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DI-RECT!

Alles gut!

DI-RECT!

Das niederländische Ensemble Di-Rect ist ein Phänomen, wie es sich ansonsten wahrlich nicht so häufig finden lässt. Hier haben wir eine Band, die 20 Jahre im Geschäft ist und in der niederländischen Heimat spätestens seit 2009 – als der charismatische Frontmann Marcel Veenendaal das Ruder in die Hand nahm – zu den absoluten Top Acts gehört, mit Auszeichnungen wie dem Dutch Edison Award (der auch als „niederländischer Grammy“ bekannt ist) geehrt wurde, mit ausverkauften Touren Triumphe feiert und regelmäßig mit Songs wie „Soldier On“ von dem neuen Album „Wild Hearts“ in den Charts landet.

Das alles, ohne auf aktuelle Trends und Moden zu setzen, sondern für so ziemlich alle Stilrichtungen zwischen organischem Rock und Pop, aber auch für Disco-, Glam-, New Wave- oder Soul-Sounds empfänglich zu sein. Nur: In unseren Breiten sind Di-Rect bislang ein eher unbeschriebenes Blatt. Das soll sich nun ändern, denn nachdem „Wild Hearts“ in Holland wie erwartet zu einem Kassenschlager geworden ist, erscheint es nun auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Nur der Plan, den musikalischen Eroberungsfeldzug mit einer Tour begleiten zu wollen, musste natürlich erst mal auf Eis gelegt werden, denn – wie so viele andere – kam auch für Di-Rect die Corona-Krise nicht eben passend. 
Tatsächlich gerieten Di-Rect bei der Produktion des Albums sogar in die Lockdown-Querelen, wie Marcel berichtet:

„Ja, wir hatten vor der Corona-Krise in Berlin gerade mal vier Tracks aufgenommen“, berichtet Marcel, „dann kam der Lockdown. Das fühlte sich komisch an, da wir es mögen, aufeinanderzuhocken und uns gegenseitig Vorschläge zu machen. Man hat uns dann sogar vorgeschlagen, die Arbeiten zu unterbrechen. Wir haben uns dann aber gesagt: Warum sollen wir warten, wenn wir doch gerade im Schwung sind? Wir haben dann die restlichen Songs in den folgenden sechs Monaten aufgenommen.“ 
Hat dieser Prozess auch das Songmaterial selber beeinflusst? Denn das ganze Album scheint unter dem Thema Beharrlichkeit zu stehen. Standen früher öfter persönliche Erwägungen im Vordergrund, so strahlt das neue Werk eine geradezu kämpferische, optimistische Note aus.

„Natürlich“, bestätigt Marcel, „jeder Song ist unter dem Eindruck dessen, was wir – als Spezies - gerade durchlebten entstanden. In dieser Pandemie stand jeder für sich alleine und wir hatten eine Menge Zeit in uns hineinzuhorchen. Unsere Regierungen verlangen ja gerade eine Menge von uns und das filtert dann auch in unsere Musik. Wir haben uns mit den ganzen Unsicherheiten, den Rassismus-Sachen und den Problemen beschäftigt, die uns auseinanderdividieren könnten.“
Nun ist das ja so, dass inzwischen eine ganze Menge Acts ihre „Lockdown-Scheiben“ realisiert haben. Meistens kommen dabei ja eher düstere oder zumindest besinnliche Sachen heraus. Nicht so im Falle von Di-Rect. Hier wirkt das eher wie eine enthusiastische Aufforderung, die Probleme konstruktiv anzugehen.

„Da hast Du wohl recht“, bestätigt Marcel, „mag ja sein, dass die Texte zuweilen eher düster sind. Es geht aber vor allen Dingen darum, hoffnungsvoll zu sein. Der Song 'Born Again' fasst das schön zusammen. Wir möchten zumindest annehmen, dass wir auf positive Art wiedergeboren werden können. Und dazu müssen wir mit dem Finger zuerst auf uns selbst zeigen. Nur Du selbst kannst die Sache hinkriegen. Das war nicht beabsichtigt, sondern kam durch die Situation.“

Und hat das die Band enger zusammen gebracht?

„Auf jeden Fall“, pflichtet Marcel bei, „es ist ja normalerweise nicht so, dass jeder in gleicher Weise am Kreativen Prozess beteiligt ist. Dieses Mal hat aber sogar der Drummer seine Ideen eingebracht. Alle haben mitgemacht.“
Wie sind Di-Rect das Album denn musikalisch angegangen? Das Ganze strotzt ja geradezu vor großen musikalischen Gesten, hymnischen Melodien, knackigen Hooklines und eingängigen Refrains.

„Wir sind als Band ja schon 20 Jahre im Geschäft und ich bin seit 10 Jahren dabei“, erläutert Marcel, „in der ganzen Zeit haben wir immer nach einem Anzug gesucht, der uns allen passt. Alle haben ihre ganz eigenen musikalischen Geschmack. Deswegen haben wir unser Material dem Produzenten, Niels Zuiderhoek, gegeben und ihn dann auswählen lassen. Er hat aus 30 möglichen Song dann die ausgesucht, die seiner Meinung nach ein kohärenten Ganzes abgeben könnten – weil das unser Ziel war. Angefangen haben wir ja als Punkrock-Band – wir haben uns aber auch mal an der Soulmusik versucht. Was wir auch lieben, ist diese großen Gesten zu machen – speziell auch auf der Bühne. Weißt Du, wir haben so viele Schattierungen, dass wir dieses Mal unbedinbgt etwas schlüssig zusammen passendes machen wollten. Die Talking Heads oder Arcade Fire sind da Inspirationen für uns. Für uns hieß es, alle unsere Egos beiseite - und die Band das Ego sein zu lassen. Das war übrigens sehr effektiv.“

Und wie würde Marcel das Ergebnis dieses Prozesses beschreiben?

„Das Ergebnis ist eine Art Foto-Album, das den Moment einfängt, ab dem wir uns befunden haben, als wir die Scheibe aufnehmen. Wichtig ist uns dabei, brutal ehrlich zu sein und nichts zu beschönigen.“
Was will uns denn der Titel „Wild Hearts“ sagen? Geht es dabei vielleicht darum, die eigene Identität zu finden?

„Also was wir damit ausdrücken wollen, ist, dass wir daran glauben, dass jeder Mensch irgendwie gut ist“, führt Marcel aus, „man wird ja nicht böse geboren und Du musst Deinen Weg in dieser großen Welt finden. Dabei müssen wir alle mit diesen Emotionen umgehen - und wenn wir uns selbst als gute, liebende Menschen begreifen, dann bräuchten wir ja keine Angst mehr vor dem Leben zu haben. Hm – wie soll ich das beschreiben? Es ist manchmal nicht so einfach, solche Ideen zu erklären.“

Nun – das muss ja auch nicht sein, denn schließlich bleibt so für den Zuhörer ja auch noch genügend Raum, sich selbst ein Bild zu machen.

Aktuelles Album: Wild Hearts (Backseat / Soulfood)

Foto: Set Vexy


Dezember 2020
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