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HELENA DELAND

Alles nicht so einfach

HELENA DELAND

Coole Indie Queens kommen ja gemeinhin eher aus den kreativen Zentren der USA – Los Angeles, New York oder Portland, Oregon etwa. Aber nicht nur dort, sondern auch in Kanada gibt es kreative Frauen, die ihr musikalisches Geschick jenseits traditioneller Genre-Formate nutzen, um zu einer eigenen musikalischen Sprache und Identität zu finden.

Und dazu gehört seit einiger Zeit auch Helena Deland aus Montreal, die seit 2015 tätig ist und es 2018 bereits fast schaffte, ein Debütalbum zu veröffentlichen – sich dann allerdings dagegen entschied, weil sie das von ihr gewünschte Sound-Design noch nicht gefunden hatte. Tatsächlich ist die Musik von Helena auch heute noch recht eklektisch, experimentell und alles andere als einfach. Anstatt aber – wie bei ihrer EP-Serie „Altogether Unaccompanied“ - verschiedenste Stilistiken und musikalische Genres gegeneinanderzustellen, gelang es ihr – zusammen mit ihren Partnern Valentin Ignat und Gabe Wax - die Songs ihres nun vorliegenden Debütalbums „Someone New“ in einem vergleichsweise kohärenten, New-Wave-Dreampop-Setting anzurichten.

Dabei scheint Helena ein probates Mittel für den Angleichungsprozess gefunden zu haben, denn sie lässt auf der LP die Extreme weg. Früher hatte sie etwa geradlinige Grunge-Rock-Songs wie „Black Metal“ und feinsinnige, akustische Folkballaden wie „Two Queries“ im Angebot. So etwas gibt es heute nicht mehr.

„Das stimmt“, pflichtet sie bei, „ich habe die Bandbreite etwas komprimiert. Das habe ich gemacht, indem ich bereit war, die Produktion stärker zu betonen. Ich sehe die Aufgabe der Produktion jetzt darin, eine Idee so weit wie möglich auszuformulieren. Es ging mir dabei nicht mehr darum, jeden Song unterschiedlich anzugehen. Ich konzentrierte mich darauf, es einheitlich zu gestalten.“ 

Wie entstehen denn die Songs? Helena's Tracks klingen jedenfalls so, als schreibe sie ihre Texte zuerst und hangele sich dann musikalisch an diesen entlang.

„Ehrlich gesagt passiert aber beides zugleich“, widerspricht sie, „ich habe oft eine Melodie und eine Textzeile gleichzeitig im Kopf. Das ist dann das Kernstück des Songs, und um das herum arbeite ich dann. Meistens läuft das so ab, dass ich nach einem Inspirations-Blitz sehr schnell einen Refrain und eine Melodie schreibe und dann geht es darum, die Sache irgendwie in Fluss zu bringen. Das kann trickreich sein. Momentan habe ich zum Beispiel zehn neue halbe Songs – aber keinen kompletten. Für mich funktioniert dieser Prozess zum Glück.“

Was ist besonders wichtig für Helena als Songwriterin?

„Meine Lieblings-Songs haben immer kleine Wendungen“, überlegt sie, „meine Lieblings-Romane auch. Man kommt zum Ende und realisiert, dass die ganze Sache ganz anders war, als man dachte. Es geht auch um einen Spannungsbogen innerhalb des Songs. Das ist aber sehr schwer hinzubekommen und passiert eher zufällig – macht aber großen Spaß, wenn es klappt. Und auf der musikalischen Seite muss ein Song eine eigene, kleine, einladende Welt darstellen. Das zeichnet die Magie der Musik für mich aus.“
Strebt Helena damit vielleicht eine gewisse visuelle Note in ihrer Musik an?

„Ich schätze schon“, überlegt sie, „ich fange sowieso visuelle Vibes von der Musik auf. Wenn ich an meinen eigenen Songs arbeite, versuche ich auch immer so etwas anzustreben. Es ist aber keine sehr präzise Sache, denn es fällt mir sehr schwer, Videos zu machen, da Musik in mir keine konkreten Bilder erzeugt – eher so Schwingungen."

Helenas Texte sind komplexe und vielschichtige Gesamtkunstwerke in denen sich innere Monologe, Situations-Schilderungen, philosophische Gedankengänge und konkrete Referenzen, die aber für Außenstehende keinen Rückschluss auf die Bedeutung zulassen tummeln. Sind das eigentlich Gedankengänge, die sich Helena bewusst erarbeitet – oder kommt das alles aus dem Unterbewusstsein?

„Ich strebe das schon an“, räumt Helena an, „es hat wahrscheinlich mit meiner Art zu tun, Dinge zu verstehen und zu verarbeiten und wie ich mich dabei fühle. Das kommt schon aus dem Unterbewusstsein. Aber andererseits gibt es auch die Verantwortung das Ganze so zu formulieren, dass es für andere zumindest relevant und lebendig sein könnte.“ 
Geht es dabei darum, den Hörer einzubinden?

„Ja, Musik macht das ja sowieso – ob man das nun beabsichtigt oder nicht“, gibt Helena zu bedenken, „Musik ist ja eine sehr kommunikative Sache. Man erlebt sie als Zuhörer auf einer sehr persönlichen Ebene. Ich habe dabei sehr konkrete Zuhörer im Sinn, wenn ich solche Songs schreibe und ich möchte auch, dass Sachen, die ich sage, Sinn machen können. Es geht nicht um freie Assoziationen oder Gedankengänge. Ich gebe ja zu, dass es trotz allem ein wenig kryptisch ist, aber es liegt eine konkrete Idee zugrunde.“
Wie geht es denn weiter mit Helena Deland? Geht es eher in die Breite oder möchte sie lieber immer weiter mit der Musik experimentieren?

„Das würde mir schon gefallen“, räumt sie ein, „die Zukunft ist heutzutage aber sehr schwer zu erahnen – speziell nach den Erfahrungen des letzten Jahres. Wenn ich aber Glück habe, dann würde ich gerne weiter machen wie bisher. Ich habe keinen 15-Jahres-Plan, aber einen 2-Jahres-Plan – und der beinhaltet definitiv Musik.“

Aktuelles Album: Someone New (Luminelle Recordings) Vö: 16.10.

Foto: Eli Sheiner Oda

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