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THE MYSTERINES

Ein Teil des Puzzles

THE MYSTERINES

Geheimnisvoll sind die Mysterines aus Liverpool eigentlich nur für uns Kontinentaleuropäer, denn in ihrer britischen Heimat – und neuerdings auch in den USA – gelten Lia Metcalfe, Callum Thompson, George Favager und Paul Crilly schon seit längerem als das Next Big Thing in Sachen Rockmusik. Das kommt daher, dass sich das Quartett gleich über die Debüt-EPs in die Herzen der Fans spielte und sich bereits für die Produktion ihrer Debüt-LP „Reeling“ einen lukrativen Record-Deal an Land ziehen und mit Hilfe der Produzentin und Rock-Spezialistin Catherine Marks dann jenen Sound kreieren konnte, der im Folgenden dazu führte, dass sie zu den heißesten Live-Bands des vereinigten Königreiches heranwuchsen, während zeitgleich das Debüt-Album in die Charts schoss. Nur: Wir bekamen das gar nicht so richtig mit, weil entschieden wurde, die Band hierzulande überhaupt nicht zu promoten, um sich ganz auf die Karriere zu Hause konzentrieren zu können. Nun sind die Mysterines aber vor allen Dingen eine Band, die sich – mit einem deutlichen Augenzwinkern - die Weltherrschaft in Sachen Rock-Act auf die Fahnen geschrieben hat; was ergo dazu führt, dass man sich über kurz oder lang auch dann auch mal dem Rest der Welt zuwenden musste. Zeit also, zu eruieren, wer die Mysterines denn nun eigentlich sind.

„Nun die Band haben wir schon vor ein paar Jahren gegründet“, berichtet Lia Metcalfe – ihres Zeichens die Frontfrau, Sängerin und Songwriterin der Band, „wir haben dann auch ein paar Titel veröffentlicht, aber es hat ein paar Umbesetzungen gegeben. Callum Thompson und unser Drummer Paul Crilly kamen erst vor vier Jahren zur Band und erst in dieser Besetzung haben wir dann begonnen, in Richtung unseres Debüt-Albums zu arbeiten."

Dazu muss man noch wissen, dass Lia Metcalfe die Tochter des Rockmusikers Andrew Metcalfe ist, der mit seiner Band Sound Of Guns Anfang des letzten Jahrzehntes einige Alben veröffentlichte und seine Tochter seit frühester Jugend an ermutigte, selber Songs und Texte zu schreiben – was in Folge einer Zukunftsbekanntschaft mit Paul Weller dann dazu führte, dass Lia mit diesem zusammen den Song „True“ für dessen Album „Fat Pop (Volume 1)“ schrieb und performte – noch bevor die Mysterines ihre eigene LP fertig hatten.

Die Mysterines haben sich mit Haut und Haaren der Rockmusik verschrieben. Dabei finden sich auf der Debüt-LP alle möglichen Spielarten des Genres – von der Grunge-Musik über Stoner-Rock, Psychedelia, Kaputnik-Blues und druckvollen Power-Pop bis hin zum Post-Punk. Mit welchem Plan sind die Mysterines weiland denn ins Studio gegangen?

„Wir hatten schon einen Plan – aber wir wollten von vorneherein Raum für kreative Entwicklungen lassen“, erinnert sich Lia und Callum fügt hinzu: „Wir hatten ein Demo für jeden Song gemacht, bevor wir uns Studio gegangen sind – mit einer groben Idee, was wir damit machen wollten und haben darauf aufgesetzt. Wir haben also erst unsere Hausaufgaben gemacht damit wir eine Vorstellung von dem hatten, was wir erreichen sollten"

Es war aber dann nicht so, dass die Songs vor den Studioaufnahmen dann bereits live ausprobiert worden waren?

„Einige schon“, wirft Paul Crilly ein. „Aber im Allgemeinen nicht“, ergänzt Lia und Callum erklärt noch: „Wir wollten, dass sich alles live anhört – und deswegen haben wir auch im Studio alle zusammen live aufgenommen, anstatt mit Mulitracks und Overdubs zu arbeiten."

Das ist insofern erstaunlich, als dass sich die Band nun ja gerade als Live-Act definiert. Auf jeden Fall ist den Mysterines es gut gelungen, den Studio-Aufnahmen diesen Live-Sound dann auch glaubwürdig angedeihen zu lassen.

Wie hat man denn zum jeweiligen Format für die Songs gefunden?

„Wir haben alle ähnlich musikalische Inspirationen und Einflüsse“, räumt Lia ein, „wir haben sehr viel Zeit damit verbracht, zusammen Musik zu hören und ergo wissen wir auch genau, was wir mögen und was nicht."

