
Ch. Links, 430 S., 34,00 EUR
Die Historisierung der DDR-Popgeschichte findet zwar durchaus statt, hat aber eine deutliche Schieflage in Richtung "underground". Denn inzwischen sind dort selbst die feinsten Verästelungen sorgsam aufbereitet worden; wir erwähnen hier nur die beiden wohl mit Fug und Recht als Standardwerke zu bezeichnenden Bücher "Spannung, Leistung, Widerstand" und "Magnetizdat DDR" von Alex Pehlemann und Nikolai Okunews "Red Metal" über den Ost-HeavyRock (die aber nur die Spitze eines bemerkenswerten Literaturstapels voller pophistorischer Analysen und "oral history"-(Selbst)Darstellung bilden). Seltsam unterrepräsentiert sind jedoch Arbeiten zum DDR-Mainstream-Rock: dort gibt es zwar eine Reihe "Fan-Literatur" und auch diverse "Erinnerungsbücher" von (Ex-)Rock-Stars, eine solide historisch-sozialwissenschaftliche Ausleuchtung fehlt aber (selbst der große Peter Wicke hat m.W. dazu nach 1990 nichts Umfangreicheres veröffentlicht). Diese Lücke versucht Tom Koltermann mit diesem (auf seiner an der Philosophischen Fakultät der Uni Potsdam verfassten Doktorarbeit basierenden) Buch zu schließen. Schon der Umstand, dass sich jemand wissenschaftlich mit der DDR-Rockmusik befasst, ist unbedingt lobenswert, insbesondere, weil dieser jemand qua Alter (der Autor ist Jahrgang 1993) und Herkunft (er stammt aus dem "Westen") frei von jeder Art nostalgischer Anflüge ist. Zudem betrieb Koltermann eine akademischen Ansprüchen (zumeist) gerecht werdende Quellenrecherche (neben Büchern und Zeitschriften etc. dienen auch Radio- und TV-Beiträge als Belege), führte aber auch selbst einige Interviews mit Zeitzeugen (u.a. mit City-Sänger Toni Krahl und Amiga-Chef Jörg Stempel). Seine Hauptthesen lassen sich – arg verknappt – so zusammenfassen: nach dem (mühsamen) Beginn Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre blühte der DDR-Rock auf (mit staatlicher Unterstützung – die zugehörigen Analysen zur "Grauzone", in der Rockmusik im Osten stattfand, und zum erratischen Fördersystem sind durchaus aufschlußreich), "vergreiste" aber spätestens zu Beginn der 80er (den etablierten Bands gelang es kaum noch, mit internationalen Entwicklungen Schritt zu halten, geschweige denn, selbst innovativ zu sein). Das ist – mit Ausnahmen – korrekt. Dann ist Koltermann der Meinung, dass das behördlich vorgegebene Honorarsystem das von ihm gerade im offiziellen Rockbetrieb erkannte "Leistungsprinzip" (ein eher kapitalistischer Zug) aushebelte. Das ist diskutabel. Der Exkurs zur "Vermarktlichung" des DDR-Rocks (mit Ausführungen zum halblegalen Handel mit West-Instrumenten, den aufkommenden privaten Tonstudios und dem offiziell gar nicht existenten Beruf "Bandmanager") ist dann wieder recht erhellend. Anschließend widmet er sich den Wegen der ehemals "großen" Bands, aber auch denen des Staatslabels Amiga und den alten (und neuen) Musikzeitschriften nach dem gesellschaftlich-wirtschaftlichen Umbruch von 1989. Hier hat das Buch (für mich verzeihliche) Schwächen in der Aufbereitung und Argumentation, denn dass z.B. der Niedergang von Amiga nur an fehlenden Vertriebsmöglichkeiten und der Gier mehr oder minder windiger West-Geschäftsleute (die sich mehr für die Betriebsgrundstücke interessierten als für Musik) lag, wird durch die Aussagen von Stempel & Co. nur sehr bedingt gestützt (bzw. werden deren vielleicht subjektiv tatsächlich so vorhandenen, objektiv aber nur schwach belegten Erinnerungen kaum hinterfragt). Und gerade in der Analyse des sich (auch) mit Ost-Musik befassenden Zeitschriftensektors verrennt sich Koltermann ein wenig. Hier werden plötzlich recht ausführlich das eigentlich eher dem underground verpflichtete Leipziger Fanzine "Messitsch" und die ebenfalls eher subkulturell konnotierte Neugründung NMI untersucht, die schnell untergegangenen offiziellen DDR-Druckerzeugnisse "neues leben" und "Melodie & Rhythmus" hingegen nur kurz abgehandelt (unabhängig von der Qualität deren Inhalts wäre eine akademische Auseinandersetzung mit diesen Magazinen wünschenswert!). Dass sich in diesem Abschnitt ein Satz wie dieser findet: "Ganz im Stil der meisten musikalischen Subkulturen in Ostdeutschland war die Zeitschrift [es geht um die vereinigte "NMI & Messitsch"] dem eigenen Anspruch nach nicht explizit politisch." werden ihm übrigens nicht nur ehemalige underground-Aktivisten übelnehmen. Und bei der ausführlichen Beschäftigung mit den in den 90ern in den seltsamsten Zusammenhängen (bis hin zur Kooperation mit der (ex)Ost-Tankstellenfirma Minol) veröffentlichten Samplern mit "Ost-Rock" verliert der Autor mehr als einmal sein Ziel aus den Augen; z.B. bei der etwas hilflos wirkenden Detailexegese der entsprechenden CD-Cover (zudem scheint mir hier einiges fehl-, mindestens aber über-interpretiert). Was bleibt, ist aber seine interessante These vom "Heimatrock", der zufolge das nachwendige Hören von Puhdys-, City- und Silly-Platten auch einer gewissen Form der lokalen Selbstvergewisserung diente. Fazit: Wer sich jenseits von peinlichen Autobiografien in nüchterner, nicht immer leicht lesbarer Form tiefer gehend über das Phänomen "DDR-Rock" informieren möchte, ist hier ziemlich richtig. Wer seine Vorurteile (welcher Art auch immer) bestätigt wissen will, weniger.Weitere Infos: www.aufbau-verlage.de/ch-links-verlag/rock-im-osten/978-3-96289-236-4

