
Es ist ja nun schon eine ganze Weile her, dass uns Joseph Arthur mit einem neuen Longplayer beehrte. Das hat natürlich Gründe – sowohl privater wie auch geschäftlicher Natur – über die der Meister nur ansatzweise sprechen möchte. Die Sache ist aber die, dass Joseph Arthur in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben ist und sich somit mehr als 50 Songs angesammelt haben, die er zusammen mit seinem Longtime Collaborator Lance Davis seither geschrieben und produziert hatte. Deswegen ist nicht so überraschend, dass uns Joseph dieses Material nun in Form eines monumentalen Projektes präsentiert. Dabei wählte er ein ungewöhnliches Format: Die erwähnten Songs wurden zunächst ein Mal auf einem 3-LP-Vinylset unter dem Titel „You're Not A Ghost Anymore" zusammengetragen. Die drei einzelnen LP's wurden und werden dann in überarbeiteten Versionen mit den Untertiteln „Faith“, „Heart“ und „Fight“ digital veröffentlicht. Darauf finden sich dann auch „weiterentwickelte“ Versionen einiger der auf den Vinyl-Alben festgehaltenen Tracks. Im Rahmen der Sortierung des Materials schälte sich dann auch das übergeordnete Thema „Glauben“ als Leitmotiv heraus. Grund genug, ein Mal mit Joseph Arthur über die Hintergründe dieses Projektes zu sprechen.
Es ist ja schon schwierig genug, eine einzelne LP zu planen. Wie sieht das denn aus, wenn 50 Songs bewältigt werden müssen, die dann auch noch einem bestimmten Thema untergeordnet werden müssen?„Das Thema hat sich erst während des Auswahlprozesses ergeben – und es war dann auch einfacher, das Material auf drei Alben zu verteilen, weil wir ja drei Unter-Themen hatten – und weil wir dann ja auch nicht entscheiden mussten, starkes Material aus Platzgründen eliminieren zu müssen. Die drei Themen 'Faith', 'Heart' und 'Fight' boten dann auch sozusagen natürliche Landeplattformen für die einzelnen Songs an. Das ist oft in der Kunst so, dass die Sachen ihre natürliche Ordnung finden. Deswegen konnte ich auch darauf vertrauen.“
Wenn Joseph Arthur hier von „wir“ spricht, dann ist damit vor allen Dingen sein langjähriger Mitstreiter Lance Davis gemeint, mit dem zusammen er das Material dann auch produzierte. Letzteres ist dabei gar nicht so einfach, da die Songs ja unter unterschiedlichsten Bedienungen entstanden – und oft von Joseph bereits im heimischen Studio weitestgehend fertig gestellt wurden. So richtig fertig ist Joseph Arthur sowieso nie mit seiner Arbeit. Das galt schon für die Zeiten, als er alleine mit Loop-Station und Sampler auf der Bühne alleine immer wieder neue, symphonische Monumente aus seinem Material hervorkitzelte und ist auch heute noch so, indem ihn seine unstillbare Experimentierlust zu immer wieder neuen Experimenten anregt. So ist das auch mit dem neuen Material, das von spröden Low-Fi-Experimenten bis hin zu mit üppigen Streicherarrangements unterlegten Song-Epen reicht. Ein gutes Beispiel dafür ist etwa der Song „Hey Satan“, der auf dem Vinyl-Album „Faith“ bereits in einer rauen Version enthalten ist, aber seither mit einem von Alexandros Livitsanos arrangierten Orchester in Perugia neu eingespielt wurde, und auf dem digitalen Release des Albums „Fight“ dann in einer neuen Version zu hören sein wird. Ist das Projekt denn noch gar nicht fertig?
„Ja genau, es entwickelt sich immer noch weiter. Wir veröffentlichen das ja auf eine ungewöhnliche Weise, die sich aber gut mit der Ära, in der wir leben verträgt. Die Vinyl Edition enthält die Sachen, die Lance Davis und ich alleine gemacht haben. Das ist sozusagen eingeloggt. Das habe ich erst mal abgehakt. Aber dann haben sich andere Konstellationen entwickelt – beispielsweise mit einem Arrangeur. Und das wollten wir dann auch nutzen. Wir leben ja nicht mehr in einem Zeitalter, wo alles in Stein gemeißelt ist. Die Vinyl-Scheibe haben wir ja schon – aber digital veröffentlichen wir das Album für Album und das eröffnet uns die Möglichkeit, unsere Lieblings-Songs noch mal zu überarbeiten und das Ganze dann am Ende noch mal als Paket zusammenzufassen. Es ist zwar kompliziert, das so zu machen – aber für mich geht es dabei nicht um Unentschlossenheit, sondern darum, ein Album auf eine interessante Art als lebendigen, atmenden Organismus in die Welt zu bringen. Es entwickelt sich alles weiter. Das ist, wie sich zu einem Jubiläum mit älterem Material zu beschäftigen – nur dass wir es eben gleich von vorneherein machen.“
Viele Künstler sagen ja, dass Scheiben, die sie veröffentlichen, Momentaufnahmen zu einem bestimmten Zeitpunkt darstellen. Was ist denn dann dieses Projekt?
