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LAURA LEE

Suspension of Time

LAURA LEE

Dass die Pandemie eine Musikerin wie Laura Lee besonders hart getroffen haben muss, liegt ja auf der Hand – denn zusammen mit Ihrer Freundin Andreya Casablanca hatte Laura vor allen Dingen ihren Lebensinhalt darin gesehen, mit dem gemeinsamen Projekt Gurr die Bühnen der Republik (und andere) auf hochenergische Weise unsicher zu machen. So ganz überraschend war es dann nicht, dass sie sich bereits im ersten Pandemie-Herbst – noch vor der Verfügbarkeit von Massentests oder Impfangeboten – auf dem Reeperbahn-Festival 2020 schon wieder der Öffentlichkeit präsentierte. Zu diesem Zweck hatte sie ihr bisheriges Side-Projekt Jettes (französisch für „Weggeworfenes“) als Bandleaderin und Songwriterin übernommen und bereits erstes Material präsentiert. Die folgenden Lockdown-Phasen nutzte sie dann dazu, ein ganzes Album zu schreiben, auf dem sie unter anderem ihre Eindrücke und Erlebnisse in der Pandemie unter dem Titel „Wasteland“ zusammenfasste und nun - als Laura Lee & The Jettes – der Welt präsentiert.

Im Herbst 2019 spielten Gurr ja noch auf dem Reeperbahn-Festival, wo sich Andreya dann bei einem Sturz von der Bühne verletzte. Wann ging das dann mit dem Jettes-Projekt so richtig los?

"Ich habe schon damit angefangen, als wir noch mit Gurr gespielt haben“, berichtet Laura Lee, „aber so richtig ernsthaft verfolgt oder dafür geschrieben habe ich eigentlich erst im letzten Jahr. Das hat mich auch so ein bisschen durch die Pandemie gebracht. Es war wichtig irgend etwas zu haben, als plötzlich alles irgendwie so weggebrochen ist, was mir eine Struktur gegeben hatte – insbesondere die Live-Konzerte. Ich habe ja immer zwischen Shows und Freizeit gelebt – und als das weggebrochen ist, hat mir das Schreiben für diese Solo-Platte eine Struktur und ein Ziel gegeben."

Dabei hatte Laura ja zunächst gar nicht alles alleine gemacht, oder?

"Nein“, bestätigt Laura, „ich hatte das Projekt mit Melody Connor begonnen, um Ideen auszutauschen und gemeinsam Songs zu schreiben. Melody ist jetzt aber nicht mehr bei der Band ist. Er hatte mir immer Songs von sich geschickt, die ich dann zu Ende geschrieben habe – und dann hat er aber wieder seine eigenen Sachen gemacht und ich habe gemerkt, dass die Band, mit der ich jetzt zusammen spiele total cool ist. Das ist sowieso cool in Berlin, dass man da immer neue Leute kennenlernt. Ich habe so lange mit Andreya zusammen Musik gemacht, dass ich es super spannend finde, auch mal mit anderen Musikern – die alle auch ihre eigenen Projekte haben – zu arbeiten. Nach dem Motto: Was machen die denn wohl, wenn ich Ihnen mal einen Song hinwerfe? Und das macht gerade total Spaß."

Das Album klingt auch sehr gut. Was war denn die Aufgabe des Produzenten in diesem Zusammenhang?

"Ja, die Scheibe ist ja von Max Rieger von den Nerven produziert worden“, berichtet Laura, „und der hat auch Großes dazu beigetragen, dass sie so klingt wie sie klingt. Wir haben vorher viel zusammen Musik gehört und überlegt, wie die Scheibe dann klingen sollte. Wir sind beide Fans von dem britischen Produzenten Dan Carey, der auch die Fountains D.C. produziert hat. Wir haben uns dann überlegt, welche Sounds wir genau haben wollten und Max ist jemand, der das auch gut umsetzen kann. Er hat die Sache nicht nur aufgenommen, sondern auch gemischt. Es ist auf jeden Fall auch ein Vorteil, wenn man jemand hat, der nicht zur Band gehört, der dann noch mal einen Blick darauf wirft."

Gab es denn überhaupt ein stilistisches Ziel, als Laura Lee & The Jettes ins Studio gegangen sind?

"Ja also ich glaube, ich pusche mich immer schon, so weit zu gehen, wie ich es kann“, überlegt Laura, „da ist Gurr auch super-wichtig gewesen, denn man reift so ja auch als Songwriterin und wir haben uns auch gegenseitig inspiriert. Für mich ist diese Scheibe aber schon etwas reifer von Songwriting her – was ich aber auch erst mal lernen musste. Ich wollte die Platte einfach in der Zeit, die ich zur Verfügung hatte, so gut machen, wie ich konnte. Ich wollte einerseits auch Songs mit guten Arrangements machen – aber andererseits auch solche wie 'Caterpillar' haben, die eigentlich nur von einer Idee leben – wie damals beim Krautrock. Was mir super-wichtig war, waren die Soundscapes. Wenn ein Song ja nur auf einem Element beruht, dann muss auf vielen Ebenen auch viel passieren – so wie zum Beispiel auch bei elektronischer Musik."

Das bringt uns natürlich zu der Frage, was einen guten Song für Laura überhaupt auszeichnet?

