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AGNES OBEL

Das große Mysterium

AGNES OBEL

Das letzte Album der in Berlin lebenden und arbeitenden Dänin Agnes Obel war von dem typisch deutschen Begriff des gläsernen Bürgers inspiriert, hieß ´Citizen Of Glass´ und beschäftigte sich mit dem Thema Transparenz. Auf dem nun vorliegenden vierten Album hat sich Agnes das Thema „Myopie“ - also die Kurzsichtigkeit – vorgenommen. Da bei Agnes Obel aber nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint und sie zudem eine wahre Meisterin darin ist, durch Verändern der offensichtlichen Perspektive zu ganz überraschenden Erkenntnissen zu gelangen, wundert es nicht, dass Agnes die Kurzsichtigkeit in dem Fall nicht als Handicap betrachtet, sondern als Möglichkeit, sich konkret auf naheliegende Dinge fokussieren zu können.

„Ja“, bestätigt sie, „bei mir ist das so, dass ich die Kurzsichtigkeit sogar brauche, um etwas erschaffen zu können. Es ist sowieso so, dass ich schnell von Umwelt-Aspekten abgelenkt werde. Ich muss mich diesen also irgendwie entziehen. Ich weiß gar nicht, warum das so ist – es ist aber für mich absolut notwendig. Ich betrachte die Kurzsichtigkeit dabei also durchaus kritisch – aber auch als Voraussetzung für den hier angestoßenen kreativen Prozess aus der Phantasie Ideen zu entwickeln.“

Das bringt uns zu einem interessanten Aspekt: Wenn man kurzsichtig ist, muss man sich dem, was es zu betrachten gilt, ja annähern. Heißt das, das Agnes so eine engere Verbindung zu ihren Ideen, Themen und ihrer Musik hat?

„Ob ich näher an dem dran bin, an dem ich arbeite?“ überlegt sie, „ich denke, das könnte man sogar so sagen. Wenn ich an einem Song arbeite, erschaffe ich zuerst einen Geisteszustand für diesen Song. Der Weg das zu erreichen, ist für mich, von dem, wovon der Song handelt, geradezu besessen zu sein. Das möchte ich dann nicht nur in der Art, wie ich den Song schreibe, sondern auch in der Produktion zum Ausdruck bringen.“

Ein Aspekt, der auf dem neuen Album besonders ins Ohr fällt, ist der Umstand, dass Agnes die Stimmen und teilweise auch die Instrumente mit Effektgeräten wie Harmonizern oder Pitch-Shiftern in der Tonhöhe verändert, und somit dann – sozusagen – in mehreren Tonlagen gleichzeitig agiert. Ansatzweise gab es das bereits auf dem letzten Album ´Citizen of Glass´, jedoch wird es auf Myopia zu einer Art Leitmotiv. Was ist der Grund für diesen Ansatz? Denn anstatt mit elektronisch veränderten Elementen zu arbeiten – was sehr schwierig ist – hätte Agnes doch auch gleich in den angestrebten Stimmungen und Tonhöhen arbeiten können.

„Schön, dass Du anmerkst, dass es schwierig ist, mit verschiedenen Tonhöhen gleichzeitig zu arbeiten“, freut sich Agnes, „denn das ist es – und außerdem verändert sich so auch das ganze Zeitgefüge. Auf dem letzten Album ging es ja um die Veränderung der Perspektive durch die Kommunikationstechnologien. Da bekam ich auch die Idee für 'Myopia' her, denn in meinem Kopf geht es auch darum, Dinge zu verändern. Ich nutze meinen Geist, interessante Dinge zu erschaffen – bin aber gleichzeitig sehr unsicher, was meine Urteilsfähigkeit angeht. Denn ich zweifele manchmal an meiner Wahrnehmung, weil ich weiß, dass ich kein neutraler Zeuge meines kreativen Prozesses bin. Ich überlegte mir also, wie ich diese Verdrehung der Wahrnehmung musikalisch darstellen könnte. Für mich geschieht das durch das Filtern, verarbeiten und Verbiegen meiner Stimme und auch der Instrumente. Es geht also nicht darum, neue Instrumente zu verwenden, sondern die Wahrnehmung durch das Beeinflussen der Klangquellen zu verändern.“

Was hat Agnes musikalisch beeinflusst? Wie schon zuvor scheinen da Elemente aus klassischer Musik, Minimalmusik, Avant Garde und Pop ineinander überzugehen.

„Also ich mag schon Philip Glass und Steve Reich und so etwas“, gesteht Agnes, „aber für dieses Album wollte ich mich auf die Stimme als Repräsentation des Geistes konzentrieren. Ich bin ja schon lange an vokaler Musik interessiert – wollte das Ganze aber in meiner Welt ansiedeln und mit der Basis eines Pop-Songs versehen. Es ging also nicht darum, klassische Musik zu machen, weil ich diese Pop-Strukturen sehr mag, denn man kann diese sehr schön verbiegen und so mit den Erwartungshaltungen spielen.“

Was fasziniert Agnes denn so an der menschlichen Stimme?

„Nun, viele Leute, die mit Stimmen arbeiten – wie z. B. Meredith Monk oder David Laing und auch viele ältere Sachen – haben mich darin bestärkt, dass die menschliche Stimme einen archaischen Sound hat. Und es ist interessant, so etwas in einem modernen Pop-Szenario zu implementieren. Man kann auf diese Weise etwas sehr Altes, altertümliches in einem produzierten Umfeld einsetzen.“

Das hört sich ja fast schon mystisch an – und einen mystischen Aspekt hat Agnes Musik ja gewiss auch.

„Ja, das würde ich auch sagen“, pflichtet Agnes bei, „offensichtlich ist Musik selbst sowieso auch mystisch. Wir verstehen ja gar nicht genau, was Musik eigentlich ist. Man kann Musik ja auch nicht wirklich erklären. Wir sind die einzige Spezies auf diesem Planeten, die von der Musik in einer einzigartigen Weise berührt werden, wie es bei anderen Spezies eben nicht der Fall ist. Und dabei hat Musik ja nicht mal keine klare Funktion. Es gibt zwar Theorien darüber, was Musik ist – und die finde ich auch alle interessant. Aber meine Erfahrung ist vor allem, dass man mit der Musik andere Menschen auf eine Weise erreichen kann, die anders nicht möglich ist – wobei ich aber auch nicht genau weiß, wie das funktioniert.“

Musik als unerklärliches Kommunikationsmedium also. Nun, man muss ja auch nicht immer genau wissen, wie etwas funktioniert. Wichtiger ist es, genau hinzuschauen – und das tut Agnes ja auf dem neuen Album ganz intensiv.

Aktuelles Album: Myopia (Deutsche Grammophon / Universal)

Foto: Axel Brüel Flagstad

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