
Ein „Bloodhorse!“ ist ein Vollblut. Dass die australische Songwriterin Grace Cummings dem Titel ihres vierten Albums noch ein Ausrufezeichen hinzufügt, spricht für sich selbst, denn sie betrachtet sich – nicht ohne Grund – als Vollblut-Musikerin, die mit Herz und Seele „all in“ geht. Das tut sie natürlich auf ihrem vierten Album, welches sie (wie das letzte Album „Ramona“) zusammen mit dem Produzenten Jonathan Wilson realisierte, aber musikalisch in eine andere Richtung lenkte. Statt monumentaler Epen gibt es dieses Mal eine unberechenbare stilistische und musikalisch Collage von Sounds und Stimmungen, die vom versöhnlichen Dreampop-Song „I’m Not Crazy“ bis hin zum avantgardistisch arrangierten Spiritual „My God“ reicht – einem klanglichen Abenteuerland mit polternden Tribal-Beats und gutturalen Keuchgeräuschen, die Grace mit einer Lungenentzündung aufnahm. In dem Song huldigt Grace Cummings jenem Gott, der verantwortlich ist für all die dystopischen Unbilden und Wirrungen, mit denen die Menschheit zur Zeit konfrontiert sind. Zimperlich geht es also nicht zu auf dem Album der australischen Songwriterin aus Melbourne. Dem Vernehmen nach, ging es Grace Cummings auf diesem Album darum, sich die Freiheit herauszunehmen, einfach sie selbst zu sein – ohne dabei irgendwelche Kompromisse einzugehen. Das Album ist also ein musikalisches Spiegelbild ihrer Psyche.
Worauf hatte Grace mit dem Album „Bloodhorse!“ musikalisch ursprünglich abgezielt? „Also ehrlich gesagt eigentlich auf gar nichts“, meint Grace nicht ganz unerwartet, „wenn ich über Ziele nachdenke, dann vielleicht über Gefühle. Ich versuche den Musikern eher ein Gefühl zu vermitteln, das ich ausdrücken möchte, als die technischen Aspekte der Musik. Mein Ziel ist also immer herauszufinden, wie sich etwas anfühlt, und dann die Musik dorthin zu lenken. Ich denke, dass es sich dann bei den dramatischeren Songs oft ergibt, dass ein tiefes Gefühl eben im Klang eines Cellos, einer Trompete oder einer Flöte zu suchen ist, um dieses auszudrücken.“Gab es denn zumindest inhaltlich ein Konzept oder ein Thema?
„Nein“, schmunzelt Grace, „ich arbeite zwar gerade an einem Konzept-Album, um mal auszuprobieren, wie so was geht – weil mich die Leute ständig fragen, was mein Konzept ist und ich dann immer sagen muss, dass ich keines habe. Aber ich mache das erst jetzt – und versuche, das mal durchzuhalten! Für gewöhnlich war es aber bislang so, dass ich immer das verwendet habe, was sich zwischen dem Ende des letzten Albums und des jeweils neuen zugetragen hatte, um festzuhalten, wie sich das Leben in diesem Moment angefühlt hat. Aber nachdem ich dann eine Scheibe gemacht habe und auf diese zurück blicke, kann man dann Zusammenhänge im Rückblick erkennen. Das würde ich dann aber nicht analysieren wollen.“
Das mal eingedenk: Wofür verwendet Grace ihre Musik denn?
