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WILD RIVERS

Besser denn je

WILD RIVERS

Nominell gilt das in Toronto gegründete Trio Wild Rivers immer noch als kanadische Band. Nur ist das so, dass die Band heutzutage ihren Fokus eher auf die USA verlegt hat. Devon Glover, die das Projekt 2016 noch an der Uni zusammen mit Khalid Yassein ins Leben rief, lebt heute in Los Angeles während Khalid Yassein sich vorzugsweise in Nashville aufhält. Nur der dritte Mann, Mutliinstrumentalist Andrew Oliver lebt noch in Toronto. Das ist deswegen wichtig zu wissen, weil das erklärt, dass sich das inzwischen zur Band mutierte Projekt nicht über typisch kanadische Elemente – wie z.B. Folk-, Folkpop oder Country-Stilistisken definiert, sondern sich auf dem dritten Album „Never Better“ einem transnationalen, organischen Indie-Pop-Sound mit Soul- und Westcoast-Elementen verschrieben hat und dabei mit renommierten US-Produzenten wie dem Pop-Spezialisten Sasha Sloan und dem Indie-Connaisseur Gabe Wax zusammenarbeiteten. Khalid Yassein steht uns stellvertretend für seine beiden Band-Kollegen für ein Gespräch zur Verfügung.

„Sidelines“ - das letzte Wild Rivers Album – war ja umständehalber das Pandemie-Projekt für das Trio geworden. Mit welchem Mindset sind Wild Rivers denn das neue Projekt angegangen? Der Titel des Albums „Never Better“ lässt ja zumindest vermuten, dass der Pandemie-Blues da bereits hinter den Musikern lag.

„In der Zeit zwischen dem letzten Album und dem neuen sind wir vor allen Dingen viel getourt“, berichtet Khalid, „das war ein großes Ding für uns. Die Sache war die, dass wir während der Pandemie tatsächlich viele Fans online hinzugewonnen hatten und somit sehr viel mehr Leute zu unseren Shows nach der Pandemie kamen, als zuvor. Wir hatten dann auch ein neues Line-Up für unsere Band und einen Drummer und einen Bassisten gefunden, die einfach wahnsinnig gute Musiker sind. Wir haben also zwischen den Alben ca. 200 Shows gespielt und sind dabei als Band sehr viel besser geworden. Wir haben gelernt, was das Publikum von uns erwartete und mochte und dadurch sind unsere Shows größer geworden. Früher haben wir oft Akustik-Shows gespielt und jetzt wurden daraus richtige Rock-Shows – was super Spaß gemacht hat. Wir wollten dann diese Energie so gut wie möglich ins Studio transportieren. Viele der neuen Songs sind dann tatsächlich Gitarren-Songs geworden und viele der Sachen haben wir dann auch erstmals live zusammen in einem Wohnzimmer-Setting eingespielt. Kurzum: Wir haben versucht die Magie einzufangen, die uns als richtige Band auszeichnet. Das ist dann der größte Unterschied, denn wir fühlen uns heutzutage mehr denn je als Band."

Und welche Folgen hatte das dann bei der Produktion?

„Nun, wir waren dann so selbstbewusst, auch mal Takes zu verwenden, die auf dem Papier vielleicht ein paar kleine Fehler und Unebenheiten hatten, aber das Herz der Musik dann doch da war. Das war tatsächlich anders als bei unserer letzten Scheibe, wo wir alles Schritt für Schritt gemacht haben und alles auf Hochglanz poliert hatten. Dieses Mal haben wir uns einfach gesagt: 'Wir sind jetzt hier, wir sind eine Band und wir spielen jetzt.' Es kommt natürlich immer auf die Songs an – manche Songs wie 'Anyways I Love You' boten sich geradezu an, diese – inklusive des Gesangs – live in einem Raum einzuspielen. Es war das erste Mal das wir das gemacht haben – ohne Metronom oder so etwas. Andererseits machen wir ja auch Pop-Musik wie den Titeltrack oder 'Hardly Ever', wo das einfach nicht geht, dass alle zusammen in einem Raum spielen. Wo immer das aber möglich war, haben wir es auch gemacht. Denn dieses Live-Feeling funktioniert auf zwei Ebenen: Denn damit lassen sich alle Nuancen und Imperfektionen einfangen und auch das geistige Engagement der Band."