„Das ist voll unterschiedlich“, räumt sie ein, „'Caterpillar' habe ich zum Beispiel geschrieben, weil ich mich darin verlieren wollte. In der Pandemie habe ich auch gemerkt, wie manchmal die Zeit so überhaupt nicht zu vergehen scheint – und immer wenn ich mich an das Album gesetzt und daran geschrieben habe, dann habe ich gemerkt: Krass jetzt sind schon wieder 4 Stunden vergangen und ich wusste nicht wo sie hin waren, weil ich so drin war. Nach solch einem Gefühl der Zeitlosigkeit suche ich dann auch. Das holt mich auch aus Gedankenstrudeln raus, wo ich darüber nachdenke, was ich denn mit meinem Leben machen soll. Es geht dann schon darum, sich auch ein bisschen eskapistisch in eine andere Welt zu träumen."

Das was Laura Lee & The Jettes machen, ist ja per Definition nichts wirklich Neues – auch wenn sie immer genau die richtigen Ingredienzen zusammenzuwürfeln scheint. Hat es das Thema der eigenen musikalischen Identität für sie gegeben?

„Also ich hatte schon mal Bock, was Eigenes zu machen. Es ist ja so, dass man sich gegenseitig auch inspiriert. Was bei Gurr so ein bisschen reingestreut hat, war zum Beispiel dass ich immer diejenige war, die sehr gitarrenfokussiert war. Unsere Geschmäcker haben sich schon auch überschnitten, aber Andrea hat auch immer viel Elektronik und Hip Hop und Pop gehört. Ich hatte jetzt richtig Bock, eine eigene Sache zu machen, die sich an den ganzen Sachen orientiert, die ich mag. Ich finde dass ich da auch nicht das Rad neu erfinden muss. Aber man bringt natürlich immer auch etwas Eigenes rein. Ein Album wie dieses hätte es in den 90ern nicht gegeben und es hätte auch nicht so geklungen. Nimm zum Beispiel die Sache mit den Krautrock-Bands: Da gibt es kaum welche mit Frauen – und alleine das ist schon etwas Besonderes. Ich hatte einfach Bock meine Perspektive auf diese Stile zu projizieren."

Das Album heißt ja „Wasteland“ - ist das Laura's Sichtweise auf die Pandemie? „Das war ein bestimmtes Gefühl“, beschreibt Laura, „die Platte fängt ja düster an – aber es war ja auch ein mega-düsteres Jahr mit der Pandemie und der Klima-Krise, den Flüchtlingen und was in Amerika mit George Floyd geschehen ist. Es gibt so viel 'Fucked-Upness' in der Welt, die Du nur auf dem Bildschirm siehst und fühlst Dich total machtlos und entfernt von Menschen und dem Guten im Menschen. Ich glaube das war erstmal die düstere Stimmung aus der sich dann aber das Album auch immer mal raushebelt."

Mal anders gefragt: Hat Laura aus der Situation dieses Jahres denn etwas für sie Positives herausziehen können?

"Hm“, zögert sie, „da müsste ich erst mal drüber nachdenken. Was für mich positiv war, dass ich in dieser Zeit mit meinem Partner Marco – der ja auch für die die Visuals für die Band zuständig ist und somit auch die Identität prägt – immerhin in einer Zweizimmer-Wohnung in Berlin eingesperrt war und nicht in einer Einzimmerwohnung eingesperrt war und wir uns gut verstanden haben. Auch wenn es beschissen war, dass mir das Einkommen weggebrochen ist und ich mir jetzt wieder einen Nebenjob suchen musste und nicht von meiner Musik leben konnte, ging es uns trotzdem gut. Und da bin ich ja glücklicher dran als zum Beispiel Frauen, die mit einem gewalttätigen Mann zusammen weggesperrt waren. Das war ein heilsamer Reality-Check, dass ich da meine Bubble um mich herum hatte, in der ich mich auch sicher fühle. Das hat natürlich auch viel verändert. Berlin war ja eine richtige Geisterstadt und es ist jetzt dann auch wieder interessant zu sehen, wie es langsam wieder erwacht und neu erwacht. Jetzt merkt man erst wieder, was Berlin auch so geil macht – die Musik und die Szene und die Leute, die hier leben."

Was ist auf der kreativen Seite die Herausforderung für Laura?

„Ich glaube, meine eigene Selbstkritik immer wieder zu überwinden“, überlegt Laura, „ich glaube, das ist immer der größte Kampf den ich habe. Ich glaube nämlich immer, dass alles nicht gut genug ist und ich selbst meine härteste Kritikerin bin. Das ist jetzt gerade auch wieder so. Da habe ich ein Album fertig und denke schon: 'Oh Gott ich werde nie wieder so ein gutes Album oder einen so guten Song schreiben können'. Denn man fängt irgendwie immer wieder von Neuem, aus dem Nichts heraus, an. Ich habe von Farin Urlaub gehört, dass er jedes Mal ein paar gute Songs nicht auf das Album packt, damit er weiß, dass er etwas Neues schreibt, dass er etwas hat, auf das er zurückgreifen kann. Ich gebe aber immer wirklich alles – das Beste, was ich geben kann – und danach bin ich halt leer."

Wenn die Pandemie es zulässt, wollen Laura Lee & The Jettes dann im nächsten Frühjahr auf Tour gehen – und mit einem Besuch beim SXSW-Festival dann auch den Schritt in die USA wagen. Gut möglich, dass das dann der nächste Schritt in Richtung World-Domination für Laura Lee ist. Musikalisch würde es passen.

Video „Absolut“ https://www.youtube.com/watch?v=bfyCofpfkfM

Aktuelles Album: Wasteland (Duchess Box Recods)



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