
Lange war Chris Brokaw nicht mehr als Solist in Deutschland zu Gast, und bei seinem Gastspiel in Geislingen hat der Amerikaner, der einst mit Codeine und Come nicht nur die Kritiker jubeln ließ, mangels eines Supportacts besonders viel Zeit, um richtig tief in sein breit gefächertes Schaffen einzutauchen. Im ersten der zwei Sets, die er an diesem Samstagabend in der Rätsche spielt, widmet er sich den Songs seiner aktuellen "Ghost Ship"-LP, die bereits treffend als "maritime Landschaftsmeditation für Gesang und elektrische Gitarre" beschrieben worden ist. So stehen diese effektschwangeren Lieder ganz im Zeichen einer gespenstigen, in den besten Momenten an die mysteriösen Vibes von "Twin Peaks" erinnernde Atmosphäre, die Mal in Richtung Codeine, mal in Richtung Nick Cave zu deuten scheint. Zwischendurch covert Brokaw sogar "I'm The One" von Current 93 und hat dabei keine Mühe, die Nummer wie einen seiner "Ghost Ship"-Songs klingen zu lassen. Nach der Pause wird es dann weniger dramatisch, aber nicht weniger abwechslungsreich, wenn sich Brokaw seinen (They Should Have Been) Greatest Hits zuwendet. Waren die Songs des ersten Sets ganz auf den Sound zugeschnitten, stehen in der zweiten Hälfte die stärker songabsierten Nummern im Mittelpunkt. So gibt er Highlights seiner Solokarriere von "Into The Woods" bis "Depending" zum Besten, spielt Songs von Martha's Vinyard Ferries, seinem Bandprojekt mit Elisha Wiesner (Kahoots) und Bob Weston (Shellac), wagt mit "Red & Yellow" einen Ausblick auf das kommende Album seines neuesten Trios Lupo Citta, erfüllt mit "My Idea" und "Blues For The Moon" Publikumswünsche und beweist bei "Crooked" von Wussy und "Tenderfoot" von Smudge bzw. den Lemonheads auch ein goldenes Händchen für Coverversionen Weil er dabei zwischen dem sanften Instrumental "Trade Winds" und dem wüsten 70-Sekunden-Punkrocker "Betty Ford James" jede erdenkliche Stimmung abdeckt, vergehen mehr als 90 Minuten wie im Flug.
Weitere Infos: chrisbrokaw.com