Und wie findet man dann in einem Genre, in dem schon so ziemlich alles dagewesen ist, zu einer individuellen Note? Einigt man sich da auf eine bestimmte Marschrichtung oder bringt jedes Bandmitglied seine eigene Identität ins Spiel?

„Ich würde eher sagen letzteres“, überlegt Lia. Was zu der Annahme führt, dass es sich bei den Mysterines nicht um eine Frontfrau mit ihren Musikern handelt, sondern um eine funktionierende Band, oder? „Ja auf jeden Fall“, erklärt Callum, „wir arbeiten alle zusammen an den Songs."

Wonach suchen denn die Mysterines, wenn sie Songs schreiben?

„Ich denke es geht generell darum, was Kunst dich spüren lässt“, meint Lea, „immer dann, wenn mir ein Song gefällt, an dem wir arbeiten, dann ist das deswegen, weil er aufrichtig ist und auf eine Art ein Teil von mir und ein Teil von der Band. Der ist dann ein bisschen wie Dein Make-Up. Das passt dann alles wie ein Puzzle zusammen in das Du Dich einfügst. Das zeichnet einen guten Song aus und das ist der Grund, warum die Menschen über die Musik zusammenkommen. Deine Lieblingssongs fühlen sich im besten Falle wie ein Teil von Dir an. Es gibt aber keine Formel das zu definieren. Es gibt eine Menge Songs da draußen, die ich nicht gut finde – was aber nicht daran liegt, dass sie es nicht sind, sondern weil sie mir egal sind."

Die Songs des Albums sind ja schon sehr düster. Hat das damit zu tun, dass sie während der Pandemie entstanden?

„Na ja, einige Songs sind vorher entstanden und einige später“, wirft Callum ein. „Also wenn überhaupt, dann hat die Pandemie uns die Gelegenheit gegeben, mehr über unsere Songs nachzudenken und diese zu verfeinern“, führt Lia aus, „was die Texte betrifft, so hatte ich mehr Zeit mich darauf zu konzentrieren, was ich sagen wollte und eine entsprechende Narrative aufzubauen. Ich würde also sagen, dass die Pandemie uns in eher einer positiven Weise beeinflusst hat."

Da die Mysterines offenbar ein sicheres Händchen dafür haben, sich jeweils genau die richtigen Versatzstücke aus der Musikhistorie der Rockmusik zusammenzuklauben und daraus großartige eigene Songs zu fabrizieren, wäre ja noch interessant zu erfahren, ob sie sich denn auch mit ihrer Konkurrenz beschäftigen?

„Zu hundert Prozent“, meint Callum, „wir brauchen ja Inspiration. Es gehört zu unserem Job, zu beobachten, was um uns herum passiert. Ich denke auch, dass all die Leute die meinen, dass alle Musik heutzutage nicht gut ist und nur die alten Sachen hören, falsch liegen. Die haben es einfach nicht verstanden, dass es heute so viele Leute gibt, die coole Musik machen. Das kann man nicht ignorieren. Wir hören uns definitiv an, was andere machen. Schließlich ist jede Form von Kunst eine Wiederverwertung von anderer Kunst, die Du selbst gut findest. Wenn also jemand sagt, dass er sich keine andere Musik anhöre, dann glaube ich das nicht so recht."

Wie gehen die Mysterines als dezidierte Live-Band mit der Situation um, dass es heute gar nicht so gut aussieht mit der Live Szene?

„Ich denke, die Herausforderung ist, immer dranzubleiben und nicht aufzugeben“, überlegt Callum.

„So lange die Fans zu uns halten, geht es aber“, ergänzt Lea, „einfach ist das aber trotzdem nicht. Es ist zwar cool, wenn man vor vielen Leuten spielt – aber dadurch wachsen auch die Ansprüche und der Druck. Man steht dann plötzlich im Mittelpunkt und die Leute kommen auf einen zu und wollen immer mehr über einen wissen und man muss sich ständig erklären.“

Das ist dann wohl eine Art Berufsrisiko. Wie soll es denn weitergehen für die Mysterines?

„Ja, wir haben schon Demos für die nächste Scheibe aufgenommen und sprechen gerade darüber, wie es weiter geht“, erklärt Lea, „wir wollen ja schließlich die Welt übernehmen und viel Geld verdienen. Man muss ja schließlich einen Grund haben, Musik zu machen."

Müßig zu erwähnen, dass das sprichwörtliche Augenzwinkern Leas beim letzten Satz dann besonders groß ist.

Aktuelles Album: Reeling (Virgin)

Foto: Steve Gullick

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