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BIANCA JAMES

Der Glaube an die Musik

BIANCA JAMES

Normalerweise läuft das so, wenn Frau heutzutage als Pop-Künstlerin reüssieren will: Man baut sich über Social Media eine Fanbase auf und/oder geht auf Ochsentour, versucht sich als Straßenmusikerin und nimmt jede Pay-To-Play Gelegenheit wahr, um so vielleicht die Aufmerksamkeit eines A&R-Managers einer Plattenfirma bzw. Labels zu ergattern. Anschließend verkauft man seine Seele gegen das vage Versprechen in Zukunft gegebenenfalls einen Song zu veröffentlichen – oder man heiratet den Chef einer großen Plattenfirma. Alles mit ungewissem Ausgang, da große und kleine Plattenfirmen heutzutage auch nicht mehr so locker an die Sache rangehen. Das muss doch auch einfacher gehen, dachte sich die kanadische Songwriterin Bianca James, ergriff erst mal einen respektablen Job, schrieb so lange eigene Songs, bis sie das Gefühl hatte, ihren eigenen hohen musikalischen Ansprüchen genügen zu können, verkaufte ihren Mini-Cooper und überredete mit dem Kanadier Tom MacKay und dem Grammy-nominierten US-Amerikaner Rob Kleiner gleich zwei renommierte Produzenten dazu, mit diesem Geld ihr nun vorliegendes, selbst betiteltes Debüt-Album Oldschool-mäßig mit einer Riege hochkarätiger Studio-Musiker live im Studio aufzunehmen. Zwar ohne die Unterstützung einer Plattenfirma, aber dafür auch in Eigenregie mit allen künstlerischen Freiheiten. Dass das Album nun klingt wie die Multi-Platinum-Produktion eines etablierten Superstars, spricht dafür, dass Bianca aus ihrer Sicht wohl alles richtig gemacht hat.

Freilich: So etwas erreichen zu wollen und tatsächlich so etwas zustande zu bringen sind doch zwei Paar Schuhe. Und so viel kostet ein Mini-Cooper ja auch nicht. Wie hat Bianca denn die Beteiligten überzeugen können, zusammen mit ihr dieses Abenteuer anzugehen? „Ach ich denke einfach, dass sich alle in die Demos, die ich gemacht hatte, verliebt hatten. Bei guter Musik geht es ja vor allem um gute Songs. Man kann einen guten Song auch dann erkennen, wenn es nur die Stimme und ein Klavier oder eine Gitarre zu hören gibt. Alle waren also sehr an diesem Projekt interessiert und dann hatten die Produzenten ja auch exzellente Beziehungen zu exzellenten Leuten. Diese beiden Komponenten halfen also. Ach ja: Wir hatten auch noch einen Juno-nominierten Tontechniker namens Vic Florencia, der jeden Song für uns gemischt hat. Er hat zum Beispiel mit Olivia Rodrigo oder Jason Mraz gearbeitet und hat uns dieses gewisse Funkeln und diese Politur gebracht. Es ist nämlich wichtig, verschiedene Ebenen zu haben. Ich hatte also Produzenten und ich hatte einen Mixer – und diese beiden Ebenen und diese Kombination von Ausnahme-Ohren halfen sehr, das Beste aus meiner Arbeit herauszukitzeln."

Und was war dann Bianca's eigene Vision, als sie mit den Demos zu ihren Produzenten ging?

„Ich wusste schon, dass ich nach einer Kombination aus Motown, Britisch-Amerikanischen Pop- und Rock im Stile der 1960er und einer Prise 2023 moderner Pop-Sounds suchte. Das machte ich sehr deutlich, dass das meine Traumvorstellung war – und sie erweckten diese dann zum Leben."

Die erste Single, die Bianca James von ihrem selbst betitelten Debüt-Album veröffentlicht hat, heißt „Monaco“ und ist ein schillerndes Loblied auf den Jet-Set-Lifestyle des europäischen Steuerparadieses, das sie im kanadischen Lockdown schrieb. Ist Bianca James denn inzwischen mal in Monaco gewesen?

„Nein – ich war zwar in Frankreich, Italien und jetzt Deutschland – aber in Monaco war ich bislang noch nicht."

Heißt das dann, dass es in Monaco gar nicht darum geht, sich diesen Traum erfüllen zu wollen, sondern mehr so um Inspiration und Motivation?

„Ohhh – ich glaube fest daran, dass Träume auch erfüllt werden sollten“, meint Bianca, „aber das 'Monaco', das ich da besinge, ist mehr so eine Art Idee als ein konkreter Ort. Ich singe da über die Phantasie, die Befreiung und davon wild und frei zu sein. Ich singe also gar nicht wirklich von Monaco. Es ist aber auch so, dass man sich einen Traum, den man hat, am Leben erhalten sollte."

