
(Büchner, 296 S., 29,00 Euro)
2036 ist aus heutiger Sicht noch eine Weile hin – auch wenn 10 Jahre recht schnell vergehen können. In dieser nahen Zukunft spielt Siegels Roman, in einer Welt, in der der Klimawandel fortgeschritten ist und Dürre auch in Europa ein echtes Problem darstellt. Welch schöner Zufall also, dass die Heldin Paula beim (Aus)Sortieren ihrer Bibliothek ("Eine Kiste für den Verein, eine Kiste für das Institut.") im obersten Regal eine Zeichnung findet. "Dahinter liegen weitere Blätter, lose zusammengeheftet durch ein vergilbtes Fadenkreuz. Wo kommt das denn her?" Sie meint sich an ihre Zeit als DDR-Akademikerin zu erinnern, dort könnte das Konvolut, obschon Raubdruck, in einem Lesesaal gestanden haben. Allerdings in einen, zu dem nicht jeder einfache Student Zutritt hatte, denn es handelt sich um Schriften von Wilhelm Reich. Und der war in "ihrem" Land noch weniger gelitten als im Westen. Die Zeichnung jedenfalls scheint ein Bauplan zu sein, nach dem sich eine Regenmaschine konstruieren ließe. Reich hatte sich schließlich nicht nur mit der "Massenpsychologie des Faschismus" oder der "Funktion des Orgasmus" beschäftigt, sondern war durch seine Forschungen auf universelle Zusammenhänge und Abhängigkeiten von Belebtem und Unbelebtem, von Geist und Materie gestoßen. Eine Anwendung war sein "Cloudbuster", den Paula zum "Wolkenraser" erhebt und nachzubauen gedenkt. Dazu reist sie nach einigem Zögern zu einem ehemaligen Geliebten nach Afrika; der "Colonel" ist im Staatsdienst viel beschäftigt, organisiert aber so manch aufschlußreichen Ausflug. Auch die zwei sich als "Türhüter" entpuppenden afrikanischen Holzfiguren aus Paula Wohnung spielen eine Rolle und außerdem muss eine gute Freundin einbezogen werden - allein übersteigt die Aufgabe die verfügbaren Kräfte. Das sorgt für zusätzliche Verwicklungen, denn auch Carla hat eine nicht gerade einfache Biografie aufzuarbeiten. Wir müssen nun zum einen kürzen und zum anderen wollen wir auch nicht zu viel verraten – jedenfalls vermischen sich in diesem Buch DDR-Geschichte und AfrikaLiebe, Reiselust und LiebesLeid, semi-esoterische Pseudo(?)wissenschaft und Klimaaktivismus, Reich-Exegese und Feminismus zu einem zwar intellektuell recht kalorienreichen, aber in all seinen Abschweifungen zuweilen auch nicht gerade leicht verdaulichen Brei. Stilistisch ist der "Wolkenraser" eine feine Arbeit: die Sätze sind kurz und doch dicht, die 6 Teile des Romans ("Finden" – "Zaudern" – "Reisen" – "Sprechen" – "Erzählen" – "Handeln") sind gute Wegmarken und dass die Sätze jeweils über die Kapitelgrenzen greifen, ist eine feine kleine Marotte. Da ist es zu entschuldigen, dass manch Dialog etwas arg "aufgesagt" wirkt – Siegel braucht die weinseligen Nachtgespräche ihrer Protagonistinnen, um ihre eigenen Gedanken textgerecht einzubinden. Ein verwirrend schönes Buch, dem ein wenig mehr Stringenz aber doch gutgetan hätte.Weitere Infos: www.buechner-verlag.de/buch/der-wolkenraser

