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ALELA DIANE

Die Spur des Fadens

ALELA DIANE

Auf Eines weist Alela Diane hin: Als sie daran ging, die Songs für ihr offizielles Debüt-Album „The Pirate's Gospel“ zu schreiben, und dieses im folgenden auch in unseren Breiten veröffentlichte, war sie eine junge Frau von 19 Jahren, die gerade dabei war, ihren Weg im Leben zu finden. Heutzutage schaut ihr eine 39-jährige gestandene Haus- und Ehe-Frau und Mutter zweier Kinder aus dem im Titel ihres nunmehr sechsten Solo-Albums „Looking Glass“ besungenen Spiegel entgegen und blickt mit einiger Genugtuung auf eine bemerkenswerte musikalische Karriere zurück. Dennoch räumt sie ein, dass „Looking Glass“ in mehrerlei Hinsicht – besonders aber musikalisch – eine Art Zirkelschluss zu ihren Anfängen als Folk-Singer ist. Freilich bleibt es nicht dabei, denn das Bild des Spiegels im Lewis Carollschen Sinne bietet weit mehr, als die Möglichkeit, einen wehmütigen, linearen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

Dennoch sei angesichts der immerhin 20 Jahre, die vergangen sind, seit sich Alela Diane – damals noch in Nevada City – entschloss, sich als Songwriterin zu versuchen, als sich ihre Eltern gerade scheiden ließen, die Frage erlaubt, was sich für Alela im Laufe der Zeit geändert hat – oder aber was vielleicht sogar gleich geblieben ist?

„Na ja – der Prozess des Songwritings hat über die Jahre in vielerlei Hinsicht seinen Charakter für mich schon behalten“, führt Alela aus, „ich nehme dafür immer noch meine akustische Gitarre – obwohl in in den letzten Jahren auch verstärkt auf dem Piano schreibe. Zuletzt habe ich auch Songs geschrieben, innerhalb derer ich dann von der Gitarre zum Klavier wechselte, so dass der Song dann entscheiden musste, ob er ein Gitarren- oder Klavier-Song sein wollte. Mein Prozess Texte zu schreiben ist aber immer noch sehr ähnlich wie früher. Was sich vielleicht geändert hat, ist das Leben. Ich habe mich weiterentwickelt, bin älter geworden und die Inhalte spiegeln diese Entwicklung natürlich wieder. Ich reflektiere immer das, was um mich herum vorgeht. Als ich „The Pirate's Gospel“ herausbrachte, war ich 21 und seither habe ich viele verschiedene Dinge erlebt und bringe diese Erfahrungen dann natürlich auch in meinen Songs zum Ausdruck. Meine erste Scheibe handelte davon, sich von der Kindheit zu verabschieden und die Jugend zu feiern und davon zu singen. Und heute singe ich aus der Perspektive einer 39-jährigen Mutter."

Ist das mit der Zeit dann vielleicht sogar einfacher für Alela geworden, Themen für die Songs zu finden?

„Ich schreibe ja immer über das, was in meinem Leben passiert und da gibt es für gewöhnlich immer eine Menge zu sagen“, erklärt Alela, „das war also nie ein Problem für mich. Als ich jünger war, gab es vielleicht mehr Drama und Chaos in meinem Leben – und es war natürlich immer reizvoll, das als Songwriterin zu nutzen. Meine derzeitige Beziehung ist aber extrem stabil und überhaupt nicht chaotisch. Es gibt also heutzutage nicht mehr diese romantischen Spannungen, die ich früher nutzen konnte. Es ist natürlich immer gut, wenn man einen Breakup-Song zum Thema hat – und das habe ich heute eben nicht mehr. Aber dafür habe ich andere Dinge, die mir wichtig sind. Es gibt also immer noch genug zu sagen. Und dann ist es auch so, dass ich mit einer Handvoll Songs heutzutage auch größere Zusammenhänge anspreche und dabei sozusagen das Chaos der ganzen Welt kommentiere – und nicht nur das meines eigenen Lebens. Weißt Du, diese ganze Beschleunigung des Lebens und die ganze Bandbreite an Erfahrungen, denen wir alle gemeinsam ausgesetzt sind – die ja tatsächlich ziemlich verrückt sind."

Einen Pol der Ruhe fand Alela, als sie mit ihrer Familie in ein altes Landhaus am Rande von Portland zog.