„Das ist das Gleiche. Es ist auch eine Momentaufnahme – nur halt eine, die mit einer längeren Belichtungszeit aufgenommen wurde.“
Das ganze Projekt handelt von verschiedenen Aspekten des Themas „Glauben“ - das für Joseph Arthur immer schon eine gewisse Rolle gespielt hatte. Warum aber ist Joseph das Thema nun mit so einem komplexen und vielschichtigen Projekt angegangen? Was bedeuten Spiritualität und Religion für ihn? Und hatte er vielleicht ein Mal am Glauben gezweifelt – und sich deswegen in diese Richtung orientiert?
„Sagen wir mal so: Glauben ist eine tägliche Praxis. Das ist für mich das Gleiche wie wenn man in ein Fitness-Studio geht, um sich eben fit zu halten. Du musst auch in Sachen 'Glauben' immer am Ball bleiben. Wenn man aufhört, zu trainieren – oder Glauben zu praktizieren - dann verliert man irgendwann das Fundament. Spiritualität funktioniert als ähnlich wie das Trainieren. Wie eigentlich alles im Leben – Privates oder Dein Business; was immer es ist: Du musst dranbleiben. Ich sehe das so, dass ich die Spiritualität und den Glauben regelmäßig warten muss. Man sollte Morgens am besten als erstes mit seinem Glauben Kontakt aufnehmen oder meditieren anstatt sich auf dem Handy zu Tode zu scrollen. Man möchte ja schließlich präsent sein und seine Motivation auf diese Weise anzapfen. Das ist eine tägliche Arbeit – wenn man damit aufhört, dann verliert man seinen Glauben und dann verliert man auch seine Motivation. Wir werden als Menschen ja von verschiedensten Kräften bombardiert und sind entsprechenden Versuchungen ausgesetzt – von Deinem Handy, von der spirituellen Welt, von anderen Menschen. Weißt Du was ich meine? Ich betrachte Glauben auf die gleiche Weise wie ich Athletik oder Sport betrachte.“
Inwieweit kann die Musik als solche da unterstützend wirken?
„Musik kann Dich im besten Fall mit Deinem Herzen und Deiner Seele und den Herzen und Seelen anderer in Einklang bringen. Musik erinnert Dich auf diese Weise an das spektakuläre Geschenk, dass das Leben darstellt. Es lohnt sich, nach dieser Kraft zu suchen, die Dir eine erfüllende Existenz erst ermöglicht. Musik kann also in dieser Hinsicht helfen. Für mich stellt die Musik das Zentrum meiner Spiritualität dar. Wenn ich Songs schreibe, bin ich dieser Kraft näher.“
Und was will uns der übergeordnete Titel „You're Not A Ghost Anymore' sagen?
„Die Sache ist die, dass Du als Musiker oft alleine bist. Peter Gabriel hat mir das zu Beginn gesagt, dass man als Musiker, der eine lange Karriere anstrebt, immer mal wieder aus der Mode kommen wird. Es wird dann auch Phasen geben, in denen sich niemand für Dich interessiert. Man ist dann wie die Zeitung von gestern. Oder wie ein Geist. Man muss dann am Ball bleiben und versuchen, das Ding zu drehen. Während ich an diesem Projekt arbeitete, war ich an einem Tiefpunkt angekommen, was das Interesse der Leute an meiner Musik betraf. Mein Partner Lance Davis war aber immer für mich da und hat sich immer für das interessiert, was ich gemacht habe. Er war wie so ein menschliches Licht in der Dunkelheit für mich. Wir haben dann die Sachen hauptsächlich alleine gemacht – mit ein bisschen Hilfe, extra Orchestrierung und ein paar Gästen. Es war eine außerordentliche Reise für uns. Und daraus entwickelte sich dann auch das Motto für das Projekt, denn jetzt bin ich ja im übertragenen Sinne kein Geist mehr.“
Aktuelles Album: You're Not A Ghost Anymore (Lonely Astronaut / Bertus)
Weitere Infos: https://josepharthur.com Foto: David East