Der Song entstand ja in der Pandemie im Lockdown. Ist da vielleicht auch ein Stück Eskapismus im Spiel?

„Auf jeden Fall“, bestätigt Bianca, „zumindest bei diesem Song. Ich saß im deprimierend kalten kanadischen Winter bei Minus 20° draußen auf dem Boden meines Badezimmers und fühlte mich einfach einsam und kalt. Mein Produzent rief an und fragte, wie ich mich fühlte und ich meinte, dass ich mich gar nicht gut fühle und mich nach Sonnenschein, nackten Füßen und eine Flasche Wein sehnte und irgendwo an der französischen Riviera sein könnte. Als ich dann sagte, dass ich mir wünschte, einfach in ein Flugzeug steigen und nach Monaco fliegen zu können, entstand aus diesem Gefühl heraus dann dieser Song. Ich hatte es also geschafft, in der Pandemie etwas Fröhliches und Aufregendes machen zu können. Und natürlich ist dieser Songs ziemlich eskapistisch."

Die Debüt-LP von Bianca James hört sich an, als habe es bei der Produktion, dem Songwriting oder den Aufnahmen überhaupt keine Probleme gegeben – was unwahrscheinlich ist. Was war denn die größte Herausforderung bei diesem Projekt?

„Gute Frage“, überlegt sie, „ich nenne mal einen spezifischen Song, von dem ich nicht verraten will, welcher es ist. Der war ganz einfach zu schreiben aber überhaupt nicht leicht zu produzieren. Ich ging durch eine Phase, in der ich den Song gar nicht mehr mochte und rausschmeißen wollte. Wir haben dann an dem Song herum-meißeln müssen, bis es passte und ich bin jetzt auch froh, dass wir ihn auf dem Album gelassen haben und nicht meine Stimme der Unsicherheit nachgegeben haben. Ich musste den Stimmen der anderen hören, die etwas spezielles in dem Song erkannten. Das war eine große Herausforderung. Die andere ist zu wissen wenn es fertig ist. Wenn man nämlich nicht irgendwann sagt, dass es fertig ist, kommt man wie ein Maler immer wieder zu seinem Bild zurück und macht immer weiter und ist nie zufrieden. Das ist dann der Fluch des Perfektionismus, dem man irgendwann widerstehen muss. Dabei muss man dann auf sein Bauchgefühl hören."

Und was war die größte Herausforderung als Songwriterin?

"Ich habe mir selbst die Aufgabe gestellt, ausgezeichnete Texte zu schreiben“, führt Bianca aus, „um mich an meine eigenen, hohen Standards zu halten und nicht etwa mittelmäßige Popsongs mit mittelmäßigen Texten zu schreiben, bei denen es einzig um den Beat geht. Ich habe mich bemüht, starke Texte anzustreben. Ob mir das gelungen ist, weiß ich gar nicht, aber das war mein Ziel. Wenn man die Exzellenz zum Standard erhebt, ist das insofern schwierig, als das man selbst nicht beurteilen kann, ob man dieses Ziel erreicht."

Nützt es dabei, sich an Vorbildern zu orientieren?

„Natürlich“ bestätigt Bianca, „ich würde Amy Winehouse, Bob Dylan oder Burt Bacharach als Vorbilder bezeichnen. Menschen, die wirklich zeitlose Songs schreiben können – ungeachtet des Genres."

Welche Bedeutung hat das Album-Projekt für Bianca selbst?

„Woah – das ist eine sehr gute Frage“, überlegt sie relativ lange, „ich denke, der wichtigste Aspekt für mich ist die 'Freiheit'. Weißt Du ich habe alle Songs geschrieben und ausgewählt und keine Plattenfirma hat mir die Pistole an den Kopf gesetzt und mir gesagt, was ich tun soll. Ich habe auch das Team ausgesucht und das Album ist letztlich eine Repräsentation dessen, was ich darstelle und aussagen will. Es ist – wenn man so will – ein Manifest meines künstlerischen Geistes. Ich schreibe Songs, seit ich 5 Jahre alt bin. Meine Motivation war also ein Instrument für meine Kreativität zu werden. Ich weiß nicht, woher diese Kreativität kommt – aber ich habe so viel Freude daran, eine Idee aus meinem Kopf in die Welt zu bringen. Einige Leute glauben an Gott, einige Leute glauben an eine höhere Macht, einige Leute glauben an gar nichts – ich glaube halt an die Musik."

Aktuelles Album: Bianca James (GypsySoulRecords / Warner / Proper Music) VÖ: 04.08.



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