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QUICKSILVER

V.A.

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Wollen wir mal so gaaaanz relaxt in das virenschwangere neue Jahr gleiten? So richtig tiefenentspannt, mit "in den Bauch atmen" und so? Ja? Wirklich? Gut, dann legen wir dazu am besten "The Cinder Groove"(Glitterbeat) von CHUCK JOHNSON auf. "Country PostRock" hat Pitchfork dessen Musik früher mal genannt, aber hier wabert die kaum noch als solche zu erkennende Pedal Steel durch ZuckerWatteWolken aus SynthSounds und bei "Rock" (ob nun Post oder nicht) würde man doch ein Minimum an Rhythmus erwarten, oder? Gibt’s hier nicht, wäre wahrscheinlich auch für die Thetawellen-Ströme des Konsumentenhirns zu störend. 3
Langweilig wäre da ein zu strenges Urteil, aber aufregend ist auch anders. Wobei man eine gewisse gepflegte Fadheit auch in Deutschland herzustellen vermag, denn mit "Moods And Dances 2021" liefert RICHARD VON DER SCHULENBURG den Soundtrack zum Lockdown ab. Instrumentale Funktionsmusik aus dem ElektroGerätePark - schön für die triste Party allein daheim, bei der die Nachbarn bestenfalls dann klingeln, wenn man zu laut schnarcht. 3
Eben jener RvdS schrieb auch die liner-notes (oder ist das "nur" ein Promo-Text?) für die nächste Folge der kaum noch zu überblickenden re-issues aus CONRAD SCHNITZLERs Oeuvre: "Paracon (The Paragon Session Outtakes 1978-1979)" (beide Bureau B). Mit etwas Schärfe, aber doch auch einem gerüttelt Maß an Redundanz zwitscherte sich der Meister durch die Möglichkeiten seiner Maschinen. Historisch alles andere als uninteressant, aber für die HomeOffice-Beschallung vielleicht etwas zu verfitzelt. 3
Auch historisch, aber nicht ganz so interessant ist die Werkschau "Burn the Night / Bruciare la Notte: Original Recordings, 1983-1989" (RVNG Intl./Freedom To Spend) des mir bis dato unbekannten italienischen Synthesizerologen TIZIANO POPOLI. Dabei spräche einiges für diese Kompilation: ein Teil des Erlöses geht an Greenpeace, der gute alte DX7 ist omnipräsent, der opener kommt als verzwirbelte Sprachspielerei im Stil mancher Z’ev-Arbeiten und im Titeltrack kann man die Börsenwerte inzwischen untergegangener Industriegiganten nachhören. Aber nee, das meiste ist ziemlich vorhersehbarer MinimalSynthPop. 3
Mit "Saft" (Unique) von BOTTICELLI BABY verlassen wir (kurz) die elektronischen Welten und schon kommt deutlich mehr Schwung in die Bude. Die Kollegen vermischen in ihrem Getränk unbekümmert SecondLine-Beats mit Blues-Riffs und superfetten Bläsereien. Wer sich noch an die grandiosen Mardi Gras bb. erinnern kann, findet hier nahrhaftes uptempo-Futter. 4
Und wenn man schon einmal so schön beim Grooven und Tanzen ist, kann man gleich noch "Playdate" (TOYTOY Music) vom fulminanten 4er TOYTOY auflegen. Die wissen nicht nur, wie flotter R’n’BPopSoulFunk gespielt wird, sondern haben auch einige sehr korrekte Telefonnummern im Speicher. Denn hier machten nicht nur Flo Mega und Umberto Echo mit, sondern auch einige weniger bekannte, aber durchaus interessante Leute. Z.B. die smoothen Sängerinnen Pia Ovanda (der Track mit ihr erinnert an den GirlPop von TLC oder Sugababes) und Salomea (beim Titeltrack). Oder die RapHeads ESO.ES und Keno. Sehr edle Tanzmusik, das. 4
Gehaltvoll bleiben wir beim dezent aggressiven ElectroBastardPop der Israelin TAMAR APHEK. "All Bets Are Off" (EXAG) – bitte gehen Sie zum Schalter. "Too Much Information" – das sage ich doch schon seit Jahren! Zwischen ClubDunkel und digitalem Lagerfeuer-Schatten, zwischen hyperverzerrter Gitarre und walkendem JazzBass, zwischen ModernSongwriting und reduziertem EthnoDrumming – das ist ziemlich gut und stellenweise bei aller Bissigkeit auch voller Ohrwürmer. Sogar die "As Times Goes By"-Fassung ist der Frau bestens gelungen. 5
Kennt jemand die Wiener Künstlerin CONNY FRISCHAUF? Ich erst seit "Die Drift" (Bureau B), ihrem ersten longplayer. Und ich habe wenig verpasst, denn nach den die Platte eröffnenden, durchaus neugierig machenden, herrlich stoischen SynthTönen und der mit sehr angenehmer Stimme intonierten Parole "Es geht rauf!" geht es eher bergab. RätselReime aus dem Hipster-PoesieAlbum zu nicht so sehr einfallsreichem SynthGespiel. Ein musikgewordenes arithmetisches Mittel. 3
(Noch) Blutleerer ist der zwar sehr freundliche und nette, aber in seiner Verwechselbarkeit schon beinahe Mitleid hervorrufende IndieSynthRockPop, mit dem uns die Franzosen von TAMPLE die Ohren verkleben. Ihre ganze "Glory" besteht aus austauschbaren Keyboardflächen, hallgetränkten vocals und leider nur wenigen musikalischen Ideen. Sofern das Ganze auf Französisch dargeboten wird, ist es noch erträglich, die englischen Tracks kann man getrost skippen. 2