Unter dem Strich wirkt das neue Album denn auch deutlich optimistischer als zuvor. Nicht notwendigerweise alleine musikalische, sondern was die Art betrifft, wie in den ausgewogenen Lyrics – in denen es Beziehungs-Szenarien verschiedener Art geht - immer beide Seiten der Medaille betrachtet werden, nicht nach Schuldigen, sondern eher nach Lösungen gesucht wird und somit auch melancholischere Tracks wie 'Anyways I Love You' oder 'Everywhere I Go' durch die versöhnlichen Botschaften eine tröstliche, hoffnungsvolle Note haben.

„Ja – damit hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen“, pflichtet Khalid bei, „das ist das Thema des Albums. Wir sind schon der Meinung, dass es im Leben darum geht, Probleme zu lösen. Beziehungen haben so komplexe Aspekte, die es alle zu betrachten gilt. Wir sind aber nun an einem Punkt in unserem Leben angekommen, an dem wir positiv denken können. Unsere Karrieren laufen gut und wir fühlen uns verbundener denn je. Wir spüren auch, dass wir die beste Band sind, die wir je waren – so dass wir das Album 'Never Better' nennen konnten. Der Song selbst handelt von einer Beziehung, die sich vielleicht nicht ganz richtig anfühlt, die man aber trotzdem weiterführen möchte, weil man nur die positive Seite der Sache sieht.“

In einem älteren Interview sagte Devon Glover, dass – zumindest ihre früheren Texte – oft auf Tagebucheinträgen basierten. Wie sieht das denn heutzutage aus? Kommt da vielleicht auch die Fiktion ins Spiel oder bleibt es bei den Diary-Basics?

„Beides, denke ich“, erklärt Khalid, „wir schreiben Songs auf alle möglichen Arten – versuchen aber immer irgend etwas realistisches als Kern herzunehmen. Ich persönlich schreibe mein bestes Material, wenn zumindest der Kern real ist. Wenn wir früher Trennungslieder geschrieben haben, dann ging das immer um meine Trennung. Wir haben aber inzwischen mehr erlebt und jeder hat seine eigenen Beziehungen gehabt, so dass wir von so vielen unterschiedlichen Erfahrungen zehren können. Es ist also immer noch vieles autobiographisch – oder es geht um Menschen aus unseren Leben. Man muss als Songwriter aber auch in verschiedene Richtungen blicken – was schwierig sein kann."

Worum ging es denn Wild Rivers insgesamt auf dieser Scheibe?

„Na ja, manchmal wird das erst im Nachhinein deutlich. Man muss dann halt aus dem Dickicht hervortauchen, damit man die Bäume im Wald sehen kann. Wir sind im allgemeinen positiv gestimmte Leute und wollten Spaß haben. Das wollten wir dann auch auf der Bühne vermitteln. Ich mag es, wenn die Leute singen und tanzen und eine gute Zeit haben – das war das Ziel, dass wir auch mit dieser Scheibe anpeilten. Mich freut es aber auch, wenn die Leute nach der Show zu mir kommen und mich auf die 'cry in your bedroom-songs' ansprechen und mir sagen: 'Oh – ich wusste gar nicht, dass Du all diese komplexen Gefühle hast'. Im Großen und Ganzen wollten wir aber Spaß haben.“

Dann sei noch eine Frage erlaubt: Auf der Scheibe befinden sich 8 Tracks, von denen der letzte kein Song ist, sondern ein (ziemlich abstraktes) Instrumental das den Untertitel „Interlude“ - also Zwischenspiel – trägt. W.T.F.?

„Ähem“, räuspert sich Khalid, „diese Idee wird sich den Fans erst in einer Weile erschließen. Es ist zunächst mal ein geheimer Song. Das war Andrews Idee. Wir probieren ja alles mögliche während der Produktion aus, spielen herum, schieben uns Ideen zu und remixen Vieles. Er hat dann Sprachnachrichten aus der Home-Recording-Phase, Mitschnitte von Unterhaltungen, Soundbites zu einer Art Zeitkapsel über den Aufnahmeprozess für uns gemacht.“ Ja gut – aber wenn dieser Track am Ende der Scheibe steht, bedeutet das doch vermutlich, dass das eine Transition zur nächsten Scheibe andeutet, oder? „Das ist eine interessante Theorie – aber da muss ich von meinem Schweigerecht Gebrauch machen. Ich bestätige das also keinesfalls.“

Aktuelles Album: Never Better (nettwerk) VÖ: 26.07.


Weitere Infos: https://www.wildriversmusic.com/ Foto: Justin Broadbent

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