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SIMON JOYNER

Ein Stück vom Leben

SIMON JOYNER

Wagemutig, intensiv und überraschend: In seiner Einzigartigkeit steht der aus Omaha, Nebraska, stammende Singer/Songwriter Simon Joyner in einer Reihe mit gefeierten Anti-Helden wie Bonnie ´Prince´ Billy, Bill Callahan oder The Mountain Goats, doch anders als seine Seelenverwandten hat er sich nie beflissen gezeigt, den Status des Kult-Troubadours abzuschütteln. Jetzt erscheint mit ´Pocket Moon´ sein nächstes kleines Meisterwerk, bevor noch im November auch Konzerte in Deutschland anstehen.

Mit faszinierender Leichtigkeit gelingt es Simon Joyner seit inzwischen mehr als 25 Jahren, die Poesie im Alltäglichen zu finden und Geschichten, die in ihrem Kern auf eigenen Erfahrungen in seinem persönlichen Umfeld beruhen, mit Allgemeingültigem zu verknüpfen und die in seinen Songs verborgenen Weisheiten zu einem Leitfaden für die mentalen und emotionalen Hürden des Leben zu machen. Das gilt ganz besonders auch für sein neues Album. Denn wo der famose Vorgänger ´Step Into The Earthquake´ ein Abgesang auf die amerikanischen Mythen war, erinnern die klanglich betont behutsam in Szene gesetzten ´Pocket Moon´-Songs mit geradezu cineastischem Kammerspiel-Flair bisweilen an Szenen aus Alfred Hitchcocks voyeuristischem Meisterwerk ´Das Fenster zum Hof´. Sie spiegeln so zumindest teilweise ihre Entstehung bei einem verlängerten House-Sitting-Aufenthalt in Idaho wider, der Joyner bei langen Spaziergängen Zeit und Muße gab, die Irrungen und Wirrungen seines eigenen Lebens wie ein Außenstehender ins Visier zu nehmen.

Was die mit brüchiger Stimme, aber doch ungemein eindringlich vorgetragenen Lieder eint, ist das Gefühl der Intimität, mit dem der 48-jährige Amerikaner selbst bei schwierigen Themen nie sein unfehlbares Gespür für musikalische wie textliche Details verliert. Bei praktisch jedem Song schüttelt er sich zudem Zeilen aus dem Ärmel, deren Brillanz andere Songschreiber vielleicht nur einmal im Leben erreichen: Spiegelbild seiner Entwicklung als Songwriter, der sich in seinen gerne rabenschwarzen, aber oft auch mit subtilem Humor gespickten Liedern nicht scheut, Freunde, Familienmitglieder, Bandkollegen oder Nachbarn beim Namen zu nennen.

„Ich denke, als ich angefangen habe, Songs zu schreiben, habe ich Katharsis für meine Charaktere angestrebt, jetzt dagegen bin ich mehr daran interessiert, was sie motiviert“, erklärt er im Westzeit-Interview. „Ich muss nicht unbedingt wissen, wie die Geschichte für sie endet. Ich möchte mich auf die Mitte stürzen und herausfinden, warum Menschen überhaupt Probleme haben und warum sie sich ändern können oder nicht. Auf diese Weise können Songs wie Kurzgeschichten sein: ein Stück vom Leben!“

Aus Folk, Country und Rock formt Joyner Songs, die bei aller Eigenwilligkeit in den besten Momenten doch auch eingängig sind und stets seine unverwechselbare Handschrift tragen. Nachdem er zuletzt mit ´Grass, Branch And Bone´ die akustische Seite seines Schaffens betont hatte und bei ´Step Into The Earthquake´ mit naturbelassenen, oft wunderbar heimeligen Live-im-Studio-Aufnahmen auf den Spuren von Bob Dylans Thin-Wild-Mercury-Sound wandelte, vereint ´Pocket Moon´ nun das Beste beider Ansätze. Budget- und Zeitgründe führten dazu, dass die LP in Phoenix, Arizona, mit Musikern eingespielt wurde, die hier erstmals mit Joyner und seinem langjährigen Produzenten Michael Krassner zusammenarbeiten. Doch das Verlassen der eigenen Komfortzone war Teil des Konzepts.

„Ich bin immer offen dafür, neue Dinge auszuprobieren und auf das Beste zu hoffen“, unterstreicht Joyner. „Je weniger vorher bekannt oder vorbereitet ist, desto natürlicher sind die Performances. Deshalb ziele ich immer darauf ab, alles betont ungezwungen anzugehen und die Musiker vorab im Dunkeln zu halten.“

Auch über den Sound der LP hatte er sich im Vorfeld keine großen Gedanken gemacht, um im Studio offen für die Vorschläge und Ideen seiner neuen Mitstreiter zu sein.

„Der Klang, der dir vorschwebt, lässt sich bei den Aufnahmen eh nicht realisieren“, ist er überzeugt. „Er existiert nur deshalb in deinem Kopf, um dich nach etwas Unerreichbarem suchen zu lassen. Die Suche nach einem Sound, den du nicht finden kannst, bringt dich dann zu dem Sound, den du brauchst.“

Aktuelles Album: Pocket Moon (BB*Island / Cargo)


Weitere Infos: SimonJoyner.net

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