Ihre Labelkollegen von LO’JO schieben mit "Transe de Papier" (beide Yotanka) nicht nur ihr schon 18. Studioalbum in die Regale, sondern können mit dem leider ja im letzten April verstorbenen AfroBeat-Helden Tony Allen und der CanterburySound-Legende Robert Wyatt zwei recht prominente Gast-Trommler begrüßen. Die musikalische Mischung aus Weltmusik, Chanson und dezentem RockJazz ist nicht uninteressant, im dunklen Berliner HalbWinter aber irgendwie unpassend. Muss ich im Sommer nochmal bei offenem Fenster und mit einem Glas Weißwein in der Hand probieren. 4
Bleiben wir doch noch kurz im weiten Reich der Weltmusik, ja sogar in Afrika. In Südafrika, um genau zu sein. Dort fanden sich die vier Herren von URBAN VILLAGE zusammen und mit "Udondolo" (No Format!) präsentieren sie ein beachtenswertes Debutalbum. Sonore Chöre, flirrende Rhythmen mit leichtem Jazz-Appeal und filigrane GitarrenTöne (bei "Umuthi" gar von einer fantastisch passenden Lap Steel!) gesellen sich zu Texten über die Folgen der Apartheid, panafrikanische Träume und dergleichen mehr. Wobei ich hier dem Info glauben muss, denn verstehen kann ich Zulu leider nicht. 4
Richtig prima und die Wiederveröffentlichung absolut wert finde ich "Ambuya!" (Piranha) von der Großmeisterin der Mbira STELLA CHIWESHE. 1987 noch mit einem unsicheren Fragezeichen im Titel erschienen, begeisterte das in Zusammenarbeit mit 3Mustapha3 in Berlin eingespielte Album auch John Peel. Der lud die Künstlerin prompt zu einer seiner legendären Session, die vier Tracks gibt’s hier als Bonus. Erstaunlicherweise ist diese Musik auch nach mehr als 30 Jahren noch taufrisch, voller Groove und ohne jeden folkloristischen Tand. 5
Aber auch in der ElektroWelt passieren immer wieder interessante Dinge. Etwa "8" (Thirty Three Thirty Three) von der Pariser(?) Musikerin EL HARDWICK. Man muss "8" offenbar als Gesamtkunstwerk verstehen, bestehend aus einer LP und einem Foto/Lyrik-Buch. Welches wiederum eigentlich mal als "sci-fi graphic novel" konzipiert war. Dabei finde ich schon die bloße Musik, eine feine Mixtur aus PopStrukturen, elektronischen Bastelarbeiten, gesunder Rhythmik und bezaubernden vocals ("Bitter Lake"), sehr reizvoll. 4
Was der Lockdown mit zarten MusikerSeelen machen kann, zeigt "Pan De Sonic - ISO" (Someone Good), ein DL-only-Album, auf dem die in Melbourne lebende AI YAMAMOTO ihren ungewöhnlich gewöhnlichen familiären Alltag in der zur ganzen Welt gewordenen eigenen Wohnung akustisch dokumentiert. Vom ABC-Corona-podcast über das notwendige Zähneputzen bis zum Schlaflied: Tage der Isolation. Mal als lautmalerische field recordings, mal als semistrukturierte ElektroRhytmisierungen und erstaunlicherweise kein bisschen langweilig. Super artwork, auch! 4
Deutlich härter und abstrakter sind die Ansätze von drei Griechen mit wundervollen Namen: SPYROS POLYCHRONOPOULOS, THANOS POLYMENEAS-LIONTIRIS und IAKOVOS PAVLOPOULOS spielen "Widdershins" (Room40), was ich mir mit "gegen die Uhr" oder "linksrum" übersetze. Also mit "anders als normalerweise". Und das scheint mir die zwischen ElektroKunst und FreeForm pendelnde Musik zu bestätigen: 7 Improvisationen voller BassStreiche, orgiastischem Geklopfe, zischenden Becken und mit viel Gefühl hinzugerührter Elektronik, die sehr bequem zwischen allen Stühlen sitzt.
Zum Schluss noch was unfreiwillig Komisches. Es bleibt völlig schleierhaft, warum für "Move On Move On" (So Blau Prod.) kostbare Ressourcen in Form von Kunststoff (CD), Papier (Cover) und nicht zu vergessen Strom (z.B. für die Erzeugung der konservierten Klänge) verbraucht wurden, wo doch allerorten von Energie- und Rohstoffeinsparung die Rede ist (völlig zu Recht übrigens). Der verantwortliche Künstler heißt JOHANNES DEES und hat ein großes Sendungsbewusstsein, ist aber leider damit geschlagen, nur völlig gestelzte, jedes Metrum ungewollt negierende und von schiefen Metaphern und schlechten Reimen nur so strotzende Texte schreiben zu können, seinen SchreibDrang aber offenbar zwanghaft ausleben zu müssen. Irgendwie ist es ihm dennoch gelungen, einige Musiker zur Mitarbeit an seinem musikalischen Werk zu überreden und manche Stellen sind sogar erträglich, v.a. wenn zwischen all dem pathetischen SynthKram mal ein EWI erklingt. Aber schnell wird wieder (sprech)gesungen und dann fließen bei mir umgehend die Tränen. Vor Lachen. Diese Platte ist wirklich unfassbar schlecht. Und vielleicht deswegen irgendwann Kult. Und also teuer. Ich heb’ das mal lieber doch auf... 1

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