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MASSENDEFEKT

Klassenfahrt verschoben

MASSENDEFEKT

Es hatte den Anschein, als würde sich die Massendefekt-Maschinerie in den vergangenen Jahren gerade erst so richtig in Bewegung setzen, da drängelt sich Anfang 2020 ein Schwein namens Corona dazwischen und legt gemeinerweise nicht einmal die Band, sondern einfach alles rundherum lahm. Aber Halt! Ganz so schwarz darf man im Fall der Düsseldorfer Punkrocker nicht malen. Schließlich haben „Neu-Gitarrist“ Nico - immerhin seit 2018 dabei - und ich nicht vor, das Begräbnis von Massendefekt zu besprechen - vielmehr geht es darum, jetzt erst recht am Ball zu bleiben und alle Ziele, die man sich gesteckt hat, irgendwann auch zu erreichen. Und nach dem erquickenden Plausch bin ich mir sicher: wenn hier jemand diese Zeit unversehrt übersteht, dann dieses Kollektiv aus Kindern im Manne, das Nicos Musikerleben im September vor zwei Jahren in eine ganz neue Spur lenkte.

„Ich glaube das ändert sich nie, egal wie alt man ist. Wenn man mit seinen Freunden im Tour-Bus unterwegs ist, ist das wie eine große Klassenfahrt. Nach meinem Einstieg sind wir sofort auf die Herbst-Tour gegangen und die dritte Show war der Support für die Toten Hosen in der Arena vor 20.000 Leuten. Dann noch das Heimspiel vor 3500 eigenen Fans in Düsseldorf, das war gleich mehr Rock´n´Roll als ich vorher im Leben hatte."

Und dieser Zuwachs an Lebensqualität soll jetzt schon wieder wegbrechen? Das mag keiner von uns wirklich glauben, aber Fakt ist nun mal, dass dieses vermaledeite Virus jede Release-Show verhindert und die Freude am Feiern einer Veröffentlichung gewaltig trübt

"Die erste Corona-Phase hatte uns ja gar nicht so hart getroffen, weil wir eh in der Album-Produktion waren. Jetzt aber sind wir in der Phase, wo das Album rauskommt und du gerne den Kram spielen würdest und mitbekommen möchtest, wie Menschen darauf reagieren. All das fällt nun weg, weil du den Menschen kaum 1:1 in die Augen sehen kannst."

Nichtsdestotrotz sind da ja ebenjene Fans, die nach Massendefekt-Auftritten dürsten und die wurden zuletzt immer mehr. Gibt es auf Künstler-Seite da Ideen, wie man die bestehenden Bedürfnisse stillen könnte?

"Unser Autokino-Konzert und das Open Flair-Insel-Festival im Sommer waren schon ganz schön und die Hoffnung auf das Frühjahr ´21 stirbt zuletzt. Aber dieses schreckliche Wort Corona-Maßnahmen dürfte uns so oder so noch eine Weile begleiten und Konzerte mit Abstand werden vielleicht die Form, an die wir uns vorerst gewöhnen müssen. Die Möglichkeiten sind begrenzt und es wird wohl so aussehen dass wir uns über die gängigen Plattformen vermehrt digital mit den Leuten connecten."

Dem tristen Alltag, der ja weit mehr als die Live-Szene hart getroffen hat, konnten Massendefekt zumindest noch kurz vor der Pandemie für eine Weile entfliehen, als man sich für den Songwriting- und Aufnahme-Prozess in ein auf einen gesunden Mix aus Wellness und Arbeit ausgelegtes Ferienhaus in Holland begeben hatte.

"Nachdem Claus unbestritten eine große Lücke bei Massendefekt hinterlassen hatte, war das Songwriting betreffend vielem ungewiss. Mit den 12 bis 15 Song-Layouts, die wir bereits hatten, sind wir mit unseren Familien und Hunden ergebnisoffen losgefahren und mit neun fertigen Songs zurückgekehrt. Nicht alle davon haben es aufs Album geschafft, aber wir haben uns erstmalig einen Luxus gegönnt, der sehr förderlich auf vielen Ebenen war. Ich glaube auch, dass sich die gelöste Stimmung dieser Zeit auf das Album übertragen hat und den Zusammenhalt der Band gestärkt hat."

Man muss natürlich nicht glauben, dass das erhöhte Maß an Urlaubsfeeling dazu geführt hat, dass die Songs an Spannung und Energie verloren haben. Das Gegenteil ist der Fall: vielleicht beziehen Massendefekt auf diesem Album stärker als je zuvor Stellung, gerade gegen Rechts, gerade gegen Gleichgültigkeit. Mit Songs wie „Schiffbruch“ und „Totes Land“ weist man Nationalisten klar in die Schranken und „Autopilot“ zeigt deutlich die Notwendigkeit, sein eigenes Handeln immer wieder zu hinterfragen. Stichwort Handeln: Ein sympathisches Projekt, das man im vergangenen Monat mit dem Herzensverein Fortuna aus der Taufe gehoben hat, ist eine Merch-Kollektion, die ein gemeinsames Motiv von Verein und Band als Grundlage hat und dessen Einnahmen der Aktion „Vision:teilen“ zugute kommen.

„Für uns war es natürlich eine tolle Sache, dass die Fortuna uns zum 20-jährigen mit einem Trikot überrascht hat und uns die Möglichkeit gegeben hat, ein gemeinsames Design zu entwerfen. Wenn der Club und wir auf diesem Wege neue Fans gewinnen und einen guten Zweck unterstützen können, ist das eine super Sache."

So viel Positives von einer positiv denkenden Band. Da bleibt nur zu hoffen, dass nicht nur für Massendefekt alle abgesagten Klassenfahrtstermine bald nachgeholt werden können.

Aktuelles Album: Zurück Ins Licht (MD Records / Warner)

Foto: Christian Thiele

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