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STEPHEN MALKMUS

„Eigentlich bleiben die Akustikgitarren im Schrank“

STEPHEN MALKMUS

Stephen Malkmus macht, was er will: Nachdem sich der amerikanische Tausendsassa 2018 mit dem Album ´Sparkle Hard´ auf bekanntem Slacker-Rock-Terrain bewegt hatte, überraschte der einstige Vordenker der 90s-Indierock-Institution Pavement im vergangenen Jahr mit der Elektronik-Fingerübung ´Groove Denied´, um jetzt mit dem größtenteils akustischen Album ´Traditional Techniques´ ein Faible für freigeistigen Folk zu offenbaren.

So manch langjähriger Fan mag sich verwundert am Kopf kratzen. Stephen Malkmus unplugged? Soll das ein Scherz sein? Nein, ist es nicht, wenngleich der inzwischen 53-jährige Amerikaner im Westzeit-Interview zugibt, dass die Kurskorrektur auch für ihn unerwartet kam.

„Bei mir zu Hause bleiben die Akustikgitarren eigentlich meistens im Schrank“, gesteht er lachend. „Für elektrische Gitarren oder einen Moog oder ein Mellotron bin ich immer sofort zu begeistern, aber bei Akustikgitarren ist mein erster Gedanke für gewöhnlich: Ach, das tut wieder beim Spielen weh!“

Doch während er in der Vergangenheit lange mit lauten Rock-Songs die ganze Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gezogen und sein Ego gestreichelt hat, verfolgt er mit ´Tradtional Techniques´ andere Ziele:

„Natürlich will ich keine reine Hintergrundmusik machen, aber mir stand der Sinn nach etwas mit gedämpfter Lautstärke, das einfach ein wenig chilliger ist“, erklärt er, bevor er mit Blick auf seine herrlich abstrusen Nonsense-Texte lachend hinzufügt: „Unverändert ist nur der Typ, der dazu Blödsinn brabbelt.“

Entstanden war die Idee einer Akustik-Platte bei den Aufnahmen zu ´Sparkle Hard´, das im Halfling Studio in Portland mit Chris Funk von The Decemberists am Mischpult eingespielt wurde. Dort gab es eine große Sammlung akustischer Instrumente, was in Malkmus den Wunsch weckte, neue Wege zu beschreiten. Trotzdem hat er sich ´Traditional Techniques´ nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt, oder wie er es ausdrückt:

„Ich habe nicht allein am Lagerfeuer gesessen und das Beste gehofft.“

Stattdessen hörte er im Vorfeld der Studiosessions viele Privatpressungen alter Folk-Platten, um sich in das Genre und seine Feinheiten reinzufuchsen, probte viel, um die richtige Tonlage für die neuen Lieder zu finden, und nahm Demos auf. Dabei nahmen manche Stücke ganz neue Formen an.

„Einige der Nummern waren ursprünglich eher Rock-, oder besser Country-Rock-Songs“, sagt Malkmus. „Von ´What Kind Of Person´ zum Beispiel existiert ein Uptempo-Demo, auf dem ich Schlagzeug spiele und das ein bisschen an den alten Pavement-Song ´Trigger Cut´ erinnert.“

Andere Lieder entstanden erst, als bereits feststand, dass aus der LP eine Folk-Platte werden sollte, und wurden in dem Wissen geschrieben, dass dabei unter anderem auch Musiker aus Algerien mitwirken würden. Das hat dazu geführt, dass Malkmus entsprechende Tonarten verwendete und die Songs etwas vertrackter wurden. Bisweilen wurde er aber auch vom Resultat seiner eigenen Arbeit überrumpelt. „´Xian Man´ war eigentlich als Song im Geiste des Singer/Songwriters Gordon Lightfoots gedacht, aber dann ist etwas ganz anderes daraus geworden. Als die Band die Nummer spielte, kamen plötzlich afrikanische Elemente, ein treibender Velvet-Underground-mäßiger Beat und ein Gitarrensolo dazu. Daran hatte ich anfangs nie gedacht!“

Trotz einer gewissen Spontaneität in der Herangehensweise hatte Malkmus aber nie das Gefühl, sich auf dünnes Eis zu begeben.

„Mir ist wichtig, dass ich mit der Art von Musik vertraut bin, der ich mich nähere, und über ein ausreichendes praktisches Wissen dazu verfüge“, erklärt er. „Wenn ich eine Folk-Platte mache, ist das ja nicht so, als wenn einer von den One-Direction-Jungs plötzlich ein Grunge-Album aufnimmt! Eine Hip-Hop-Platte könnte ich dagegen nie machen. Ich wüsste gar nicht, wie das geht!“

Dem unerwarteten stilistischen Schlenker folgt nun die Rückkehr in den sicheren Hafen. Im Mai steht Malkmus für zwei exklusive Reunion-Konzerte bei den Primavera Festivals in Barcelona und in Porto erstmals seit zehn Jahren wieder mit Pavement auf der Bühne und versucht im Vorfeld, die Erwartungen klein zu halten.

„Ich bin gespannt darauf, die alten Lieder wieder zu spielen und zu sehen, welche Gefühle das in mir auslöst und wie sich die Lieder in heutigen Zeiten schlagen werden“, sagt er und fügt lachend hinzu: „Ich freue mich auch darauf, die anderen aus der Band zu sehen, wie sie vor Nervosität zitternd auf der Bühne stehen. Das wird ein Riesenspaß!“

Aktuelles Album: Traditional Techniques (Domino) VÖ: 06.03.


Weitere Infos: stephenmalkmus.com Foto: Samuel Gehrke

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