
2024 spielten die Bielefelder Musikerin Mina Richman und ihre Musiker das Debüt-Album „Grown Up“ ein, dass (wie Mina meinte) unter den denkbar ungünstigsten Umständen entstand – also unter Budget- und Termindruck. Nun war die Sache aber die, dass dieses Album – vor allen Dingen aufgrund von Mina’s unermüdlicher Live-Präsenz – so erfolgreich war, dass eigentlich gar keine Zeit blieb, das zweite Album nun in Ruhe anzugehen. Mina scheint sich also darauf spezialisiert zu haben, ihre Musik immer mit einem gewissen Stress-Faktor anzugehen.
Da kam es natürlich zu pass, dass Mina mit Gitarrist Freddy, Bassist Alex und Drummer Leon eine Band am Start hat, auf die sie sich musikalisch quasi blind verlassen kann und vor allen Dingen, dass sie für das zweite Album ein stringentes Konzept im Hinterkopf hatte – nämlich eine Songsammlung zum Thema Glück zu schreiben und das Ganze tatsächlich auch als Konzept-Album anzulegen. Den Titel für das Album fand sie dann, als eine Freundin ihr auf die Frage, ob sie sich nach einer Trennung denn nicht unglücklich fühle, antwortete: Nein – das seien jetzt nur verschiedene Varianten des Glücks, die sie verspüre – „Different Flavors Of Being Happy“. Einen knackigen Titel hatte Mina da also schon mal – jetzt fehlten also nur noch die Songs dazu. Wie kam sie denn überhaupt auf die Idee, Songs über verschiedene Aspekte des Glücklich-Seins zu schreiben? So etwas erwarten wir in unseren auf dystopische Zustände zusteuernden Zeiten ja fast schon gar nicht mehr.„Ja, ich habe wirklich probiert, Songs über das Glück zu schreiben, weil Welt gerade auf jeden Fall unglücklich genug ist“, erklärt Mina, „Ich hatte auch das Gefühl – wie wichtig die ganzen Protest Songs, die politischen und gesellschaftskritischen Songs auch sein mögen und wie sehr ich es schätze, wenn KünstlerInnen ihre Position und ihre Plattform nutzen – so sehr braucht man manchmal auch einfach eine Umarmung. Es gibt halt Tage an denen man nicht noch mehr monströse Wahrheiten in Form von Musik ertragen kann.“
Die Formen des Glücks, die Mina in ihren neuen Songs beschreibt, spielten sich ja alle in der Vergangenheit ab. Gleich in mehreren Songs erinnert sie sich an glückliche Kindheitstage. Wie sieht es denn mit der Gegenwart oder der Zukunft aus?
„Mit der Gegenwart und der Zukunft? Ich bin zur Zeit ziemlich glücklich“, antwortet Mina, „ich war gestern zum Beispiel mit meinem Hund spazieren, die Sonne schien – es war aber nicht zu heiß, die Wildblumen im Grünstreifen blühten so ein bisschen und der Himmel war blau bis auf ein paar Wölkchen. Da dachte ich mir: Wow – ich bin ja schon so lange glücklich, dass ich misstrauisch werde. Natürlich gibt es auch immer wieder Tage, wo man sich denkt, dass das jetzt so anstrengend und nicht schön war – aber ich glaube, dass ich gerade an einem Punkt angekommen bin, an dem ich ein glücklicher Mensch geworden bin.“
Und das spiegelt sich dann auch musikalisch wieder?
„Ja – denn ich glaube ich habe Musik früher oft als Ansprechpartner für meine Gefühle verwendet und mich da rein geflüchtet“, meint Mina, „da gab es dann die Songs, die einen genau da aufgefangen haben, wo man war – etwa am Boden – und die genauso niederschmetternd waren, wie die eigenen Gefühle. Aber irgendwann muss man auch einfach mal einen Gute-Laune-Song anmachen und sich sagen: Ich habe jetzt alles gefühlt und ich habe auch viel geweint – aber jetzt muss ich irgendwann auch aufstehen und mich anziehen und ein bisschen den Rasen berühren und einen Baum umarmen.“
Das macht sich dann musikalisch durch pulsierende Dance- und Disco Grooves, Funky Rhythmusgitarren, Percussion und soulige Gesangsharmonien bemerkbar
„Na ja, aber wir haben ja keine echte Disco-Scheibe gemacht“, erklärt Mina einschränkend, „wir setzen uns nicht hin, um einen Song für ein bestimmtes Genre zu schreiben. Das ist eigentlich noch nie so passiert – vielleicht ein bisschen bei ‚You Don‘t Like To Dance’ wo Alex meinte, dass er jetzt mal richtig Bock auf einen Disco-Beat hätte und wir dann OK gesagt hatten. Ansonsten jammen wir halt und versuchen dann das Gefühl im Raum aufzugreifen, was sich entwickelt. Wir denken also gar nicht so fest in Genres.“
Das klingt ja, als hätten die Musiker gegenseitig inspiriert?
„Ja, wir haben uns selbst inspiriert“, stimmt Mina zu, „wir sind ja auch Musikfanatiker und wir hören viel Musik – gerne auch aus den 60ern, aber auch moderne Sachen wie Olivia Dean, Celeste oder Joan As Police Woman. Das sind natürlich immer Einflüsse, denen man sich nicht entsagen kann. Es ist aber nicht so, dass wir gemeinsam Musik gehört haben und uns dann bestimmte Sachen rausgesucht hätten, die uns gut gefielen und denen dann nachgeeifert sind. Es ist eher so, dass wir dann einfach angefangen haben und uns selbst Dinge überlegt haben. Wie könnte denn eine interessante strukturelle Sache aussehen? Wir könnten ja auch einfach mal etwas ohne Intro machen? Oder man könnte ein Intro machen?“
Letztlich machten sie dann beides und arbeiteten mit und ohne Intros. Es ist dann ja auch so, dass bei aller Lebhaftigkeit die meisten Songs dennoch einen melancholischen Kern haben.
„Ja – denn ich glaube ich bin ein Mensch, der viel fühlt und ich bin auch kein Mensch, der Angst vor Trauer oder Melancholie hat und der sehr daran gewöhnt ist, all das auch zu fühlen und sehr viel gleichzeitig zu fühlen“, führt Mina aus, „deswegen ist es gar nicht bewusst, wenn diese Gefühle auch in meinen Songs zum Ausdruck kommen, weil die Welt und die Realität eben sehr komplex sind und wir viele Dinge gleichzeitig fühlen können. Ich glaube deswegen ist in jeder Melancholie auch ein bisschen Glück und in jedem Glück auch ein bisschen Melancholie. Deswegen würde ich sagen, das genau auch diese Melancholie in meinen Songs ist – weil ich nicht versuche, ihr wegzulaufen, sondern gelernt habe, damit umzugehen, dass man nicht immer das nächste Adrenalin-High suchen muss, um Glück zu empfinden.“
Ein besonderes Glück besteht für Mina darin, mit ihren Jungs auf der Bühne zu stehen, und zu performen. Insofern ist es erklärlich, dass bereits jetzt eine große Tour steht, die Mina und Band zwischen August und November auf 13 Dates durch Deutschland führen wird.
Aktuelles Album: Different Flavors Of Being Happy (Ladies&Lady’s)
Weitere Infos: https://www.instagram.com/mina.richman/ Foto: Jan Haller

