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OLAF ARNDT

Kaisergabel

(Mox & Maritz, 244 S., 19,80 Euro)

Aus konspirativen Gründen lasse ich unerwähnt, auf welch delikate Zettel "Mox & Maritz"-Chef Stefan Ehlert seine Grüße notiert, wenn er netterweise mal wieder ein Buch schickt (Respekt und Freude sind ihm dennoch sicher). Und wenn es sich um eins von Olaf Arndt handelt, ist das Entzücken doppelt groß, schließlich war dessen "Unterdeutschland" letztes Jahr eine literarische Sensation (in diesem 500+seitigen Wälzer gelang es Arndt auf geradezu geniale Weise, den Thomas-Pynchon-Sound auf deutsche Literatur anzuwenden). Der Nachfolger enttäuscht keineswegs, auch wenn er stilistisch etwas zugänglicher scheint. Wobei: schon der Titel schickt alle Nicht-Hannoveraner auf eine komplett falsche AssoziationsSpur, denn mit WilhelmZwo oder einem Essbesteck hat das alles nichts zu tun. Autofahrer mit "H wie Hannover"-Kennzeichen hingegen wissen (vielleicht), dass die autobahnähnliche Überfahrt am dortigen Fischerbahnhof dank der (ehedem) benachbarten Kaiser-Brauerei eben diesen Namen trägt. Ersonnen wurde die "Kaisergabel" als wundersames Symbol für den Traum von der menschenfreien AutoStadt von Bauamts-Ingenieur Fritz Mandt: "Die klare Linie." - "Das Ganze war keine Geschmacksfrage, sondern die Entscheidung für ein System." - "Nachdem der Weltkrieg gezeigt hatte, dass die Bauwerke von zwanzig, dreißig Generationen in zwei Jahren wegbombbar waren und ein Tausendjähriges Reich in Minuten versinken kann, soll der Wiederaufbau mit Materialien vonstatten gehen, die brandfest und ewig sind. ETERNIT hat diese Idee zum Markennamen erhoben." (klar, dass AsbestSanierung heute ein einträglicher Wirtschaftszweig ist – der Kapitalismus füttert sich und die seinen mit ihren eigenen Träumen). Jener Bauleiter Mandt ist gemeinsam mit seiner ehrgeizigen Ehegattin Erika Erziehungsberechtigter der beiden Kinder Katharina Verena und Mike. Wobei die ältere Schwester ihren bürgerlichen Namen ablegt und kryptisch-konspirativ als "Q" angesprochen werden möchte (darf man einen sublimen Bezug zur gleichnamigen Heldin aus "Unterdeutschland" vermuten?). Auch der kleine Bruder ist mit seinem AlliterationsNamen nicht wirklich glücklich, aber "Glück" ist nicht nur in der jungen BRD eine sehr relative Kategorie. Die beiden erforschen – bewaffnet mit tragbarem Kassettenrekorder oder Reiseschreibmaschine - gemeinsam die DunkelStellen der Familiengeschichte (und damit auch der ganzen Bundesrepublik). Was allein der einfamilienhauswandfüllende Einbauschrank an GeheimDokumenten birgt: Dias, Notizen, Zeichnungen... alles "starting points" für GedankenExkursionen in Vor- und Nachkriegszeiten: Totschlag im noch-deutschen Schlesien, viel bestaunter Heldenmut während eines durch Schlamperei beim Munitionstransport herbeigeführten Bahnunglücks, alkoholsatte Schlägereien des Familienverbands auf dem ruralen Deichkamm und bundesdeutsche Entnazifizierung durch reduzierte Formgestaltung aus Ulm ("Gesinnungsmobilar"). Uher und Interlübke auf Diazepam. Dass der AufstiegsKampf der Mutter in die Mittelschicht vergebens war, scheint klar zu sein: "Ihr Streben nach höheren Klasse blieb unterm Strich ein egoistisches Projekt (…) Sie hatte mangels Erfahrung den Preis des Aufstiegs falsch berechnet." Aber ob Q sich mit 17 – den kleinen Bruder mit diesen Wirrnissen allein lassend - tatsächlich suizidal aus der falschen Welt verabschiedet hat? Oder war sie nur auf einer langen Reise? Gibt oder gab es die ÜberSchwester jemals? Viele Fragen in diesem klugen und in Aufbau, Szenarium und Sprache gleichermaßen brillant konstruierten Buch, das mit seinem feinen Satz und den beiden farbigen Lesebändchen auch gestalterisch und (buch)handwerklich aus der üblichen Massenware herausragt. "Kaisergabel" ist ein Roman, in dem (nicht nur) Westdeutsche in ihren 50ern vieles wiedererkennen werden. In Mike Mandt vielleicht sogar sich selbst..
Weitere Infos: › www.moxundmaritz.de

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