„Ich will ja jetzt nicht dramatisch klingen – aber meine Musik hält mich am leben. Musik beruhigt mich, sie ist mein Freund, sie hält meine Hand und ich wüsste nicht, was ich ohne Musik machen würde. Damit meine ich die Musik als solche – nicht Scheiben aufzunehmen oder vor Leuten zu spielen. Das ist die Musik in meinem Leben. Wie Sinead O`Connor mal sagte: ‚Der Grund dafür, ein Album aufzunehmen ist der, dass Du verdammt noch mal verrückt werden würdest, wenn Du es nicht machtest’. Ich muss Musik für mich selbst machen, ich muss für mich selbst singen – denn wer soll es denn sonst machen?“
Wie Courtney Marie Andrews zu sagen pflegt: „Wenn Musik zu hören ist, macht das Leben Sinn und wenn nicht dann fehlt etwas.“
„Genau – da pflichte ich bei. Um noch mal auf Sinead O’Connor zurückzukommen: Jede biblische Geschichte begann damit, dass die Engel sangen. Zu singen ist die Sprache der Unterdrückten und Ausgenutzten – und es ist die Möglichkeit, Sachen zu adressieren, die man mit Worten nicht ausdrücken kann.“
Dabei kamen dann auch einige ungewöhnliche und eben seltsame Songtitel zustande (von den Lyrics ganz zu schweigen). Der erste Track heißt zum Beispiel „The Hills Are Alive Withe The Sound Of Morphine“ – und es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass Grace Cummings damit nicht auf Julie Andrews anspielt.
„Das kommt aus einer Unterhaltung mit meinem Freund Miles, mit dem ich gelegentlich zusammenarbeite. Wir darüber sprachen, welche Art von Musik ich eigentlich machen wollte. Er hatte dann die Idee für diesen Satz – den ich sehr mochte. Das Morphium in dem Song bedeutet aber nicht die Droge. Es geht um alles, was wir versuchen oder ausprobieren, um uns den Schmerz zu nehmen.“
Und was hat es mit dem Titel „The Magnum Opus Of The North Is A Cowboy Boot“ auf sich? „Das ist nur eine Reflexion über mein bisheriges Leben und wie ich mich davon lösen möchte. Ich denke, die coolste Sache, die man machen kann, wenn man Musik oder Kunst macht, ist die, sich zu verändern und weiterzuentwickeln. Ich muss da vorsichtig sein – aber der Titel handelt von Arschlöchern, deren größtes Anliegen im Leben es ist, schöne Cowboy-Stiefel zu tragen.“
Was will uns das eigenartige Covermotiv – einem Puppenkopf mit Porträtbeleuchtung – sagen?
„Ich denke, dass es darum geht, dass ich mich früher in meiner Haut nicht wohl fühlte“, räumt Grace ein, “insbesondere im Hinblick auf mein Aussehen. Ich hatte mir ausgemalt, dass ich zumindest nach außen hin akzeptiert würde, wenn ich nur eine kleinere Nase, weniger Fältchen oder Pickel hätte; wenn ich also wie eine perfekte Puppe aussehen würde – die ich nun wirklich nicht bin. Aber wenn ich mir jetzt die Puppe auf dem Cover anschaue, dann glaube ich, dass sie sich auch nicht wohl fühlt, wie sie in ihrem Puppenkörper gefangen ist.“
Das ist trotzdem eine seltsame Idee – wo doch eine Puppe gerade ziemlich generisch ist und ohne eigene Identität auskommen muss.
„Mag sein, aber das ist für mich anders, denn ich habe immer eine kleine Puppe als Glücksbringer bei mir“, führt Grace aus und kramt eine kleine Holzpuppe aus einer Tasche, „das ist eine davon – und das ist meine Sorgen-Puppe. Ein Symbol für mich. Eine gute Freundin von mir hat eine große Sammlung von Puppen, und sie hat jeder einen Namen gegeben und eine Persönlichkeit zugedacht. Wir nehmen die Puppen überall hin.“
Wie geht es musikalisch weiter? Denkt Grace Cummings über ihre musikalische Zukunft nach?
„Ich denke immer über Musik nach“, meint sie, „ob ich nun hier oder im Bett oder im Verkehr sitze und überlege dann, wie ich Sachen musikalisch umsetzen könnte. Aber in de Sinne, wie interessant diese Sachen doch sind – und nicht im Sinne von Projekten. Meine Inspiration zur Zeit ist einfach die, dass ich an seltsamen Sachen interessiert bin. Ich versuche, meine Ohren einfach allem gegenüber zu öffnen. Ich will mich nichts verschließen. Das ist meine Art, über Musik nachzudenken."
Aktuelles Album: Bloodhorse! (ATO-Records)
Weitere Infos: https://www.instagram.com/gracecummingsmusic/ Foto: Jeff Andersen

