufen dich, Galaktika (Kleingeldprinzessin Records / Broken Silence)

Foto: Annika Weinthal

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