„Ja, das ist wirklich ein sehr verrücktes Haus“, meint Alela begeistert, „es ist wundervoll und magisch. Wir sind vor einem Jahr hier eingezogen und haben es dann mühsam renoviert. Es war viel Arbeit aber das Haus ist so einzigartig und hat eine so gute Energie und wir haben ein großes Grundstück mit Bäumen vor den Fenstern, dass sich zumindest die Illusion eines sicheren Ortes aufrecht erhalten lässt. Unser Leben spielt sich in Portland ab und ganz auf das Land zu ziehen war auch aufgrund der Arbeit meines Mannes keine Option für uns, deswegen waren wir froh, dass wir dieses Anwesen in Portland gefunden haben, denn es ist ein Ort, der nur darauf gewartet zu haben scheint, dass sich jemand findet, der in er Lage ist, seine Magie zu entfalten. Leider habe ich hier noch keine Songs schreiben können. Die Songs entstanden ja in 2020 und 2021 – aber: Der ganze Prozess ging damit zusammen, dass wir umzogen – den einen Ort hinter uns ließen und diesen neuen fanden. Es war alles miteinander verwoben – diese Vision in dieses Haus ziehen zu wollen und das dann zu realisieren. Die ganze Atmosphäre hat sich auf die Songs ausgewirkt. Und dann gibt es noch diesen Song 'Dream A River'. Den habe ich kurz vor der Pandemie geschrieben, als ich heraus fand, dass mein Elternhaus zum Verkauf stand. Ich bin daraufhin nach Nevada City zurückgekehrt und noch ein Mal dorthin zurück gegangen und verbotenerweise durch das jetzt leere Haus gegangen – und habe darüber diesen Song geschrieben. Tatsächlich war es das Gefühl, mein Elternhaus zu verlieren, der den Prozess angestoßen hat, neue Songs schreiben zu wollen."

Wenn Alela davon spricht, so für ihre Kinder ein Szenario erschaffen zu wollen, dass über eine bloße Bestandsaufnahme hinausgeht: Ist das vielleicht dann auch ihre Interpretation des Looking-Glass-Konzeptes, wie es Lewis Carroll in seinen Alice in Wonderland-Geschichten prägte?

„Diesen Titel wählte ich aus verschiedenen Gründen – und einer davon ist natürlich 'Alice In Wonderland', wo im Spiegel alles auf dem Kopf steht“, führt Alela aus, „denn das ist auf vielerlei Art das, was ja tatsächlich gerade passiert: Vieles von dem, was wir als sicher annahmen, erwies sich als Illusion und der Boden wurde uns unter den Füßen weggezogen. Man kann sich heutzutage auf nichts mehr verlassen – die Dinge wurden auf den Kopf gestellt."

Gibt es denn auch ein Element des Eskapismus oder Traumwelt hinter dem Looking-Glass-Konzept?

„Vielleicht“, zögert Alela, „in den Songs, die das 'Looking-Glass' namentlich erwähnen – wie z.B. in 'Strawberry Moon' – spreche ich über Menschen, deren Leben aus dem Tritt geraten ist – wegen Drogenproblemen oder tragischen Ereignissen. Man erfährt von solchen Sachen heutzutage aber auf diese beiläufige Art – auf facebook oder so – weil wir uns alle durch das Looking-Glass beobachten. Auf andere Weise hätten wir überhaupt nicht davon erfahren. Man versucht dann immer die Punkte miteinander zu verknüpfen und herauszufinden, was passiert ist. Eskapismus ist das ja im klassischen Sinne nicht – aber eben auch keine echte Realität. Mein 'Looking Glass' ist auch ein Spiegelbild für die Art von Kommunikation, die wir heutzutage pflegen."

Wonach sucht Alela denn, wenn sie einen Song schreibt? Wie schon eingangs erwähnt, scheint sich mit „Looking Glass“ ja auch irgendwie ein Zirkel zu schließen.

„Ich denke, dass es alles mit einem Gefühl anfängt, dass sich auf einem Instrument äußert. Ich sitze dann mit meiner Gitarre im Studio und manchmal passiert dann so etwas – und manchmal auch weniger – aber man muss Raum für die Inspiration schaffen. Das ist das Wichtigste. Für mich ist es immer ein Art Erlösung, wenn ich einen Song schreibe und eine Melodie finde. Das ist ein bisschen so, wie einen Faden zu finden und diesem dann zu folgen. Man muss dann am Ball bleiben. Wenn ich dann auf der Gitarre zu nichts kommen, dann wechsele ich vielleicht ans Klavier und dann erschließt sich vielleicht, in welche Richtung es gehen soll. Und vielleicht wechsele ich dann wieder zur Gitarre? Das hilft dann verschiedene Pfade zu entdecken."

Und wenn gar nichts hilft, dann kann man ja immer noch in den Spiegel schauen. Alela Diane wird zunächst nur eine Handvoll Showcases auf einer Promo-Tour spielen – aber im Februar dann auch für eine „richtige“ Tour in unsere Breiten zurückkommen.

Aktuelles Album: Looking Glass (Naive) VÖ: 14.10.



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